Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 15 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 15 „Neue National-Zeitung" Seite 5 wohl mit Recht, daß die Juden in Oesterreich in frühester Zeit einen Zentralfriedhof nicbt nur für das Herzogtum, sondern auch für die angrenzenden Länder hatten, „wie ja auch der Friedhof in London (bis 1177), in Deutschland die Friedhöfe in Regensburg, Schweidnitz, Mainz, Worms, Frankfurt, in der Schweiz die Friedhöfe in Basel und Zürich als Landes-, beziehungsweise Bezirksfriedhöfe zur Bestattung sowohl der zur Gemeinde gehörigen als auch fremden Juden dienten". Diese zentrale Begräbnisstätte befand sich, wenigstens für die nächste Umgebung, zweifellos in Wien und sicherlich an der Stelle, wo sie sich 1368 zuerst urkundlich feststellen läßt, im sogenannten „Greut" vor dem Kärntnertor, in der Nähe der 1385 von der Judengemeinde erworbenen Badestube. Daß diese erste urkundliche Feststellung der Oertlichkeit des Friedhofes sich nicht mit dem Zeitpunkte seiner Entstehung deckt, beweist eine Reihe von Grabsteinen aus früherer Zeit, die sich bei Neubauten, teils an der Stelle und in der Umgebung des früheren Judenfriedhofes, teils an Ortea gefunden haben, wohin sie nach der Aufhebung des Ghettos und der Zerstörung des Friedhofes verschleppt und zumeist, wie bei der Anlage der Vorstadt Gumpendorf, als Grundsteine verwendet wurden. Funde jüdischer Grabsteine Avurden in Wien schon im IG. Jahrhundert gemacht. Der bekannte Polyhistor Wolfgang Lazius hat sich ihrer angenommen, allerdings um sie mit weitestgehender Phantasie zu tinem Ausgangspunkte einer Urgeschichte der Juden in Wien zu inachen. Spätere Funde von jüdischen Epitaphien in Wien, die sich teils im ganzen, teils fragmentarisch erhalten haben, bestätigen das hohe, mindestens bis an den Anfang des 13. Jahrhunderts zurückgehende Alter des AViener JudenfrieJhofes. Im Jahre 1349, zur Zeit des schwarzen Todes, mußte er, wie uns dies der damals in Wien tälig gewesene Konrad von Megenberg mitteilt, erweitert werden, zu welchem Behufe die Gemeinde zwei Nachbarhäuser erwarb. In diesem Zustande blieb der Friedhof bis zur Aufhebung der Judenstadt; wenigstens findet sich in der Zwischenzeit keine urkundliche Nachricht über irgend welche Veränderung vor. Im Jahre 1421. verfiel er der Zerstörung; die Grabsteine wurden, wie erwähnt, zum Teil für die N e u b a u t e n d e r V o r s t a d t Gumpendorf verwendet. Die der Erde gleichgemachte Stätte des Friedhofes blieb einige Jahre verödet. Erst 1437 schenkt Herzog Albrecht „den ecktheil des flecks, da weiland der Juden freudhof gewesen" dem neuen Chorherrenstift St. Dorothea. Abraham Stern.*) Der Erfinder der Rechenmaschine. Es war im Frühjahre 1811, als sich ein gewisser Abraham Stern aus Hrubieszow an Stanislaus Staszic, den damaligen Vorsitzenden des „Towarzystwo Przyjaciol Nauk"**) in Warschau mit einem Briefe wandte, in dem er mitteilte, daß er eine neue Rechenmaschine für die vier mathematischen Operationen erfunden habe und um Gewährung von Mitteln zur Vervollkommnung dieser Maschine bat. Staszic interessierte die Sache außerordentlich. Der Erfinder wurde sofort als Mitglied des „Towarzystwo" vorgeschlagen, die Rechenmaschine aber wurde einer Kommission von Sachverständigen zur Prüfung und Beurteilung übergeben. Ihre Mitglieder, die aus der Mitte des „Towarzystwo" gewählt wurden, waren zwei geistliche Herren, Dabrowski und Bystrzycki, sowie Gutkowski, der Chef des Ingenieurkorps. Erst im Jänner 1813 war die Prüfung beendet, die schriftlich niedergelegte Beurteilung war für den Erfinder sehr schmeichelhaft. „Die Maschine", hieß es, „löste alle von der Kommission gestellten Aufgaben im Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren und Dividieren mit der größten Genauigkeit, so daß sie die selbst beim Dividieren einer unteilbaren Zahl zurückbleibenden Brüche anzeigte . . ." Nach Auseinanderlegung der Maschine habe sich die Kommission überzeugt, daß sowohl der Mechanismus als auch die Erfindung als solche das uneingeschränkte Lob verdienten. „Der Scharfsinn, mit dem der Erfinder die vier Rechenoperationen in bestimmte Regeln gebracht und darnach die Maschine gebaut habe, nuiße als außergewöhnlich bezeichnet werden . . .tt Es sei die Ansicht der Kommission, daß der Erfinder eine öffentliche Anerkennung seitens der „Gesellschaft" verdiene und daß ihm eine entsprechende Unterstützung gewährt werden möge. Die Anerkennung wurde ihm wohl ausgesprochen, aber einen Geldbetrag erhielt er nicht. tn der Sitzung vom 9. Dezember 1813 teilte Doktor Berganzoni, der stellvertretende Vorsiizende, mit, daß Stern ganz mittellos sei und ihm nicht nur die Möglichkeit fehle, das begonnene Werk auszuführen, sondern, daß er auch die Bedürfnisse seines täglichen Lebens nicht befriedigen könne. Diese Ansprache des Vorsitzenden bewirkte, daß ein geistliches Mitglied, namens Bohusz, das schon vordem der Gesellschaft 1000 Dukaten geschenkt halte, jetzt die jährlichen Zinsen dieser Summe für Stern bestimmte. Slern wurde von der Gesellschaft besonders ausgezeichnet. Er nahm an den Sitzungen teil. In der Mille saß gewöhnlich Staszic in schwarzem Kleid, mit dem Kopf eines griechischen Weisen, ihm zur Linken Graf Stanislaw Potocki, in einem Der Judenturm. (Vor dem Jahre 1314 erbaut, wurde er gegen Ende des XVIII. Jahrhunderls abgetragen.) *) Wir entnehmen diesen interessanten Aufsatz, in welchem der erste Erfinder der gerade in der letzten Zeit aut den Markt tretenden Rechenmaschine aus dem tiefen Dunkel des historischen Archivs hervorgeholt wird, der literarisch-wissenschaftlichen Juli- Beilage des polnischen Tagblattes „Kuryer Lwowski". Anmerkung der ltedaktion. **) Dieser Verein bildete die Akademie d r Wissenschaften im damaligen Großhe-zogtum Warschau. Anmerkung der Redaktion.