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Neue Nationalzeitung · 1909-07-16 · Heft 15 (16.7.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 15 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 15 Rabbiner Bloch als H^gierangsmann. Dr. Blochs „Oest. Wochenschrift" schrieb am 12. Februar 1909 : „Wir haben während der jetzt geschlossenen Session des Reicbsrates gesehen, daß das Kabinett oft nur ron zwei Ms drei Stimmen abhängig war... Heute ist nun eben einmal das Recht nur mit dem Faustrecht zu holen. Damit müßten die jüdischen Abgeordneten einsetzen, umsomehr, als sie kein Risiko tragen, weil wir nichts mehr zu Terlieren nahen." am 2. Juli 1909: „Was tun uun die jüdischen Abgeordneten? Namentlich sid stehen auf einem besonders heiklen und schwierigen Posten. Denn wenn man Phrasen ins Kühle stellen will, so muß man zugeben, daß die jüdischen Wähler sehr stark auf das Wohlwollen der staatliehen Machtfaktoren angewiesen sind. Trotzdem haben sich die meisten jüdischen Abgeordneten für die unbedingte Opposition entschieden, respektive entscheiden lassen, und zwar offenbar von Theoretikern des Lebens, denen «iie Politik ebenso eine Passion ist wie etwa der Trabersport. Auf die Politik der geschlossenen Hand soll nvt der Politik der geballten Faust geantwortet werden. Das si iht aus wie eine vernünftige Sache, aber im Hinblicke auf die Faust wird das Urteil e<n anderes. Die Faust ist. zu schwach und wenn gekämpft wird, verlieren die Juden.'* Herr Dr. Bloch hat in seinem Leben wohl nie ernstlich eine politische Rolle gespielt. Als Mitglied des Reichsrates gehörte er den- Polenklub an und war eben „Hausjude". Er durfte wohl eine andere Meinung haben, als der Obmann des Polenklubs, aber es war., ihm verboten, ohne dessen Zustimmung ei'ife'Ihlerpenatlon zu unterschreiben oder das Wort zu ergreifYn. So beschränkt sich die ganze parlamentarische Vergangenheit des Herrn Dr. Bloch auf die bekanntet! Karnpfredon gegen Türk und Schneider. Die Regierung hat Herr Dr. Bloch gewiß nie angegriffen und wenn wir nicht irren, stand er zum Graten T a a f e in sehr angenehmen Beziehungen; dieser Ministerpräsident hat sogar höchstpersönlich der Kampfrede des Herrn Dr. Bloch stets mit großem Interesse zugehört. War die politische und wirtschaftliche Lage der österreichischen, insbesondere der galizischen Juden, zu denen die Wähler Dr. Blochs gehörten, damals eine bessere? Nein! Es war bloß niemand da, der bis zum Jahre 1895 — damals legte Dr. Bloch sein Mandat nieder — den Mut hätte, publizistisch oder parlamentarisch das große Unrecht, das den jüdischen Staatsbürgern in Oesterreich von staatswegen angetan wird, anzunageln. Als sich dann Dr. Bloch wieder im Jahre 1895 einer Wahl unterzog, fiel er durch. Da ihn die Regierung und der Polenklub nicht mehr halten wollten, fand er keine Wähler. So hat sich an Dr. Bloch die politische Geschlechtslosigkeit gerächt. Er hat durch die Jahre seines Parlamentierens weder für die politische Entwicklung, noch für die wirtschaftliche Selbsthilfe der jüdischen Bevölkerung auch nur einen Finger gerührt und das jüdische Volk hat nichts dadurch verloren, daß er vom parlamentarischen Schauplatze verschwunden ist. Seitdem hat Dr. Bloch in Galizien einige Male kandidiert. Er fiel durch: sehr weich. Denn die Wahlspesen trugen andere: jene Wiener Judenkreise, die nicht den Politiker, sondern den Talmudisten im Parlamente benötigten. Dr. Bloch war dann auf die galizischen Behörden, auf den Polenklub, ja auf die Regierung sehr schlecht zu sprechen. Man erinnert sich noch, welche verhängnisvolle Folgen die Kandidatur