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Neue Nationalzeitung · 1909-07-30 · Heft 16 (30.7.1909) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 16 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 16 Max Schacherl: Dr. Gustav Karpeles. In seiner Unmittelbarkeit erschütternd, wie etwas Unvorhergesehenes, wirkt der Tod dieses Mannes, der mitten aus einer reichen Tätigkeit hinweg, im 61. Jahre seines arbeits- und erfolgreichen Lebens verschied. [Die meisten von uns haben ihn vor kurzer Zeit noch gesprochen; die ihm näher standen, wußten, daß ein schweres Herzleiden an seinem Lebensnerv zehre. Er hatte sich von dem Aufenthalte in Bad Nauheim Erholung und Kräftigung versprochen und nun ist er dort am Tage seiner Ankunft gestorben . . . Der zwanzigjährige Gustav Karpeles schrieb ein Büchel über Heine. Der Einundsechzigjährige schrieb zuletzt noch ein . . . Buch über Heine. Vor ein paar Wochen habe ich in dem von Karpeles herausgegebenen Werke „Heinrich Heines Memoiren" stundenlange gelesen und damals auch an anderer Stelle darauf hingewiesen, wie die Kämpfer für ein Heinedenkmal aus Erz und Marmor übersehen, daß da ein feinsinniger Mann all die Zeit seines Lebens hindurch das Monument des Angedenkens vollendet habe. Dieses wird wohl sein Bleibendstes sein; er hat mit seiner Literatur über Heine das Verständnis für den Großen geweckt, die Psyche dieses komplizierten Dichtercharakters erst ganz erschlossen. Daß er die Besudelung seines Heine, wie sie von Adolf Bartels seit Jahr und Tag mit teutscher Ungelenksamkeit und einem erheiternden Mangel an Argumenten geübt wird, energisch und vornehm parierte, ist bekannt. Den Namen Heinrich Heines als den eines der größten deutschen Dichter und als den eines Juden der Mitwelt und späteren Geschlechtern zu zeigen — das war des Toten Verdienst. War eine Tat, an der die fingerfertigste Kritik nichts ändern wird können. Wir können uns, von Gustav Karpeles als Juden und jüdischen Publizisten sprechend, alle großen, schöngefärbten Worte ersparen. Genug, er war ein deutscher Jude. Sein Typus gleichsam; gewiß aber die ehrlichste Abart. Wohl, er brachte den Regungen jüdischen Volksbewußtseins, die er miterleben durfte, mehr Verständnis als betätigendes Interesse entgegen. Vielleicht war es die Form der nationalen Arbeit, die ihn abstieß. Niemals aber hat er das Große und Wertvolle jüdischer Bewegungen verkannt und immer war seine Kritik besonnen und maßvoll. Gustav Karpeles war eine Gelehrtennatur. So kommt es, daß ihm selbstschöpferische literarische Leistung großen Stils versagt J)lieb. Aber er besaß in hohem Maße das immense Wissen und die kritische Fähigkeit des Literaturhistorikers, wovon uns seine zwei Literaturgeschichten — besonders die jüdische — Zeugnis geben. Eine jeder Uebertreibung abholde Sprache, schlicht und überzeugend in ihrer Einfachheit, prägnant und wohllautend zugleich, eignete seinen Arbeiten. Was immer er auch schrieb, es durfte allgemeinen Interesses sicher sein. Ein vornehmer, grundgelehrter Literat, ein guter Mensch und braver Jude ist mit ihm dahingegangen. Fern von Berlin, in einem kleinen Orte an der Ostsee weilend, benachrichtigt mich das Telegramm eines Freundes von dem Hinscheiden Karpeles'. Wie ich, so werden unzählige andere tief ergriffen den Tod dieses Menschen beklagen, der, so wenig er auch hervortrat, allem was entstand, zuzugehören schien. Und wir Jungen von der