Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1909-07-16 · Heft 15 (16.7.1909) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 15 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425773-2425789--1395-2427750
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Nr. 15 „Neue National-Zeitung" Seite 9 Das Budget der Berliner Kultusgemeinde. Im Etatsjahr 1907/1908 betrugen die Einnahmen der jüdischen Gemeinde zu Berlin 2,672.113.44 M., denen Ausgaben in Höhe von 2,421.016.59 M. gegenüberstehen; die Kapitals Vermehrung beziffert sich danach auf 251.096 85 M. Die Einnahmen aus Steuern betrugen 227.858 97 M. Diese Summe wurde von 37.4-17 Steuerzahlern aufgebracht; im Vorjahre war die Zahl der Zensiten 29.297. Auf den Kopf des Steuerzahlers entfielen im Berichtsjahre durchschnittlich 59.54- M. Die Jüdin Esterka und König Kasimir. In einem Artikel, den Wilhelm G o 1 d b a u m über „Türkische Juden" in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" veröffentlicht hat, erwähnte er auch die Jüdin Esther Kiera, die am türkischen Hofe eine große Rolle spielte. Im Zusammenbange damit sagt er: „Ob es wahr ist, daß König Kasimir der Große von Polen die schöne Jüdin Esterka, welche er in einer Marktbude zu Krakau fand, zu seiner Gemahlin erhob, das kann man so bestimmt nicht nachweisen". Darauf erwidert nun in der folgenden Nummer dieses Blattes der Cand. rabb. M. Bindiget: „Die schöne Jüdin Esterka ist keineswegs in einer Marktbude zu Krakau aufgefunden worden. Sie war eine Deutsche von Geburt. Im 13. Jahrhundert, als die großen Judenverfolgungen in Deutschland herrschten, und viele von ihnen die Emigration antraten, sali sich auch der Vater der Esterka veranlaßt, zum Stab der Auswanderung zu greifen. In deren Begleitung schlug er die Richtung nach Polen ein, wo die Juden sich damals unter clor Iifegic'nmg dos liberalen Königs Kasimir des Großen dessen wohlwollenden Schutzes erfreuten, und da er von Beruf Talmudlehrer war, dachte er hier um so leichter zu einer Existenz zu gelangen. Die allzu großes Aufsehen erregende Schönheit der Esther, welche seitens der Bewunderer und Verehrer ihr den Kosenamen Esterka eintrug, brachte nur schweres Leid über das Kaimt ihres greisen Vaters Isak. Viele der Edelleute wollten sich mit Gewalt dieser schönen Jüdin bemächtigen. Durch die Wahrnehmung dieser für ihn drohenden Gefahr hatte Isak die Geheimhaltung seiner Tochter streng bewahrt, weshalb er auf sich den Haß der adeligen Beworber zog, und aus Rache sie nach dessen Untergang trachteten. Sie traten alsbald mit dem bekannten Märchen der Ritualmordbeschuldigung hervor. Isak wurde in Haft genommen und zur Gerichtsverhandlung nach der Residenz Krakau gebracht. Esterka, über die unschuldige Verhaftung ihres Vaters aufgebracht, setzte alles in Bewegung, um dessen Befreiung zu erreichen, und so gelang es ihr in einer Audienz vor dem König Kasimir zu erscheinen, bei welcher Gelegenheit er zu Thr in überaus heißer Liebe entbrannt worden ist und ihr eine Wohnung nebst Kammerfrauen in seinem Palaste anweisen ließ." Eine judäo-magyarische Baronenfamilie. Den Brüdern Alexander, Josef und Karl von Hatvany-Deutsch in Budapest wurde die Baronie verliehen. Darüber schreibt die „Allg. Jüd. Rundschau": „Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die bei uns so zahlreichen Speichellecker und Eljenschreier diese Standeserhöhung als eine Ehre und Auszeichnung des Judentums ausschreien werden. Demgegenüber sind wir der Meinung, daß das Judentum gar keine Ursache hat, sich dieser Auszeichnung zu freuen, da die so Ausgezeichneten derart assimiliert sind, daß sie dem Judentum als solchen, der Judennot und der Judenfrage kühl, fremd und verständni slos gegenüberstehen. Für ihre manchmal recht noblen Almosen mögen ihnen die Almosennehmer dankbar sein, das Judentum muß sich blos den Neid und Haß gefallen lassen, den solche Standeserhöhungen