Dr. Blochs für die jüdischen Wähler des Wahlbezirkes Zolkiew nach sich zog, wie die Leute grundlos verhaftet, bestraft und ruiniert wurden. Und wie Dr. Bloch mit einem sonst ungewohnten Mut den Statthalter und die Bezirkshauptleute angriff. Hat er darnach gefragt, ob die Wähler „auf das Wohlwollen der staatlichen Machtfaktoren angewiesen sind"? Zu wiederholten Malen hat Dr. Bloch seitdem mit seiner Opposition gegen die Regierung kokettiert, bis er schließlich am 12. Februar 1909 in einem Leitartikel die jüdischen Abgeordneten geradezu haranguierte, zum „Faustrecht" zu greifen, da ja bei der damaligen parlamentarischen Konstellation das Schicksal der Regierung von 2 bis 3 Stimmen abhängig war. Wir haben uns über die Haltung der „Oesterr. Wochenschrift" sehr gefreut, umsomehr, als sie uns durch ihren Radikalismus noch überbot. Denn auch wir waren mit der wankelmütigen, inkonsequenten Haltung des „Jüdischen Klubs" nicht einverstanden. Nun hat Dr. Bloch erreicht, was er wollte. Der „Jüdische Klub" hat seine Ratschläge befolgt; er ist in die schärfste Opposition übertreten, er hat in der Frage der Bosnischen Agrarbank gegen das Ministerium gestimmt, er hat bei der Abstimmung über den Dispositionsfonds der Regierung das Vertrauen nicht votiert. Höher gehts ja gar nicht I Und damit ist Dr. Bloch wieder — nicht zufrieden. Nicht etwa weil diese Opposition zu schwach, zu wenig ausgiebig wäre. Er hat sichs inzwischen überlegt. . . Er ist jetzt überhaupt gegen eine Opposition. . . Diese Ansicht spicht Dr. Bloch nicht einmal in einer blos sachlichen Form aus. Nein, er verleumdet die oppositionellen jüdischen Abgeordneten geradezu vor ihren Wählern. Diese Stelle muß niedriger gehängt ,jyerden^ um: zu , bewe^n^wie ein Blatt, welches das führende Organ der österreichischen Juderisehaft sein will, weil es das Leiborgan des jeweiligen Wiener Kultuspräsidenten ist, öffentlich die jüdischen Abgeordneten, die in der Opposition sind, stigmatisiert. Der Artikelschreiber der „Oesterr. Wochenschrift" meint: „Aber die Abgeordneten beschweren sich, dai3 das Ministerium ihren berechtigten Wünschen nicht entgegenkommt, daß sie bei dem Pakt leer ausgehen, welchen die Regierung mit verschiedenenen Parteien führt, um ihre Stimmen sich zu erhalten oder zu gewinnen." Die Tendenz dieser Insinuation ist' sehr durchsichtig Die jüdischen Abgeordneten werden als Streber hingestellt, die gegen die Regierung sind, weil sie nichts bekommen. Ihre Opposition sei nicht bloß taktisch falsch, sondern auch persönlich. Also umkehren! Alles schweigend ertragen, nur der Regierung keine Schwierigkeiten machen usw. So möchte es Dr. Bloch, weil auch er als „Hausjude" durch 13 Jahre diese Politik verfolgt und durch weitere 14 Jahre nichts gelernt hat. Was ist denn eigentlich die ehrliche Ueberzeugung des Dr. Bloch: die vom 12. Februar oder vom 2. Juli? Wenn es die letztere ist, dann hat Dr. Bloch damit bewiesen, daß er auf demselben Niveau steht, wie David von Gutmann, der am 13. Mai d. J. ausrief: „Ich bin ein Vormärzjude! Ich sage daher: Wir Juden müssen möglichst ruhig sein und still sitzen. Bleiben wir ruhig und bescheiden." Dr. Bloch befindet sich daher vielleicht in guter Gesellschaft, aber er hat ein für allemal selbst zugegeben, daß er lediglich der Sprecher und das Werkzeug einer volksfremden, großkapitalistischen Clique ist. Dr.Bloch müßte mehr selbstlos und weniger abhängig sein, wenn er sich das Recht anmaßen will, im Kampfe der jüdischen Bevölkerung um ihre politischen Rechte auch seine Meinung auf die Wagschale zu werfen. L.

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