Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 17 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 17 Mittel zu ihrer Beseitigung öffentlich zu diskutieren, so hat dies seine schwerwiegenden politischen Gründe. Es ist keineswegs Humanität oder Sozialpolilik, sondern politischer Zwang. Der Landtagsbeschluß, mit dem die Hilfsaktion inauguriert wurde, kam unmittelbar vor den allgemeinen Reichsratswahlen, am 27. März 1907, zustande. Er lautete : „Der Landtag fordert den Landes iusschuß auf, unverzüglich die Ursachen der jüdischen Proletarisierung in Galizien zu untersuchen, über das Resultat dieses Studiums in der nächsten Session Bericht zu erstatten — gleichzeitig aber auch im Einvernehmen mit der k. k. Regierung dem Landtage Anträge zu unterbreiten, die geeignet wären, die Erwerbsfähigkeit der jüdischen Bevölkerung zu heben und der notleidenden Bevölkerung unverzügliche Hilfe v.u schaffen." Dieser Beschluß hat der jüdischen Bevölkerung in Galizien wenig imponiert. Man sah darin blos ein politisches Feuerwerk, welches den Zweck hatte, die jüdischen Stimmen zu kappern. Das Gros der jüdischen Wähler stimmte daher mit den Ruthenen und Sozialdemokraten; die Polen erlitten in Ostgalizien, wo sie für sich Minoritäts-Mandate geschaffen haben, schwere Niederlagen, weil sie ohne die Juden keine 25% Stimmen aufzubringen vermochten. Es war ein Fingerzeig für die polnischen Parteien, daß die jüdische Bevölkerung nicht blos papierene Resolutionen, sondern auch praktische Aktionen verlange. Am 23. Oktober 1908 erklärte daher Landesausschuß- Mitglied Dr. J a h 1, daß die Frage längere Studien erfordere und werde nach Abschluß derselben eine Enquete einberufen werden. Das soll nun geschehen. Ob diese Enquete auch zu praktischen Erfolgen führen wird, bleibt abzuwarten. Vorerst erwarten wir jedoch, daß der Landesausschuß bei Ernennung der Experten in gerechter, unparteiischer Weise vorgehen und auf alle Parteischatlierungen in gleicher Weise Rücksicht nehmen wird. Es wird auch seine Sache sein, nicht blos Männer, die zufälligerweise ein Amt haben, aber von der Sache nichts verstehen, sondern vorzugsweise alle jene zu berufen, die sich auf diesem Gebiete praktisch oder publizistisch betätigt haben. Dann allein könnte ein befriedigendes Material geschaffen werden. Die Landtags wähl in Stryj. Für das Landtagsmandat des verstorbenen Abgeordneten Dr. Frucht mann wird von offizieller Seite der galizische Landsmannminister Dr. Dulemba kandidiert. So sehr es auch zu bedauern ist, daß hier ein jüdisches Mandat verloren geht, so widerwärtig muß es erscheinen, daß gerade in Stryj der sozialdemokratische Reichsratsabgeordnete Dr. Lieberman n als „Jude" kandidiert wird. Die Reichsrats wählen in Stryj sind noch nicht so schnell vergessen, wie es die sozialdemokratische Partei glaubt; denn diese Wahlen bilden geradezu ein Schandblatt in der Geschichte der sozialdemokratischen Wahltaktik. Im Jahre 1907 hat der Sozialdemokrat Herr M o r a c z e w s k i in der Stichwahl gegen Dr. Salz nur mit Hilfe der Gendarmerie und der antisemitischen Hetze gesiegt. Das wird noch lange unvergessen bleiben. Statthalter P o t o c k i hat damals für Stryj das Schlagwort ausgegeben : lieber ein Sozialdemokrat als ein Zionist. Und Herr Moraczewski hat sich gerne unter die Fittiche des Bezirkshauptmannes geflüchtet, er hat Hand in Hand mit