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Neue Nationalzeitung · 1909-07-16 · Heft 15 (16.7.1909) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 15 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 15 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. Dr. Moses Ahronsohn: Wasserkur. Ein Gespräch. Personen: Ein Kaufmann. Ein Rentner. Ein Lehrer. Eine Dame. Schauplatz : Ein Kaffeehaus in einem Wasserkurorte. Zeit: Die unmittelbarste Gegenwart. Die Dame (elegante Erscheinung im modernen Prinzeßkostume, sehr nervös, bleich, Lorgnon, tut sehr emanzipiert, ihr Weh' und Ach ist mannigfaltig, vielleicht kuriert es das kalte Wasser): »So haben wir uns denn wieder in diesem dumpfen Zimmer eingefunden. Es regnet und regnet ,als wollt sich's nimmer erschöpfen und leeren'.« Unsere Dame liebt die Zitate. >Wenn wir hier nicht von allen unseren Schmerzen durch das kalte Wasser geheilt werden, dann niemals und nirgends wieder. Das gesellschaftliche Leben der Stadt aber macht uns krank, und nur die Rückkehr zur Natur vermag von den städtischen Krankheiten zu heilen, sagt mein Arzt. Darum ,retournons ä nature%!« Der Rentner (gerötetes Gesicht, Hornkneifer, selbstbewußt, von nicht gerade mäßigem Umfange, Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde, liebt es, mit seiner Kenntnis des Judentums, ähnlich wie mit seinem Aktienbesitz zu protzen, sonst ziemlich unschuldig): »Möchf auch lieber auf die Berge steigen, um ein paar von meinen überflüssigen Kilo zu verlieren^ als hier sitzen.« Die Gesellschaft lächelt, denn von der Seite der Touristik kennt man den eifrigen Tarockspieler nicht. »Spaß bei Seite, das ewige Sitzen im Kaffeehause ärgert mich schon. Wie heißt der Gott der Griechen, von dem der Regen kommt? Er könnt' wirklich schon einhalten und Erbarmen mit uns haben!« Der Lehrer (goldene Augengläser, antiquierter Gehrock, schwindender Haarwuchs, dünne Beine, bedarf der Wasserkur, Vegetarier, bessert gerne aus): »Sie meinen wohl den Jupiter Pluvius. Aber das war ein Römer und kein Grieche.« Der Kaufmann (jovial, phlegmatisch, hält sich in dem Wasserkurorte nicht wegen Nervosität auf, spöttisches Lächeln, Ausdruck höchster Wurstigkeit): »Ich denke, es ist gleich, ob der Gott ein Römer oder Grieche ist, aber ein Einsehen könnte er haben und sich denken: die Leut'ln haben doch genug von der Wasserkur zu leiden. Wozu noch die Douchen? Die taugen doch ohnehin nichts.« Er lacht. Die Stimmung wird behaglicher. Der Rentner : »Sie haben da ein gutes Wörtel gebraucht, indem Sie sagten: Wir haben von der Wasserkur zu leiden. Etwas ähnliches habe ich in dem Blatte gelesen, auf das ich abonniert bin, um mich über jüdische Verhältnisse auf dem Laufenden zu halten. Das Blatt heißt ,Jüdischer Volksfreund'. Ist eine gute Zeitung, schimpft nur ein bisse! zu viel. Der Redakteur hat sie mir zugeschickt und — man muß doch auch die israelitische Literatur unterstützen. Also der Zeitungsschreiber macht in der letzten Nummer einen guten Witz. Er nennt die vielen Taufen, an denen wir jetzt leiden, eine Wasserkur, der sich die Leutchen unterziehen. Ha, ha, ha, kein schlechtes Wörtel«. Der Lehrer: »Aber ein altes. Uebrigens gleichen die Witze dem Käse, sie sind umso besser, je älter sie werden. Sind Sie, meine Herrschaften, nicht auch dieser Meinung?