Feder verlieren in ihm einen wohlmeinenden, väterlichen Freund, dessen größter Schmerz es war, nicht so helfen zu können, wie sein edles Herz es gerne mochte. Das stille Leben eines jedem Reklamelärm abholden Schriftstellers ist mit ihm erloschen. * Anmerkung der Redaktion. Was die persönlichen Daten betrifft, so wäre noch zu bemerken, daß Gustav Karpeles ein Oesterreicher war, da er als Sohn eines Rabbiners in Eiwanowitz (Mähren) geboren wurde. Er studierte in Breslau Theologie und wandte sich dann der Journalistik zu. Anfangs der siebziger Jahre war er Redakteur der „Breslauer Zeitung", dann übernahm er nach dem Tode Dr. Philippsohn die Redaktion der »Allgemeinen Zeitung des Judentums". Bis zum Jahre 1896 war er auch Feuillelonmitarbeiter der „Neuen Freien Presse". Zu dieser Zeit übernahm Dr. Herzl die Feuilletonredaktion dieses Blattes und es waren unter anderen der Verstorbene sowie Dr. Markus Landau, die seitdem in diesem Blatte nicht mehr zum Worte kamen . . . Der Verstorbene war kinderlos. Er hinterläßt eine Witwe, eine geborene Mendelsohn aus Warschau. Die Leiche wurde in einem vom Berliner Kultusvorstande gewidmeten Ehrengrabe bestattet. üie „Ito"-I^onferenz in London. (Von unserem Korrespondenten.) London, 20. Juli. Die letzten Ereignisse in der „Ito" -Bewegung, die Gyrenaicaexpedition und hauptsächlich das Mesopotamienprojekt, haben eine Konferenz des Internationalrates der „Ito" notwendig gemacht. Dieselbe fand hier am 15. und 16. Juli im Beisein von ungefähr 40 Internationalräten aus der ganzen Welt statt. Am 15. Juli um 10 Uhr vormittags eröffnete der Präsident Mr. Israel Z a n g w i 11 die Konferenz. Dieselbe blieb geheim. Zum Vorsitzenden wurde Mr. Z a n g w i 11, zu seinen Vertretern Mr. Spielmann (London) und Dr. Jassinowski (Warschau) gewählt. Hierauf ergriff Mr. Zangwill das Wort. Das Mesopotamienprojekt, meint er, könne mit vereinten Kräften realisiert werden; es seien weder seitens der türkischen Regierung Schwierigkeiten zu befürchten, noch schrecken ihn die vielen Millionen, die dazu notwendig seien, ab, da er mehrere große jüdische Kapitalisten für dieses Projekt bereits gewonnen hat, die die Realisierung auf sich nehmen wollen. In der Nachmiltagsitzung hielt Dr. N. Slousch (Paris), der an der Gyrenaicaexpedition teilnahm, ein Referat über die Ergebnisse der Expedition und meinte, daß das von der „Ito" untersuchte Land auf Gyrenaica durchaus nicht so ungünstig sei, wie man annimmt. Nach seiner Berechnung können sich dort mindestens 250.000 Familien ganz bequem einrichten. Eine rege Diskussion entfachte der Antrag des Herrn Dr. Goldberg (Jelez), daß man einen Fonds zur Unterstützung der Pioniere gründen müsse. Ein sehr interessantes Referat hielt Herr Doktor Wunderlich aus Berlin. Er sprach über Organisationsfragen im allgemeinen und über die territorialistische Organisation im besonderen. Eine Organisation, sagt der Redner, ist überhaupt eine gefährliche Sache. Die Organisation mit ihren Vereinen, Kongressen usw. habe den Herzl ins Grab geführt. Daher schlägt er vor, von der großen Organisation abzulassen und nur eine Organisation von Vertrauensmännern, die mit dem Zentralkomitee in London in engem Kontakt stehen soll, zu schaffen. Um 6 Uhr nachmittags wurde die Sitzung geschlossen. Die Internationalräte aus Rußland versammelten sich hierauf in ihrem Hotel und berieten

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