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Neue Nationalzeitung · 1909-08-13 · Heft 17 (13.8.1909) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 17 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" _ ____ Nr. 17 Ueber den Wunderrabbi von Sadagora, der sich gegenwärtig zur Kur in Karlsbad aufhält, läßt sich die Berliner „Vossische Zeitung" einen ausführlichen Artikel schreiben. Es sind lauter „Entdeckungen", die der geistreichelnde Korrespondent da macht. So lesen wir : „Der Rabbi bewohnt in einem vornehmen, am Elisabethkai prächtig gelegenen Logierhause eine Flucht Zimmer, in deren erstem wir von zwei galizischen Glaubensgenossen in der Originalverpackung — das heißt langem Kaftan, mit Ringellöckchen und mit schwarzem Käppchen auf dem Kopf — in Empfang genommen wurden. Die Herren, die im übrigen einen durchaus kultivierten Eindruck machten, gaben sich als Diener zu erkennen und meldeten uns an, worauf wir nach kurzem Antichambrieren vorgelassen wurden. Der erste Eindruck, den wir hatten, war eine Enttäuschung, denn statt eines würdigen, weißbärtigen Patriarchen, den wir erwartet hatten, fanden wir einen jungen Mann in den Dreißigern vor, mit schönem, christusähnlichen Kopf, etwas müdem Gesichtsausdruck und von einer auffallend weißen, mädchenhaften Hautfarbe. Im seidenen Kaftan und Samtkäppchen tronte er rauchend auf dem Sofa und lud uns mit huldvoller Handbewegung ein, ihm gegenüber Platz zu nehmen, worauf eine Unterhaltung begann, an der allerdings der Rabbi selbst am wenigsten teilnahm, was daran lag, daß er anscheinend uns nur wenig, wir dagegen ihn so gut wie gar nicht verstanden, d6nn er sprach jiddisch-deutsch, in einem Jargon, der uns wie eine völlig fremde, unbekannte Sprache anmutete. So unterhielten wir uns hauptsächlich mit einem bei ihm befindlichen älteren Galizier, der eine Art Adjutant oder Generalsekretär zu sein schien, sehr redselig war und über alles, was wir zu wissen wünschten, bereitwilligst Auskunft gab. So erfuhren wir denn, daß der Großrabbiner Aron Friedmann, so nennt sich der jetzige Würdenträger, kein staatliches oder Gemeindeamt bekleidet, auch keinerlei seelsorgerische Funktionen ausübt, überhaupt nicht eigentlicher Geistlicher ist, sondern daß es sich um eine seit zahlreichen Generationen vom Vater auf den Sohn vererbte Würde handelt, die, ohne daß es einer Neuwahl oder sonstigen Bestätigung bedarf, bei jedem neuen Inhaber von der nach vielen Tausenden zählenden Anhängerschaft der Chassidim in Galizien, der Bukowina und Rußland widerspruchslos in blinder Ergebenheit anerkannt wird. So thront dieser Großrabbiner wie ein Papst, den die Chassidim freiwillig über sich gesetzt haben, über diesen Tausenden, die zum Teil aus den fernsten, entlegensten Gegenden angereist kommen, um seinen Rat und Schiedsspruch in Familienangelegenheiten, in rechtlichen und religiösen Streitfällen zu erbitten, sowie Verträge vor ihm abzuschließen und die seinem Urteil sich blindlings fügen. Durch die Gaben, die diese Anhänger ihm spenden, also eine Art Peterspfennig, wird er unterhalten, und diese Gaben müssen reichlich fließen, denn er nennt einen umfangreichen Besitz an Gebäuden und Liegenschaften in und bei Sadagora — einem Marktflecken in der Nähe von Czernowitz — sein eigen, hält für seine ausgedehnte Korrespondenz einen ganzen Stab von Sekretären und Schreibern, führt