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Neue Nationalzeitung · 1909-07-16 · Heft 15 (16.7.1909) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 15 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 15 Seite 7 Allpolen und zur allgemeinen Ueberraschung wurde Graf Skarbek, der bereits öffentlich auf seine Kandidatur verzichtet hatte, gewählt. Die Vorgeschichte dieser Haltung der bäuerlichen Wähler ist für die galizischen Verhältnisse sehr charakteristisch. Es wurde nämlich der Demokrat vom jüdischen Bürgermeister in Sambor und vom Kahal (Kultusvorstand) unterstützt. Die Bauern erklärten ihn daher für einen — Juden (!) und wollten für ihn durchaus nicht stimmen. Das dürfte schon Herr Stapinski durch seine neuen antisemitischen Allüren selbst verschuldet haben, daß seine Anhänger im Judenpunkte sehr empfindlich geworden sind. Die Bauern lassen sich eben nicht bald für und bald gegen die Juden kommandieren. Sie haben mehr Konsequenz als ihr Anführer, der Herr Stapinski. j- * Alterlei aas Bosnien. Sarajevo, 10. Juli. (Orig.-Korr.) Nun hat sich alles beruhigt. Dr. Z e m a c h ist abgereist und hat auf seine Kandidatur verzichtet; die spaniolische Gemeinde selbst hat sich damit abgefunden, daß sie vorläufig ihren „Chacham" auch für Repräsentationszwecke beibehielt. Der Minister B u r i a n ist wieder da und wir beginnen zu hoffen, daß wir vielleicht doch noch eine eigene Kurie erhalten werden. Wenn nur in Wien genügender Nachdruck wäre. Bei Gelegenheit will ich Ihnen mitteilen, daß wir hier seit einigen Jahren einen Verein von galizischen und Bukowinaer Juden genannt „Achdus" haben. Der Verein steht unter Leitung des Herrn Gh. Weitzner, der sich im Interesse dieser Organisation viel bemüht. Trotzdem hat der Verein nur zirka 100 Mitglieder und dies zumeist aus den Kreisen der Kaufleute und Gewerbetreibenden. Wiewohl wir in Bosnien sehr viele jüdische Aerzte, Advokaten und Staatsbeamte haben, die aus Galizien sind, so besitzen diese Herren, da sie zü Stellungen und Wohlstand gelangt sind, gar kein Solidaritätsgefühl. Es wäre die höchste Zeit, daß sich dies ändere und daß sich diese Herren mehr ihren engeren Brüdern nähern. England. Der beleidigte Lord Rothschild. London, anfangs Juli. (Orig.-Korr.) Wie aus den Tagesblättern bekannt, wurde Lord Rothschild wegen seiner oppositionellen Haltung gegenüber dem liberalen Ministerium vom Finanzminister Lloyd-George bei einem Festmahl in einer Form angegriffen, wie sie im politischen Leben selten vorgekommen ist. Er sagte unter anderem: „Wir haben bei all diesen Dingen zu viel Lord Rothschild. Wir haben keine Wirtschaftsreform in diesem Lande. Warum? Weil Lord Rothschild die Peers in einem Zirkular darum ersucht hat, dagegen zu stimmen. Wir müssen mehr Dreadnoughts haben. Warum? Weil Lord Rothschild es uns bei einem Meeting in der City gesagt hat. (Gelächter.) Wir brauchen sie nicht zu bezahlen, wenn wir sie bekommen haben Warum? Weil Lord Rothschild es gesagt nat. (Gelächter.) Wir dürfen keine Besitzsteuer haben. Warum? Weil Lord Rothschild einen Protest im Namen der Bankiers dagegen erlassen hat. (Gelächter.) Wir dürfen keine Erbschaftssteuer haben. Warum? Weil Lord Rothschild, der Vorsitzende einer Versicherungsgesellschaft, erklärt, er würde sie nlfeht zulassen. (Gelächter.) Sie dürfen