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Neue Nationalzeitung · 1909-08-13 · Heft 17 (13.8.1909) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 17 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 17 Seite 7 -^j ALLEN WClttCiLEN Eine Gesellschaft für jüdische Statistik in Paris. Dieser Tage wurde in Paris eine Gesellschaft für jüdische Statistik ins Leben gerufen. Das Projekt ist nicht neu, denn es stammt noch vorn verstorbenen Bernhard Lazare, der einen vollständigen fertigen Arbeitsplan für eine solche Gesellschaft entworfen hatte. Seine damaligen Versuche zur Gründung einer solchen Gesellschaft blieben jedoch aus mehrfachen Gründen erfolglos. Nunmehr scheint das Projekt doch feste Formen anzunehmen, denn dem provisorischen Komitee haben sich die hervorragendsten Vertreter aller Berufe, Mitglieder der Universität, des Barreaus und der freien Berufe angeschlossen. Unter ihnen befinden sich die Professoren Silvain L e v y, Bäsch, Isidor Le vy und M a u ß, ferner die Herren Direktor Sonnenfeld, Direktor Meyer söhn und Sekretär S c h w a r z f e 1 d von der „Ica", der Bruder Bernhard Lazares, Colonel B e r n a r d, der Präsident der „Allianee" und der „Iea", Narcisse Leven, welch letzterer als Präsident der Gesellschaft in Aussicht genommen wurde. Die eigentliche Tätigkeit der Gesellschaft wird erst im Oktober dieses Jahres in Angriff genommen werden. Wir beglückwünschen die Gründer dieser Gesellschaft herzlichst. Sie haben damit auch dem Andenken Lazares ein Denkmal gesetzt. Warum ist aber eine solche Gesellschaft in 0 e s t e rreieh nicht möglich? Soll denn da wirklieh durch die Kaha'-Kliquen und die Partei-Fanatiker jede geistige Regung im Judentum erstickt werden? Ein entsetzlicher Mord in einer argentinischen Kolonie. Unter der jüdischen Bevölkerung in den argentinischen Kolonien herrscht große Aufregung über den schrecklichen Mord, der dieser Tage in der Kolonie „Louiscnville" in der Provinz „Entre-Rios" begangen wurde. In der genannten Kolonie wurde auf die entsetzlichste Art und Weise eine jüdische Familie (zehn Personen) hingeschlachtet. Die Mörder begnügten sich nicht mit ihrer schändlichen Tat, sondern begossen die Leichen mit Petroleum und zündeten sie an. Der Vater der Familie heißt Jakob Arkuschun. Er war erst vor einem Jahre nach Argentinien gekommen und hat sich dort auf Rechnung der „Icau als Kolonist niedergelassen. Das Eigentümliche dabei ist, daß ungefähr vor zwei Jahren in dieser Kolonie auf dieselbe Art und Weise bereits ein Mord begangen worden ist. Damals fielen den Mördern eine Witwe mit zwei Kindern zum Opfer. Der Verdacht der Kolonisten lenkt sich gegen den Polizeikommissär Basovilbaro, der sein Amt sehr nachlässig verwaltet und nur dank der Protektion seines Bruders, der einen ansehnlichen Staatsposten bekleidet, geduldet wird. Oberrabiner Dr. Alexander Rosenberg in Arad, einer der hervorragendsten Rabbiner Ungarns, ist jüngst verschieden. Während des Leichenbegängnisses wurden in den Gotteshäusern aller Konfessionen die Glocken geläutet, auch wohnten der Trauerzeremonie die Geistlichkeit sämtlicher Konfessionen und viele Honoratioren an. Ein Kongress für hebräische Sprache und Literatur. Zum Zwecke der Einberufung eines hebräischen Kongresses hat sich in Berlin ein Komitee gebildet, dem sich nicht bloß hervorragende hebräische Schriftsteller, sondern auch Personen der verschiedensten Berufskreise in- und außerhalb Deutschlands angeschlossen haben. Der Kongreß soll im Dezember d. J. stattfinden und nachstehende Aufgaben erfüllen : 1. Die Grundlagen und das Programm einer Gesamtorganisation zur Förderung der lebendigen hebräischen Sprache, der hebräischen Literatur und der hebräisch-sprachlichen Erziehung auszuarbeiten. 