Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 17 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 17 An das ehemalige Ghetto Wiens bis zum Jahre 1421 erinnert heute nur der Name eines Platzes, des Judenplatzes. Von ihm gibt uns das vorliegende Werk, welches mit 2 Plänen und 7 Textabbildungen geschmückt ist, ein getreuliches Bild. Um den Judenplatz, damals Schulhof genannt, zog sich das Ghetto. Hier war das finstere Viertel, wo jetzt in der modernen Wipplingerstraße das großstädtische Leben flutet. Es reichte vom Tiefen Graben bis zu den Tuchlauben, von der Kirche „Maria am Gestade" bis zum heutigen Schulhof. 1204 stand eine „Judenschule" (Synagoge) auf dem Judenplatze. Man hört um diese Zeit von einer „Judenstraz" und bezeichnet diese auch mit den Worten „unter den Juden". Neben der Synagoge besaß die jüdische Gemeinde ein Spital, ein Schlachthaus, den „Judengarten" und vor dem Kärntnertore, in der Gegend der heute mit herrlichen Palästen geschmückten Albrochtsgasse den Judenfriedhof. Natürlich interessiert es uns nun zu hören, wann die Juden nach Oesterreich und besonders nach Wien gekommen seien. Wenn man von den sagen- und fabelhaften Berichten absieht, daß es eine Judenstadt, als abgeschlossenes Ghetto, schon innerhalb der römischen Vindobona gegeben habe, so nimmt man wohl mit Schwarz am besten an, die Niederlassung der Juden in Niederösterreich habe infolge ihrer Vertreibung aus Deutschland während der furchtbaren Zeiten der ersten Kreuzzüge stattgefunden. Damals wandte sich wohl ein Strom von Vertriebenen nach Oesterreich. Der Aufschwung des Handels infolge der Kreuzzüge in der Mitte des 12. Jahrhunderts wird, besonders während der Zeit des Babenbergers Leopold V., viele Juden veranlaßt haben, sich in Oesterreich niederzulassen. Die Gegend an der Donau war der Ort ihrer frühesten Ansiedlungen. Ich bemerke nur nebenbei, um die Bedeutung des Judentums in Oesterreich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts hervorzuheben, daß damals der strenge Halachist R. Mose Ibn Chisdai aus Tachau (Böhmen) lebte und wirkte, ein rücksichtsloser Bekämpfer der Philosophie, der in Wiener-Neustadt begraben ist. Sein Zeitgenosse war R. Isaak ben Moses aus Wien, nach seinem bedeutendsten Werke „Isaak Or Sarna" (mit der üblichen Abbreviatur „Rias") genannt. Dieser war der Lehrer des durch seine Gelehrsamkeit und seine Schicksale berühmt gewordenen R. Meir von Rotenburg (a. d. Tauber).*) Doch kehren wir wieder zu dem uns vorliegenden Werke zurück. Nachdem Schwarz von der Entstehung und ersten Anlage der Judenstadt gesprochen, von ihrer topographischen Bezeichnung, ihrer Begrenzung, ihren Toren und Mauern, der Anlage und Bauart der Häuser, erfahren wir, daß sich der Grundbesitz an Häusern in ein Gemeinde- und Privateigentum teilte. Was den Privatbesitz anbelangt, war es den Juden ermöglicht, innerhalb der Judenstadt unbewegliches Eigentum zu erwerben und darüber freie Verfügung zu treffen. Die Judenstadt besaß ihr eigenes, freilich verschollenes Grundbuch. An den Landesfürsten war eine Schatzsteuer, an die Grundherrschaft: die Schotten, den Deutschen Ritterorden, das Bürgerspital, Bistum etc. wurden Abgaben geleistet. Das sind die Burgrechtspflichten und Grunddienste. 