Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 17 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 wirklichem, immer steigendem Interesse gelesen. Vor allem interessierten uns die hier angeführten Namen der damals in Wien lebenden Juden: Flökhl, Auerpach, Neustadl, Fränkhl, Munckh, Marx, Wallenstainer etc., aber auch die Krankheiten, an denen sie „beschaut" wurden und an welchen sie starben. Auch der Arzt kann aus diesem Totenprotokolle manches lernen. Er wird hier von „Piadiera14 und „Pladern" lesen, von der „Fraiss", der „Dör", der „Schwindsucht", dem „Gartar", welcher dann wieder richtig als „Gatharr" bezeichnet, aber auch „Gatär" und „Gathär" genannt wird. Eine Statistik der unter den Juden und wohl auch unlcr d< r übrigen Bevölkerung damals grassierenden Krankheiten, von denen uns der „Scherbakh" etwas unbekanntes ist, wäre sehr lehrreich. Nach dorn päpstlichen Dispens vom 20. September 1451 hatte man ein bequemes Auskunftsmittel gefunden, den Juden die Rückkehr nach Oesterreich, ohne daß diese sich darum beworben hätten, wieder zu ermöglichen. „Propter pecuniam", das heißt, weil man Geld für die Türkenkriege benötigte, wurden sie dann wieder von Leopold I. h*70, trotz der Fürsprache weltlicher und geistlicher Fürsten, aus Wien und dem Erzherzogtume Oesterreich verbannt und der „geweste Judengezürckh anjetzo Leopoldstadt intituliert". Das Geschäft, das man mit dem Verkaufe der Judenhäuser zu machen trachtete, endete abermals wie 1421 mit einer höchst kläglichen Bilanz. Wien war „judenrein* geworden, aber die geschäftliche Transaktion mit den Judenhäusern endete für die Stadt mit einem Verluste von 52.858 Gulden. Ein Stück Kulturgeschichte bietet uns das vorliegende Werk dar — ein trauriges. Aber nicht ohne Belehrung scheiden wir von ihm. Die General -Versammlung der Jewish Colonization Association. (Schluß.) Das „ Self-Governement' in Palästina. „Ich habe bisher einen Mittelpunkt der Kolonisation doch nicht besprochen, welche gleich alt, wie die älteste in Amerika ist: Palästina. Die Zahl der Kolonien betlägt dort zwanzig, ihre Bevölkerung mehr als 6600. Wenn sie nicht allesamt ihre Existenz, so verdanken doch fast alle ihren Fortbestand der großartigen Hochherzigkeit des Herrn Barons Edmund v. R o t h s c h i 1 d. Die Gewohnheit, die sie angenommen hatten, auf ihren Wohltäter zu rechnen, bewirkte oft, daß die Kolonisten es an den eigenen Anstrengungen, die für den Bodenbearbeiter erforderlich sind, fehlen ließen. Es war notwendig, diese Anschauung zu ändern und ein Verwaltungssystem zu beseitigen, das sie aufrechterhielt. Es war ferner notwendig, die Verteilung des Bodens zu ändern und jedem Kolonisten so viel Land zu geben, daß er leben konnte. Das bedeutete eine vollständige Umgestaltung der Kolonien, die jetzt glücklich beendet ist. Herr v. Rothschild hat dieselbe geleitet. Das Hervorstechendste bei dieser Umgestaltung ist die Ueberlassting der Fabrikation und des Verkaufs der in den Kellern von Rischon le-Zion und Sichron Jakob hergestellten Weine an die zu einer Gooperativ-Genossenschaft vereinigten Kolonisten. Sie kommen dabei besser voran, als die Administration, die damit belastet war. Hier bewährte es sich wieder einmal, daß die beste Verwaltung das „seif governement" ist. Die Kolonisten sind damit ebenso zufrieden, wie wir; fortan nur auf sich selbst rechnend, arbeiten sie beharrlich und die Kolonien gelangen fast alle zu Gedeihen. Neue Kolonisationsgebiete. Außerhalb Palästinas, in A n a t o 1 i e n, wären die kleinen Kolonien Karaya und Sazilar, welche von rumänischen Emigranten schlecht angelegt wurden, ohne unsere Hilfe zugrunde gegangen. Sie heben sich und scheinen imstande, sich zu behaupten. Indessen größere Hoffnungen setzen wir auf die Türkei. Wir erziehen in unserer Ackerbauschule Or-Jehuda Arbeiter, die bisher auswandern mußten, um von ihrem Gewerbe zu leben. Wir denken, daß sie unter dem neuen Regime in der Türkei im Lande bleiben und ihm mit ihrem Wissen und ihrem Fleiße Vorteile werden bringen können. DL se Ansicht hatten wir schon früher: vor mehr als zwei Jahren haben wir eine Abordnung nach Gi 1 icien und Mesopotamien gesandt, deren Berichte die Möglichkeit des Erfolges landwirtschaftlicher Unternehmungen in diesen Gebieten feststellten. Wir sind geneigt, einen Versuch z u in aclie n. Nach wie vor ist unsere Aufmerksamkeit den Ländern, aus denen die Auswanderung erfolgt, wie denjenigen, nach denen sie sich richtet, zugewandt. Sie wissen, in welchem Maße die Gesetzgebung Rumäniens und Rußlands unsere Tätigkeit in diesen Ländern erschwert. Scliulgründungen in Rumänien. Was kann in Rumänien geschehen? Der Geist der Gesetzgeber erschöpft sich darin, den Juden in der Arbeit zu behindern. Die industrielle Betätigung ist beengt, die landwirtschaftliche unmöglich. Sie haben nicht einmal die Freiheit, ihre Kinder zu unterrichten. Wo können sie Unterricht erhalten? Die öffentlichen Schulen sind ihnen fast gänzlich verschlossen. Wir tun, was wir können, um den Gemeinden zur Errichtung von Schulhäusern und zur Erteilung von Elementarunterricht behilflich zusein. Im letzten Jahre haben wir 32 Schulen (darunter eine Handwerkerschule für Mädchen) unterstützt, die 7121 Schüler zählen. Die Hilfsaktion in Russland. Was kann in Rußland geschehen? Wir unterstützen dort 51 Elementarschulen, welche im Jahre 1908 mehr als 8000 Srhüler hatten. Die 21 Knaben-Handwerkerschulen, die wir unterstützen, zählen 1333, die 17 Mädchen-Handwerkerschulen 972 Zöglinge. Unserer Ermutigung zur Landwirtschaft sind enge Grenzen gezogen, weil den Juden das Wohnen auf dein flachen Lande außerhalb des Ansiedelungs-Rayons, wie fast in dem ganzen Territorium, aus dem sie ausgeschlossen sind, verboten ist. Unsere Tätigkeit beschränkt sich auf die von Alexander und Nicolaus I. errichteten Kolonien. Trotz des Anwachsens ihrer Bevölkerung ist eine Erweiterung dieser Kolonien in Bessarabien, Podolien, im Gouvernement Gherson, im Nordwest-Gebiete über die Grenzen, innerhalb derer sie errichtet wurden, hinaus nicht gestattet worden. Wir tun das Mögliche : Wir haben ein System landwirtschaftlicher Verbesserung, n geschalten, welche es den Kolonisten erleichtert, sich mit den modernen Ackergeräten und Methoden vertraut zu machen und ihrem überaus knapp bemessenen Boden alle erdenklichen Einnahmen abzugewinnen; wir sind den Gärtnern im Umkreise der Städte behilflich, ihre Gärten und Weinpflanzungen zu erweitern. Fünf Schulen sorgen für die landwirtschaftliche Unterweisung der Kinder.