2. Eine sichere reale Basis — etwa in der Form der Begründung eines Fonds — zu finden, die allen Teilen dieser Tätigkeit den Bestand sichern soll. Der hebräische Kongreß ist nicht die Versammlung dieser oder jener Gruppe und Partei, sondern eine allgemein nationale Versammlung und jeder Jude, der die hebräische Sprache als Nationalsprache betrachtet und an einer organischen Arbeit im Dienste ihrer Wiedergeburt mitzuwirken wünscht, kann daran teilnehmen. Die Tagesordnung und die in Aussicht genommenen Referate, sowie die genauen Angaben über Zeit und Ort, werden demnächst bekanntgegeben werden. Die Adresse des Sekretariates ist: Dozent Dr. Baneth, Berlin G., Rosenthalerstrasse 25. Das Kruzifix in einer jüdischen Schule. Rabbi Akiba hat doch nicht ganz recht gehabt. Es kommen noch Sachen vor, die allerdings noch nicht dagewesen sind; und gerade in dem klerikal-national-öslerreicbisehen Mischmasch sind Ueberraschungen nicht ausgeschlossen. Die Judengemeinde in Lomnitz als selbständige politische Gemeinde — wie es deren in Mähren mehrere gibt — erhält eine jüdische Gemeindeschule mit deutscher Unterrichtssprache. Infolge der stetigen Abnahme der jüdischen Einwohner wird die Schule gegenwärtig von einer Mehrheit katholischer Schulkinder besucht, so daß die Gemeinde nach dem Gesetze genötigt war, einen christlichen Schulleiter anzustellen. Nun hat am 12. Oktober 1908 das Lomnitzer Pfarramt an den Vorstand der israelitischen Gemeinde und ihren Ortsschulrat das Verlangen gestellt, aus Gemeindemitteln ein Kruzifix anzuschaffen und im Schulzimmer anzubringen. Der jüdische Ortsschulrat wies dieses Verlangen in einer Eingabe an den Bezirksschulrat als im Gesetze nicht begründet zurück, erklärte jedoch, daß gegen die Aufstellung eines Kruzifixes während des katholischen Religionsunterrichtes kein Anstand obwalte. Das Pfarramt wendete sich nun an das bischötliche Ordinariat in Brünn, welches der Judengemeinde ein Kruzifix als Geschenk (!) einsandte. Die Schulgemeinde und der Ortsschulrat verweigerten jedoch die Annahme dieses Geschenkes, worauf der Bezirksschulrat die Anbringung des Kruzifixes im Schulgebäude als zulässig erklärte und nur die Entfernung desselben während des jüdischen Religionsunterrichtes verfügte und den Schulleiter anwies, diese Verfügung durchzuführen. Gegen diese Weisung des Bezirksschulrates haben nun der Gemeindevorstand und der Ortsschulrat im Mai d. J. eine Beschwerde an den Landesschulrat in Brünn erhoben, in welcher im Wesentlichen auf den interkonfessionellen Charakter der Schule und das Staatsgrundgesetz vom 12. Dezember 1867 hingewiesen wurde. Die Entscheidung des Landesschulrates ist bereits herabgelangt und bestätigte die Entscheidung des Bezirksschulrates. Nunmehr ist die Sache beim Kultusministerium anhängig. Wir behalten uns die Besprechung dieses Falles bis zur Entscheidung dieser Instanz vor, möchten aber schon jetzt die Aufmerksamkeit der jüdischen Abgeordneten auf diesen Fall lenken. Frau Dr. Blime Firstenberg. An der Berliner Universität wurde eine Russin, Blime Firstenberg aus Plotzk in Russisch-Polen, zum Doktor der Medizin promoviert. Sie ist eine Kaufmannstochter, steht im Alter von 25 Jahren und erhielt ihre Vorbildung auf dem Mädchengymnasium ihrer Vaterstadt sowie in dem achtklassigen männlichen Gymnasium. Medizin studierte sie in Zürich, Bonn und Berlin. Die neue Doktorin erhielt auf dem Diplom das Prädikat lobenswert.

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