« Er blickt siegesgewiß im Kreise umher. Der Kaufmann: »Da bin ich nun ihrer Meinung nicht. Alte Witze werden schäbig, wie abgespielte Operetten. Aber der Redakteur hat recht, wenn er mit der Wasserkur die neuartige Austrittsbewegung aus dem Judentum bezeichnen will. Die Sache fängt wirklich an, bedenklich zu werden. Jede Woche liest man jetzt in den jüdischen Zeitungen die Listen der Austritte aus dem Judentum. Sie wachsen, wie ein Bandwurm. Werden immer länger. Die Austritte verbreiten sich wie eine Epidemie. Da sollte doch etwas dagegen geschehen. Aber es rührt sich nichts.« Die Dame (gähnend): »So ist die Katze glücklich wieder auf die Füße gefallen. Wir sind wieder bei der unvermeidlichen ,Judenfrage' angelangt. Die ist noch ärger, als der ewig rieselnde Regen.« Der Kaufmann (ungalant): Sollten wir etwa von der ,Frauenfrage' reden?« Der Lehrer (dozierend): »Judenfrage und Frauenfrage sind Teile der heute immer brennender werdenden sozialen Frage.« (Der Regen rauscht immer prasselnder hernieder.) »Beide harren ihrer Lösung. Wer wird sie bringen? Ich möchte diese Fragen auch als Krankheiten am sozialen Körper bezeichnen. Wo aber findet sich der Arzt, der hier Heilung brächte?« (Es plätschert draußen heftig und der Regen schlägt an die Scheiben.) Der Kaufmann : »Lieber Herr Professor« (der Lehrer verneigt sich geschmeichelt), »mit Fragen beantwortet man nichts. Heute ist es Mode geworden, alles und jedes dem Sozialismus aufs Kerbholz zu schreiben. Ich aber glaube, eine Judenfrage hat es schon gegeben, als man das Wort Sozialismus noch nicht kannte. Ich frage nur: Welches sind die Gründe der modernen Wasserkur, Taufe genannt, und wie ist dieser abzuhelfen? Diese Frage richte ich insbesondere« (auf den Rentner blickend, der unruhig auf dem Sessel hin und her rutscht) »an unseren lieben Freund, den bewährten Kenner des Judentums, fleißigen Besucher der Synagoge« (der Rentner errötet verschämt), »Mitglied der Kultus-Gemeindevertretung.« Der Rentner (räuspert sich): »Hm, hm, wir haben« (wichtigtuend) »in der letzten Sitzung des Vorstandes darüber debattiert, es wurde hin und her geredet, aber schließlich mußte die Debatte abgebrochen werden, denn — wir waren nicht mehr beschlußfähig. Die Herren hatten sich nach und nach entfernt. Es war wirklich schwül geworden im Sitzungssaale, dann mußten auch einige den nächsten Zug benützen, um in die Sommerfrische zu kommen. Aber es wurde doch ein Beschluß gefaßt: Ein Komitee soll untersuchen, wie die vielen Taufen zu erklären sind und wie ihnen abgeholfen werden könnte.« Die Dame (lachend): »Dem Komitee möchte ich nicht angehören. Ich weiß auch nicht, wo die Herren bei der Untersuchung anfangen werden. Wohin sie kommen, weiß ich aber sehr genau: zu einer großen Null. Mit Komitees löst man solche Fragen nicht. Ich bin Mitglied eines Komitees, das sich mit dem Wahl- und Stimmrechte der Frauen beschäftigt, mit der Bewegung der modernen Suffragettes. Aber trotz aller Sitzungen sind wir zu keinem anderen Resultate gelangt, als daß die Eine die Andere an glänzenden Toiletten zu überbieten trachtet.« Der Kaufmann: »Die Herren der Schöpfung, die Herren Gatten, werden sich für diese Bewegung der Suffragettes bedanken, wenn sie die Schneiderrechnungen werden bezahlen müssen.« Der Lehrer: »Mit allen diesen Bemerkungen, so witzig sie sein mögen, sind wir unserem Thema nicht um ein Härchen näher an den Leib gerückt. Es wäre aber des Schweißes der Edlen wert, die Frage des Austrittes aus dem Judentum zu untersuchen. Kein Zweifefel: Die Karriere, Heiraten spielen hier eine große Rolle. Wir stehen Tatsachen

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