auslösen 1" Wir haben unlängst erzählt, wie der neugebackene Baron Sandor (Alexander) seine Tochter unter Androhung der Enterbung zwingen wollte, einen Christen (Baron!) zu heiraten. Eine jüdische Advokatin vor einem österreichischen Gericht. Man schreibt uns aus New-York : Am 17. Juli reist die hiesige Advokatin Sophie Mayer nach Oesterreich, um beim Bezirksgericht R a d I o w (bei Krakau) die Interessen ihres Klienten Hermann Ehrenhaft, eines armen hiesigen Schneiders und seiner drei Geschwister, zu vertreten. Es handelt sich um eine Erbschaft von zirka 800.000 K, welche den Genannten nach ihrer kinderlos verstorbenen Tante, einer getauften Jüdin, zugefallen sein soll. Die österreichische Regierung hat der Advokatin Mayer erlaubt, in dieser Rechtssache advokatorisch zu intervenieren. Rabbiner Leopold Eisler in Eiwanowitz ist nach 50jähriger Amtstätigkeit am 20. Juni im 85. Lebensjahre gestorben. Am 11. Februar 1825 zu Boskowitz in Mähren geboren, besuchte er die dortige Jeschiwah des Rabbiners Abraham P 1 a c z e k und genoß zusammen mit seinem Jugendfreunde Emanuel Baumgarten aus Kremsier den Unterricht des kenntnisreichen Hebräisten Isak Samuel Weisse. Großvaters des Herrn Rabbiners Dr. S. Weisse in Berlin, in der Logik des Maimonides. Mit Bibel- und Talmudkenntnis gut ausgerüstet verließ Eis ler 1846 seine Vaterstadt und ging zum Zwecke weiterer Ausbildung nach Prag, wo er sich viel mit sprachlichen Studien beschäftigte, die Vorlesungen über orientalische Sprachen an der dortigen Hochschule fleißig besuchte und die kritischen Vorträge Rappaporls über Jesaia hörte. Im Jahre 1857 ging Eisler nach Szegedin, wo er unter der Einwirkung seines Vetters, des berühmten Rabbiners Leopold Low, in das Studium der Wissenschaft des Judentums sich vettiefte und der allklassischen philologischen Literatur sich zuwandte. Vom Jahre 1853 wirkte er an der dortigen israelitischen Hauptschule als Lehrer der hebräischen Sprache und Grammatik. 1856 wurde er von der Gemeinde Eiwanowitz zu ihrem Rabbiner gewählt. Eisler stand in regem brieflichen Verkehr mit M. Letteris, M. E. Stern, Em. Baumgarten, Leopold Low, Josef Weisse, Senior Sachs und Jakob Reifmann, dessen kritischen Forschungen und in meisterhaftem Hebräisch geschriebenen Briefen er manche Anregung verdankt. Der letzte Monatsbericht der Pariser Alliance druckt die ganze Rede des Geheimrates Goldberger mit allen ihren Angriffen gegen die Zionislen und den Hilfsverein ab. Es unterliegt nun keinem Zweifel, daß sich die Zentrale mit der Taktik des Berliner Bureaus solidarisiert. Bemerkenswert ist aber, daß sich Jakob Schiff in New- York in der letzten Nummer des „American Hebrew" sehr abfällig über die Gründung von auswärtigen Bureaus durch die Pariser Zentrale äußert. Er hält diese Gründungen für einen Mißgriff. Ritter von Moysa ist der Reichsratsabgeordnete von Buczacz-Zaleszczyki und einer Reihe kleinerer Städtchen in Galizien, in denen die jüdischen Volksmassen den Kern der Bevölkerung bilden. Er wurde in der Stichwahl gegen Dr. Birnbaum mit Hilfe von Erpressungen und Schwindeleien gewählt, wobei ihm leider jüdische Wahlhyänen als Söldlinge zur Seite standen. Nun zeigt auch Herr von Moysa, wie sehr ihm an seinen jüdischen „Wählern" liegt. In einem Konkurse, den er am 30. Juni 1909 als Bezirksobmann von Sniatyn für eine Arztenstelle ausgeschrieben hat, verlangte er ausdrücklich einen Taufschein — ein Vorgang, den gegen Gesetz und Recht die meisten galizischen autonomen Behörden einhalten. Nun fragen wir: Wozu werden denn die Herren Kolischer, Löwenstein, Ignaz Landau etc. von der jüdischen Bevölkerung in den Landtag geschickt, wenn sie nicht den Mut haben, dort diese antisemitischen Praktiken festzunageln? Die Wahl des Dr. Tobias Aschkenase zum dritten Vizebürgermeister von Lemberg, die erst im dritten Wahlgange nur mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.