Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 17 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Das Institut der landwirtschaftlichen, industriellen und kaufmännischen Darlehenskassen vervollständigt unsere Unternehmungen in Rußland. Ihre Nützlichkeit otfenbart sich in der Bevöikerungs-Zahl, die davon Gebrauch macht. Es ist eine Bevölkerung von 1,046.516 Seelen. Sie setzt sich aus Handwerkern, Kolonisten und Kleinkaufleuten zusammen. Die Darlehen haben im Jahre 1908 die Summe von 10 Millionen überschritten. Davon sind mehr als 9 Millionen zurückgezahlt worden. Die Darlehenskassen in Galizien. In Galizien haben wir die ersten Kassen eingerichtet, um einer durch das Elend tief herabgedrückten Bevölkerung zu Hilfe zu kommen. Sie leisten viel Gutes. Gegenwärtig 20 an Zahl, umfassen sie 14.453 Mitglieder. Die Gesamtsumme ihrer Darlehen ist im vorigen Jahre auf 2,536.188 Kronen gestiegen. Ihr Erfolg hat uns veranlaßt, sie entsprechend der Bevölkerungs-Menge, für welche sie bestimmt sind, in weitem Unifange einzurichten. Was nicht alles würden die Juden in Rumänien und Rußland für das Gedeihen ihres Landes leisten, wenn sie von den elenden Gesetzen befreit wären, welche sie beschränken! Die Regierungen dieser Länder wissen das wohl. Der Vertreter Rußlands hat vor einiger Zeit unsere Kolonien in Argentinien besucht. Die Schönheit der Kulturen, der Wohlstand der Kolonisten setzten ihn in Erstaunen. Er brauchte nicht so weit zu reisen, um sich zu unterrichten. Die Fortschritte der Kolonien in Rußland zeigen zur Genüge, was die Juden leisten würden, wenn sie die Freiheit hätten, im ganzen Lande sich niederzulassen. Diese Freiheit war ihnen durch die Oktober-Verfassung, welche allen Russen Religionsfreiheit zusicherte, versprochen worden. Dieses Versprechen besteht. Um es zu erfüllen, würde es genügen, sich daran zu erinnern oder auch nur eine Empfindung für das Interesse des Landes zu haben. In der Erwartung, daß diese Empfindung in den Seelen der Gewalthaber, die heute noch die Juden verfolgen, erwachen wird, setzen wir unsere Arbeit geduldig fort; hier und anderwärts unterstützt durch hingebungsvolle Mitarbeiter, sehen wir sie fort in der Gewißheit, daß keine unserer Bemühungen fruchtlos bleiben wird". Die jüdischen Arbeiter in Tunis *) Die oberste Unterrichtsbehörde hier ist im Begriff, die Erziehung der muselmanischen Bevölkerung zum Handwerk von Grund aus umzugestalten. Wie es scheint, nimmt die Behörde dabei im wesentlichen unser Lehrlingswerk zum Muster. Diese Anerkennung mag wohl als geeigneter Anlaß betrachtet werden, in gedrängter Kürze über die Lage unserer Handwerker, wie sie unter Leitung der Alliance sich entwickelt hat, zu berichten. Die jüdische Handwerkerbevölkerung von Tunis ist nur annäherungsweise anzugeben, da bisher eine ernsthafte Statistik für die Israeliten der Regentschaft nicht existiert hat. Doch sieht man schon bei einem Spaziergang in die nächste Umgebung, daß gewisse Handwerke — Schuhmacher, Schneider für Araber und Europäer, Metallarbeiter, Schmuckwarenarheiter, Haararbeiter usw. — zumeist von Juden ausgeübt werden. *) Der letzte Monatsbericht der Pariser „Alliance Isr. Univ." enthält obige sehr instruktive Darstellung über die bisher ganz unbekannten Verhältnisse der jüdischen Arbeiter in Tonis aus der Feder eines dortigen Alliance-Lehrers. (A n m erkung der Redaktion.) Die etwa 3000 männlichen uud die 600 bis 800 weiblichen Arbeiter erhalten für die ungefähr gleiche Tagesleistung sehr verschiedenen Lohn. Die kläglichsten hygienischen Arbeitsverhältnisse haben beide Geschlechter gemein. Ihr Handwerk üben sie zumeist ganz in der herkömmlichen Weise. Sie