den Beamten der ßezirkshauplmannschaft gearbeitet und eine kleine antisemitische Hetze hat dm Ausschlag gegeben. Als Adlatus stand damals dem Herrn Moraczewski niemand anderer zur Seite, ais jener Herr, der jetzt als „Jude" jüdische Stimmen verlangt: Herr Dr. Lieberm a n n. Im Namen des Christentums hat 1907 der Sozialdemokrat Moraczewski die christlichen Stimmen gefordert; 1909 fordert der Sozialdemokrat Liebermann wieder die jüdischen Stimmen im Namen des Judentums. Die erste Taklik würde gewiß Herr Moraczewski .Pfaffen-Politik", die zweite Taktik wieder Herr Liebermann „Zionismus" nennen — wenn es sich nicht um „Partei-Interessen" handeln würde .... Die Juden von Stryj sind genug politisch reif, um nicht für Herrn Liebermann die Kastanien aus dem Feuer zu ziehen. Wennnoch ein jüdisch-nationaler Kandidat aufgestellt würde, wäre sehr zu empfehlen, in keinem Falle aber haben die Juden einen Anlaß, sich für den Platzhalter des Herrn Moraczewski zu exponieren. Der jüdische Wahlkataster in der Bukowina. Das hiesige „Tagblatt" hat Herrn Dr. Straucher anläßlich seiner Durchreise über den in der Bukowina zu schaffenden jüdischen Wahlkataster interviewt. Dr. Straucher, dessen Verdienst es ist, daß anläßlich der Landtags-Wahlreform in der Bukowina auch eine jüdische Wahlkurie geschaffen wird, äußerte sich folgendermaßen: „Die Juden erhalten ihren eigenen Wahlkataster und wird ihnen eine bestimmte Zahl von Mandaten gesetzlich zugesichert. Wir werden eine besondere Wahlkurie bilden und durch e i n jüdisches Mitglied im Landt sausschusse repräsentiert sein. Auch die jüdischen Großgrundbesitzer werden als besondere Gruppe ihre xVbgeordneten wählen. Ich habe im Permanenz-Ausschusse für die Juden 8 Mandate verlangt; diese Zahl wurde uns auch zuerkannt." Die Schaffung eines jüdischen Wahlkatasters in einer österreichischen Provinz ist wohl der erste Schritt zur gesetzlichen Anerkennung der jüdischen Nationalität in Oesterreich. Es bleibt noch abzuwarten, wie sich die Regierung, unter deren Intervention zuerst in Mähren ein nationaler Wahlkataster zu Stande kam, dazu in der Bukowina stellen wird. GSMEiN05=<^t> VSRekNiNGlftRitKW Meran. Der noch ganz junge Verein „A s y 1 für mittellose kranke Israeliten" hat mit erstaunlicher Kraft und Energie das großartige Genesungsheim mit an 100 Betten aus dein alten kleinen Asyl mit 14 Betten geschaffen. Seit 26. Jänner 1909 stand das Genesungsheim in vollem Betriebe und rechtfertigte das Vertrauen, das der Vorstand in den ärztlichen Leiter MUDr. Koref und den geschäftsfiihrenden Vizepräsidenten Dr. Kersch gesetzt hat. Durch die ganz außergewöhnliche Arbeitskraft diese Herren war es möglich, das humanitäre Werk zu schaffen und in so kurzer Zok in Betrieb zu setzen. Es waren in den wenigen Monaten der ersten Frühjahrssaison über 100 Pfleglinge aus aller Herren Länder in Pflege. Die Anstalt, welche streng rituell geführt wird, wird mit 26. September wieder den Betrieb aufnehmen und beweist die große Zahl von Aufnahmsgosuchen, daß dieses Haus eine segensreiche Notwendigkeit ist. Wir sehen dem diesjährigen Jahresberichte mit Interesse entgegen und lenken die Aufmerksamkeit aller Menschenfreunde und Wohltäter auf dieses eminent humanitäre Werk. (Die Administration der „N e u e _ Nation a 1-Z e i - tun?" ist gerne bereit. Spenden für obiges Asyl entgegenzunehmen und auszuweisen.)