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Neue Nationalzeitung · 1909-08-13 · Heft 17 (13.8.1909) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 17 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 17 Stürmisch zieht es den Knaben empor zur Höhe. Ferne in der Stadt ängstigt sich die Mutter in Tränen, vergebens harrt sie des Kühnen, die Sonne neigt sich, geht unter. Auf dem Libanon Schweigen, auf Hermons Spitzen dunkle Stille. Wahrlich dieser poetische Gedanke von dem unwiderstehlichen Drange nach oben, welcher die Ruhe und den Frieden des Tales nicht achtet, erinnert vielfach an Goethe, der ihm in einigen seiner lyrischen Dichtungen (man vergleiche die wunderherrliche Fabel vom „Adler und der Taube") Ausdruck vergehen. Und so müßten wir diese Gedichte K aminkas förmlich aus- und abschreiben, wollten wir auf aUe die Schönheiten und die Gedankenfülle, die sie darbieten, aufmerksam machen. Wir zitieren nur die Gedichte: „Sintflut" („Mabbul"), „Meeresspaltung« („Krijath Jam- Suph"). Sehr sinnreich ist auch die Widmung „An den Kaiser Marcus Aurelius Antoninus", als der Dichter dessen Werk: „Eis heauton", „An sich selbst" (Commenlarios, quos sibi ipsi scripsit") aus dem Griechischen ins Hebräische übertrug. Vortrefflich ist die Uebersetzung von Viktor Hugos Gedichte „Das Schiff", dessen Schlußstrophe hier angeführt werden mag: „Das Meer, der Herr ist's in Sturm und Frieden; Von ihm stammt Glück und Unglück hienieden. In den Sternen ist Gott, der Allmächtige in den Stürmen, Der Mensch — das Schiff, das Schwankende." Die Sprache des Buches Hiob, an die uns besonders das Gedicht „Mabbul" mahnt, kommt auch in dem „Tephilloth", dem zweiten Teile unserer Gedichte, zum Ausdruck. Wir haben es hier nicht mit demütigen Gebeten zu tun, sondern mit dem Ringen einer sturmbewegten Seele, welche sich von dem „prof?num vulgus", der „Adath Boarim", dem Gezanke und Gejohle der gemeinen Menge weit entfernt und zu den Sternen emporstrebt. Ein starker subjektiver 'J on, der des wahren Lyrikers, geht durch diese Sturmgesänge, in denen der Dichter mit seinen Gegnern — viel Feind', viel Ehr' — Abrechnung hält. Stark fließt das dramatische Blut in den drei Szenen „Acher oder der Tod desElischah benAbuj a h", der nicht nur aus der Agada, sondern, dies sei für einen weiteren Leserkreis bemerkt, auch aus Gutzkows „Uriel Acosta" bekannt ist. Dieses dramatische Gedicht erinnert an „Faust". Die erste Szene enthält einen Dialog zwischen Elischa und seinem berühmtesten Schüler Rabbi Meir. Elischa hat sich von Gott losgesagt, „das Joch des Himmelreiches, das schwer auf seinen Schultern gelastet, zerbrochen." Zu einem „Acher", einem anderen, einem Fremden hat er sich verwandelt. Schaudernd vernimmt es der Schüler, der, nach seinem eigenen Ausspruche, den Kern der Lehren seines abtrünnigen Meisters genossen und die Schale weggeworfen. Herrlich und zu den schönsten Poesien der neuhebräischen Literatur gehört Elischas Monolog in der zweiten Szene dieses dramatischen Gedichts, der mit den Worten endet: „In deiner Hand, o Satan, bin ich, bereit zu jeder Untat, Ist kein Gott mir, so wende ich mich den Teufeln zu . . ." Und nun erscheint ihm, in der dritten Szene, der „unreine Geist", das ist, nach Resch Lakisch, „der Satan, der böse Trieb, der Todesengel." Ihm verschreibt sich — ein zweiter Faust — Elischa. Den dem Scheol Geweihten findet der treue Schüler Meir tot und ruft aus: „Höchster