keine Steuer aui unbebautes Land legen. Warum? Weil Lord Rothschild Vorsitzender einer Industrie-Baugesellschaft ist. (Gelächter.) Sie sollen keine Altersversicherung haben. Warum? Weil Lord Rothschild Mitglied eines Komitees war, das sagt, diese Einrichtung sei unmöglich. (Lautes Gelächter.) Gut, ich möchte wissen, ist Lord Rothschild derDiktatordiesesLandes? Sind uns wirklich alle Wege der finanziellen und sozialen Reform versperrt : Kein Durchgang! Befehl N a t h a n i e 1 Rothschilds!? (Beifall und Gelächter.)" Die jüdische Presse aller Länder macht deshalb sehr viel in Entrüstung und faselt von einem antisemitischen Regime in England, ganz im Gegensatze zu einzelnen hiesigen jüdischen Blättern, welche den großen Lord und seine „Jüdischkeit* etwas näher kennen. So bezeichnet es der „Jewish Expreß", ein sehr verbreitetes jüdisches Volksblatt, als unpassend, daß sich Rothschild für die Millionäre exponiert und gerade einem Ministerium gegenüber, in dem zum erstenmale ein Jude als aktiver Minister sitzt. Ist Rothschild hier als Jude oder Beschützer der Millionäre aufgetreten? Wenn er nun seine Hiebe bekommt, was geht das die Juden an? „Ja, warum hat Herr Rothschild kein Protestmeeting einberufen, als seine konservative Partei das Einwanderungsgesetz erließ, durch welches die Juden schwer getroffen werden? Warum hat man ihn mit Mühe schleppen müssen, damit er den Vorsitz bei einem Meeting gegen die Judenexzesse in Rußland übernimmt? Jetzt geht er selbst. Denn sein Geldbeutel ist in Gefahr! ..." So meint das Blatt unserer jüdischen Volksmassen. Und es hat nicht Unrecht . . . Als Pflaster auf die Hiebe des Finanzministers erhielt Rothschild den Besuch des Königs. Dieser Besuch galt eigentlich allen drei Brüdern (Nathaniel, Leopold und Alfred). Der König hielt sich bei ihnen sechsunddreißig Stunden auf. —ch. Rußland. Eine jüdische Akademie. Wilna. Dieser Tage hielt sich Baron David Gin/, bürg hier auf und machte die Vorsteher der jüdischen Gemeinde mit den von ihm in Petersburg gegründeten Kursen bekannt. Auf diesen Kursen wird Talmud, jüdische Geschichte, Arabisch, Religionsphilosophie u. s. w. unterrichtet. Baron Ginzburg ist der Meinung, diese Kurse müssen eine allgemeine Verbreitung erfahren und sich nicht zu einem Lehrerseminar, sondern zu einer Akademie der jüdischen Wissenschaften herausbilden. Aus dieser Akademie sollten Rabbiner, Prediger, Lehrer und überhaupt jüdische Gelehrte hervorgehen. Sie muß aber in enger Verbindung mit den jüdischen Zentren stehen. Das sei eine der wichtigsten Bedingungen für ihr Sein und Gedeihen. In Wilna müßte demnach ein ständiges Komitee gegründet werden, welches folgende Aufgaben durchzuführen hätte: 1. Die Akademie mit Geld zu unterstützen; 2. Die Schüler derselben zu beaufsichtigen, sie prüfen und nur solche zum Besuche der Akademie zuzulassen, die bereits sowohl eine allgemeine als auch insbesondere eine jüdische Bildung besitzen und denen es nur an einer Systematisierung ihrer jüdischen Kenntnisse mangelt. Baron Ginzburg schätzt die Erhaltung dieser Akademie auf 30.000 Rubel jährlich und meint, die jüdischen Zentren müssen dieses Geld herbeischaffen. Momentan besuchen 30 Schüler diese Kurse. Ein jeder bekommt eine monatliche Unterstützung von 20

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