1421 umfaßte das Ghetto 69 Häuser,, von denen sich 50 nachweisbar im Privatbesitze befanden. Von den im Besitze der Gemeinde be- •) Verfasser der Kinnah „Schaali Serupho*. findlichen Häusern wurde bereits gesprochen. Sie dienten natürlich meist rituellen Zwecken. Zu diesen gehört nebst den Angeführten auch das B a d h a u s und ein rituelles Frauenbad, die jedem in der Judengasse aufgewachsenen Juden wohlbekannte „Tükk". Es zwingt uns ein leises Lächeln ab, wenn ein nir htjüdischer Forscher aus dem „Tuckhaus" ein „Tuchhaus" gemacht hat. Solche Verballhornungen sind nichts Ungewöhnliches. Hat doch Wolf in seiner „Geschichte der Juden in Wien", wie Schwarz treffend nachweist, die Worte einer Urkunde, die „nu fürbaser" lauten, in ein „Musirbad" korrumpiert. Was er sich bei diesem geheimnisvollen Worte gedacht hat, ist freilich schwer zu sagen. Natürlich werden von Schwarz mit einer gewissenhaften topographischen und historischen Genauigkeit, die wir auch bei Goldmann beobachten konnten und in früheren Werken jüdischer Autoren oft genug vermißten — man beachte nur das Beispiel Wolfs — die Orte bestimmt, an denen sich alle im Gemeinde- und Privatbesitze befindlichen Gebäude und Häuser befanden. Und so liefert er uns eine ganze „Häuserchronik der Judenstadt". Diese Häuser befanden sich meist in der heutigen Wipplingerstrasse, auf dem Judenplatz, in der Färber- und Schwertgasse, Stoß im Himmel, Jordan-, Hutterer-, Schulter-, Kurrent-, Pariser-, Draht-, Steindel- und Kleeblattgasse. Wie viele Wiener mag es geben, denen von dem Gewirr dieser Gäßchen in der inneren Stadt rings um den Judenplatz und die Wipplingerstraße (damals Wittwercherstraße genannt, während die Kurrentgasse „Geßlein bei den weißen Brüdern" hieß) wenig oder gar nichts bekannt ist. Wie wenige von den heutigen „Urwienern" mögen wissen, daß es, wenn sie durch die Wipplingerstraße vorüber an dem Ministerium des Innern gehen, der Boden der alten „Judenstadt" ist, den sie betreten, wo unsere Volksgenossen ein armseliges, aber zufriedenes Dasein führten, das durch die Schrecken von 1421 ein unseliges Ende fand. Sehr instruktiv und für die Topographie des alten und neuen Wien lehrreich, ist auch die Zusammenstellung der Häuser der ehemaligen Judenstadt nach ihrer jetzigen Lage. Und so bietet der Plan des Judenviertels, weichen der Verfasser mit Benützung der Pläne von Wolmuet, Gamesina (Wiens örtliche Entwicklung von der römischen Zeit bis zum Ausgange des XIII. Jahrhunderts,. Wien 1877) und Anderen entworfen und den A. St. Kronstein gezeichnet hat, einen wertvollen Beitrag zur Kenntnis der örtlichen Beschreibung Wiens überhaupt, wie denn das ganze Werk unseres Verfassers nicht nur die Kulturgeschichte der Juden Wiens, sondern auch die der Reichshauptstadt im allgemeinen, schildert und beleuchtet. Dies läßt sich auch von dem zweiten Teile des vortrefflichen Werkes sagen, welches die „Judenstadt im unteren Werd 1625—1670" schildert, die schon in dem bekannten Werke von Kaufmann „Die letzte Vertreibung der Juden aus Wien, ihre Vorgeschichte 1625 bis 1670 und ihre Opfer" (Wien 1889) eine vorzügliche Darstellung gefunden hat. Freilich waren Kaufmann zwei Urkundenwerke gänzlich unbekannt, die nun von Schwarz ans Tageslicht gezogen wurden: „Das Grundbuch der Judenstadt" (1632), urkundliehe Nachrichten zur Geschichte der Judenhäuser enthaltend, und die hochinteressanten, kulturgeschichtlich, sehr bedeutsamen auf die Juden bezüglichen Eintragungen des städtischen Totenprotokolls (1648—1669). Was dieses letztere anlangt, so haben wir es mit