verdienen wenig und leben schlecht, besonders seit der politischen und wirtschaftlichen Ilmgestaltung des Landes, die alle Lebensbedingungen geändert, neue Bedürfnisse geschaffen, den Absatz mancher Handwerker verringert und den Preis der notwendigsten Bedarfsartikel verdoppelt hat. Ehe das Lehrlingswerk der Alliance in Wirksamkeit trat, betätigten sich unsere Glaubensgenossen in etwa zwanzig Handwerken. Ueberfüllung der Berufe, vermehrte Einfuhr fertiger Erzeugnisse, Errichtung von Fabriken, Wechsel in der Lebensweise und Kleidung, Konkurrenz der fremden Handwerker brachten es mit sich, daß die Löhne in demselben Maß zurückgingen, in dem der Lebensunterhalt teurer wurde. Arbeiterinnen waren noch schlimmer daran. Die kleine Zahl der ihnen offen stehenden Berufe zwang die Frauen, sich mit den lächerliehen Löhnen zu begnügen, die ihnen für die Herstellung von Stickereien, Passementierarbeit, Seidenspulen und arabische Leinenmanufaktur geboten wurden. — Das war nicht geeignet, für das heranwachsende Geschlecht das Handwerk verlockend zu machen. Eine große Zahl unserer früheren Zöglings hatte als Beamte, Kassiere, Rechnungsführer leicht Anstellung gefunden. Die Ehrgeizigeren hatten sich den freien Berufen zugewandt. Der unleugbare Erfolg, den unsere ersten Zöglinge außerhalb des Handwerks errangen, in dem ihre Eltern sich plagten, erschwerle uns anfänglich die Heranziehung von Lehrlingen. Dazu kamen noch Gründe allgemeiner Art: der Antisemitismus mancher Lehrmeister, der böse Wille der jüdischen Handwerksmeister, die sich keine Konkurrenten heranbilden mochten, die Abneigung der jungen Leute gegen die harte Arbeit am Amboß und in der Schmiedewerkstaü, endlich die Forderung der Ellern, daß die Kinder schon während der Lehrzeit sich seihst erhallen sollten. Man mußle sich anfänglich mit den Bewerbern begnügen, die sich gerade meldeten. Sie waren unzureichend unterrichtet, so daß man Abendschulen für sie schaffen mußte. Da die Meister sich weigerten, die Lehrlinge aufzunehmen, war man gezwungen, sie durch Bezahlung günstiger zu stimmen. Die Eltern beklagten sich, daß sie die Kinder nähren und kleiden sollten. Darauf wurden die Lehrlinge zur Teilnahme an den Frühstück der Schulkinder zugelassen; man gab ihnen außerdem alljährlich ein Gewand und ein Paar Stiefel und endlich eine monatliche Vergütung von 5 — 7 Francs. Mit Geduld und Hartnäckigkeit überwand man alle Schwierigkeiten. Die Lehrlinge zeigten sich leidlieh anstellig und unsere ehemaligen Zöglinge, deren Intelligenz entwickelt war, kamen zu guten Löhnen. Sechzehn neue Handwerke — die der Wagenbauer, Stellmacher, Zimmerleute, Kupferziseleure, Dekorateure, Kunsttischler, Elektriker, Schmiede, Gießer, Graveure, Buchbinder, Holzbildhauer, Böttcher, Färber, Drechsler usw. — die dem Arbeiter guten Lohn sicherten, wurden von zahlreichen Zöglingen erlernt, und der Erfolg unserer ersten Lehrlinge und die materielle Hilfe, die sie ihren Familien brachten, überwanden den letzten Widerstand unserer Schüler und ihrer Eltern. Heute rekrutieren wir unsere Lehrlinge aus den Schülern, die unsere Schule durchgemacht haben. Mehr als die Hälfte von unseren 80 Lehrlingen haben das Abgangszeugnis der Volksschule, Das Lehrlingsinstitut gewinnt von Tag zu Tag an Ausdehnung. In der Zeit von Jänner 1902 bis Jänner 1909 haben wir 163 Lehrlinge aufgenommen, von denen 61 noch in der Lehre sind, 29 das Handwerk aufgegeben haben und 73 berufsmäßige Handwerker geworden sind. Da wir in der angegebenen siebenjährigen Zeit 44.677 Francs für das Lehrlingswerk ausgegeben haben, so kostet uns jeder ausgebildete Handwerker 613 Francs. Von den 73 ausgebildeten Lehrlingen