Gott, wie furchtbar ist deines Gerichtes Ratschluß! Der Welten Brand lösch' ich aus mit meiner Tränen Erguß." Selten ist eine tiefsinnige Erzählung der Agada mit soviel Poesie bearbeitet worden. Nicht ohne Ergriffenheit wird man von diesem Menschengeschicke lesen, das, wie Grillparzer sagt, mehr als ein Menschenleben bedeutet. — Der dritte Teil bringt „Hassulim", das ist Satiren. „Was verbietet, nach Horaz, dem Lachenden" — und fügen wir hinzu, dem unter Tränen Lachenden — „die Wahrheit zu sagen?" Eine prächtige Satire ist die, welche sich „Hamatikim" („Die Uebersetzer", gemeint sind die griechischen Bibelubersetzer, die „Septuaginta") betitelt. Die schweben zwischen Himmel und Erde. Sie wissen nicht, sind sie Heiden oder Juden. Der Dichter trifft sie im Himmel, umherirrend. Er tröstet sie. „Wie Ihr," sagt er ihnen, „sind viele unten, auf der Erde bei uns." Aber, sagt er ihnen, wenn sie schon im Eden weilen, mögen sie fein bescheiden bleiben, den Gibeoniten gleichend, die als Holzspalter in der Gemeinde des Herrn einst (nach dem Buche Josua) Aufnahme fanden. „Denn nur die hebräisch Schreibenden sind Herren in des Himmels Höhen." Diese Satire 5650, also vor 19 Jahren geschrieben, spottet wohl des Pharisäer Hochmut, dem fremde Wissenschaft, das Lesen fremder Bücher ein Greuel war und ist. Vortrefflich ist auch die Satire, welche an die Erzählung im „Buche der Könige" anknüpft, die berichtet, wie Knaben den Propheten Elisa wegen seiner Glatze verspotteten und gegen jene Buben loszieht, die den Ruhm eines Menschen „nicht in seinem Wissen, sondern in seinen Haaren* find»;n. Diese Satire verdiente umso größere Verbreitung, je aktueller ihr Inhalt in unseren Tagen wird, in denen man einen zufälligen Fehler, der oft dem Bedeutendsten anhaftet, an die große Glocke hängt und darüber seiner Vorzüge mit viel Absicht und wenig Wohlwollen vergißt. Prächtig ist auch das Gedichtchen „In der Sommerszeit" („Bakajiz"), die Flucht an die Seen und die See und in die Berge schildernd. Der Dichter sagt sich: „Bin ich nicht für mich, wer ist für mich? Soll ich allein in meines Angesichts Schweiße mich baden V Und ich nahm Stab und Tasche Und flüchtete auf den Felsen, an den See." Mit diesem launigen Poem schließt die schöne Gedichtsammlung. Das Gedichtchen selbst entstand vor drei Jahren in dem herrlichen, bergumschlossenen Aussee. Kaminka, den wir als vortrefflichen Bearbeiter der „Literatur der geonäischen Zeit", „der rabbinischen Literatur der spanisch-arabischen Schulen", „der Halacha in Italien, Frankreich und Deutschland" kennen und schätzen lernten,*) ist uns in der vorliegenden Gedichtesammlung als höchst eigenartiger Dichter in der neuhebräischen Sprache entgegengetreten, der sich den klassischen Vertretern unserer neueren hebräischen Literatur, wie Wessely, Samuel David Luzzato, Salomon Jakob Cohn, Letteris, Lebensohn, Gordon, Mandelkern u. a. würdig an die Seite stellt. Der moderne Ideenkreis seiner Poesie, die schwungvolle Sprache, die er zur Klassizität emporhebt, originelle Wendungen machen ihn würdig, zu den besten gezählt zu werden, welche ihre Gedanken und Gefühle mit dem alten Gewände der nie untergehenden heiligen Sprache bekleideten. Was er in seinem Gedichte „Ibrith" über die hebräische Sprache sagt und singt, wir stimmen dem vollständig zu. *) Vergl. Wünsche und Winter: „Die Jüdische Literatnr", II. Band.

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