einen überaus kostspieligen Haushalt und übt eine umfangreiche, wahrhaft orientalische Gastfreundschaft. Interessant war uns die Mitteilung, daß der Großrabbiner, wie seine Vorfahren, türkischer Untertan und deshalb sowohl vom Militärdienst, wie mit seiner Nachkommenschaft vom Zwang der deutschen Schule befreit ist." Unsere P. T. Abonnenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflicht ersucht. Die Administration. Literatur. Neubebräische Dichtungen der Gegenwart. Detlev von Liliencron, einer der deutschesten unter den modernen Dichtern, läßt in seinem „Mäcen" — es ist dies ein vortrefflicher Roman, benannt nach einem stets hilfsbereiten Beschützer hilfebedürftiger Dichter — den Helden folgende sehr beherzigenswerte und wahre Worte sagen : „Früher schrieb jeder Deutsche Gedichte und las jeder Deutsche Gedichte. Auch heute noch schreibt jeder Deutsche Gedichte, aber kein Deutscher liest mehr Gedichte." Und wer liest heute hebräische Gedichte? Wieviele vermögen sie zu lesen V Die Sprache Hiobs und Jesaias, wievielen ist sie geläufig? Und wie wenige vermögen in den Geist der Bibelsprache einzudringen, hebräisch zu denken? Dies alles kam mir in den Sinn, als ich das vorzügliche, klassische Hebräisch der Dichtungen las, mit denen uns soeben D r. A r m a n d Kaminka beschenkte, denen er den bezeichnenden und sinnvollen Titel „Zohoraim" gegeben, („Mittag" nach Hiob XI, 17 „Heller wie der Mittag, erstrahlt dein Leben").*) Mit Wehmut erfüllte sich mein Herz. Denn ich bedauerte, daß es verhältnismäßig wenigen gegönnt ist. sich an der herrlichen Sprache und dem tiefsinnigen Inhalte dieser Poesien zu erfreuen. So klagt denn auch der Dichter selbst in dem ersten Gedichte, das diese Sammlung einleitet; Hebräische Gesänge, fragt jemand nach euch, schätzt euch jemand? Kein guter Engel schlägt rings um euch sein Lager auf. Mögt ihr in das Gedränge der Straßen euch wagen, Kein Wohlgefallen findet man euch, ihr findet keinen Käufer. Wir bemerken sofort, daß diese schwächliche Uebersetzung den Glanz der hebräischen Sprache Ka minkas kaum wiedergeben kann. Es freut uns, den Gelehrten K a m i n k a nun auch als Dichter begrüßen zu können und aus seinem Munde die Klänge der alten heiligen Sprache zu hören; mit ihm wünschen wir, „daß sie ewiglich nicht vergessen werde." Wenn wir nun näher auf die Poesien eingehen, mit denen Kaminka uns beschenkte, gestehen wir, daß uns besonders das Gedicht „Ba-Lebanon Durnijah" („Stille auf dem Libanon", 5667=1907 im „A!om-Welt" zuerst erschienen) besonders ergriff. Ein Zwiegespäch enthält es zwischen Mutter und Sohn. Die Mutter warnt den Sohn, sich auf die Höhen des Libanon zu begeben: „Was suchst du, mein Sohn, auf Hermons steilen Höhen? Bleib bei mir, verlass' nicht das Haus! Was erschaust du auf dem Libanon? Seine Wege sind furchtbar, Verlassen seine Pfade, nichts als Dorngcstriipp . . In der Höhe, auf dem Berge, nur Kälte und Frost ..." „Lass' mich, Mutter, von Gluten brennl's mir im Fleische! Weit dehnt sich der Himmel dort, mächtig das Licht, lieblich der Schatten, Jubelgesänge ertönen dort und mächtig erglänzt der Felsen." *) ,Zohoraim", neue und alteGedichte (Schirini chadoschim gam jeschonim) von Dr. Armand (A h r o n) K am i n k a, Wien. 1909. Buchdruckerei A. H. Z u p n i k, k. u. k. Hoflieferant, D r o h o b y c z.

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