Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 14 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Seite 11 FEUILLETON. Die kleine Erzählung von der Sippe der kleinen. (Ein Märchen.) Es war einmal eine Sippe klein gewachsener Leute. Sie hatte seit undenklichen Zeiten viel Ungemach und viel Verfolgung durchzumachen, weil der Urahn ein Riese an Geist und Körper gewe-en und seine Geistesmacht alle Welt bändigte. Was Wunder, daß die Nachkommen auf diesen Ahn übermäßig stolz waren! Weil sie sich aber roch überdies berühmten, im alleinigen Besitze der geistigen Schätze dieses Ahns zu sein und dieselben als Fessel der übrigen Welt auflegen wolllcn, luden sie schweren Haß und nachgerade die bitterste Verfolgung auf sich. Man hetzte sie von einer Gasse in die andere, und weil sie überall, kaum zu einiger Ruhe gelang!, immer wieder den Geist des unvergeßlichen Ahns zur Herrschaft bringen wollten, so begann die Verfolgung gegen sie immer wieder vom neuen. Das ging so durch eine endlose Reihe von Geschlechtern, bis die Rasse, in enge Gassen zusammengepfercht und unablässig zu Boden gedrückt, aus der Art zu schlagen anfing, immer schwächer, immer klein?r und kleinlicher wurde — wenn auch der Geist des großen Ahns in ihnen nicht völlig ausgerottet werden konnte. Dabei vermehrte sich das Geschlecht dieser Kleinen immer mehr, so daß sie sich dahin und dorthin wenden mußten; aber überall wurden sie in gleicher Weise gemartert, uiiMM 'irü'kt ued in dumpfe Gassen von quetschender Enge eingeschlossen. So wurden sie immer schwächlicher und immer kleiner, kamen sie immer näher dem Boden, erhob sich ihr Blick nicht mehr wie ehedem stolz empor ül>> r die Wolken, er senkte sich vielmehr immer tiefer und tiefer.....Aber es kamen immer wieder Zeiten, w'o sie sieh, in ihrer Mehrheit, neuerdings aufrafften und ihre Blicke über das Irdische hinweg, wie ehedem nach oben richteten. Nur eine Minderheit blieb unentwegt, zum großen Verhängnis der ganzen Sippe, an der Scholle, an der ganz gemeinen Scholle unten, haften, von der sie einmal Besitz ergriffen, und die ihr seitdem als der Inbegriff aller Seligkeit galt. Diese Minderheit hatte nämlich niemals ihren Blick von der Erde, zu der sie immer tiefer hinunter gewachsen war. hinwt g nach oben zu richten vermocht, und hatte jede Fühlung mit dein Himmel, in welchem die lebenerhaltenden Ideale der Sippe wohnten, verloren. Dafür aber hatte ihr Blick allinähüg eine solche Schärfe für alle auf und sogar in der Eide befindlichen mehr oder minder werthabenden Dinge genommen, daß ihm hier nichts verloren ging. Was andere Menschenkinder zu ihren Füßen übersahen, oder überhaupt mit ihren Augen nicht wahrnehmen konnten, sie sahen und verwerteten es. Noch mehr: ihr Blick für alles Irdische war so scharf, daß er die Erde zu durchdringen und darin Metalle, Kohle u. s w. zu erspähen vermochte. — So wurde diese Minderheit reich und immer reicher. So ward der Reichtum ihr höchstes Ideal, ihr Gott. Als sie aber so viele Schätze in ihren Häusern angesammelt hatten, wurden ihnen diese und die schmalen Gassen, in denen sie bisher zu wohnen verurteilt waren, zu enge. Es zog sie mit Macht in die Städte, wo die großen Paläste standen. Warum sollten sie sich nicht auch den gleichen Luxus wie die Reichen dieser Städte gestatten, da sie doch über die gleichen und noch größere Schätze verfügten? Und da ihre großen Reichtümer sichtbar wurden und zum Himmel schrien, traten bald die früheren Peiniger und Unterdrücker ihnen näher, ihren inneren Grimm hinter ein freundliches Lächeln verbergend. Dieses Lächeln entzückte die kleinen Leutchen gar sehr, und sie bezahlten es mit teuerem Gelde. Was aber diesen überreichen Kleinen wehe, sehr wehe tat, das war das tief beschämende Gefühl, daß sie so klein und unansehnlich, und ungeachtet ihrer großen Reichtümer wie Zwerge sich ausnahmen gegenüber selbst den Lakaien der Vornehmen der Stadt! Das sollte amiers werden. — Sie bauten sich herrliche Palä>te, gaben reiche Mahlzeiten, hielten großes Gefolge und brachten allmülig Li ihre Abhängigkeit die Uebermütigsten ihrer früheren Peiniger. Ja wohl, die Großen der Städte verschmäht* n es nicht, um ihre Gunst zu buhlen, um sich nur an ihren Geschäften beteiligen zu dürfen.....So wurden die Kleinen groß und die Großen klein. Aber die Größe der Kleinen war gleichwohl nur eine Seheingröße. Sie selbst täuschten sich. Sie wähnten groß geworden zu sein, weil sie selbst die eingeborenen Größen klein zu ihren Füßen sahen. Diese letzteren aber vergaßen keinen Augenblick, daß sie es nach wie vor mit Leuten aus der Sippe der Kleinen, die seit gestern heraufgekommen waren, zu tun hatten und je abhängiger sie von ihnen wurden und je mehr sie dieselben wegen ihrer groi'en Reichtümer beneideten, je grimmiger haßten sie diese Scheingrößen. Da sie aber an ihnen ihr Mütchen nicht kühlen durften, so hatte es ihre so kümmerlich lebende, lafür aber als vogelfrei geltende S' e zu büßen. Mit den „Größen" der Sippe fraternisiert. a.en, machte man gemeinsame Geschäfte und schob si;_ern bei solchen in den Vordergrund, um jedes Odin; on sich ab auf di-- Sippe zu wälzen; umso härter ve:;hr man mit der wehrlosen Mas-e der Sippschaft, umso grausamer und ungestrafter verhöhnte, verfolgte und unterdrückte man sie. In ihren verzweiflungsvollen Drangsalen richteten sie die flehenden Blicke empor zu den zu mächtigem Einfluß gelangten Größen ihi'u Sippe, die doch Fleisch von ihrem Fleisch' und Blut von ihrem Blute. Die Einfältigen! Sie wußten nicht, daß in diesen Geldmenschen längst der letzte Schimmer jenes himmlischen Funken, weicher der Sippe noch innewohnte, erloschen, daß das Gefühl für ihre unterdrückten Blutsverwandten in ihnen abgestorben, daß ihre Herfen zu Goldklumpen erstarrt und daß sie je eher je lieber ihre Abkunft verleugnet hätten, wenn man sie nur drüben daran Judte vergessen lassen wollen und sie als nur halbwegs gleichberechtigt aufgenommen hätte. Aber nein, das konnten sie nicht durchsetzen trotz ihrer großen Reichtümer. Man speiste bei ihnen, beteiligte sich an ihren Geschäften, ließ sogar ab und zu herablassend an sich herankommen — doch nur bis zu einem gewissen Grad .... Und so blieb ihnen denn nichts anderes übrig, als äußerlich Glieder der Sippe der Kleinen zu bleiben, zumal diese stets ehrfurchtsvoll zu ihnen emporblickten und nicht stolz genug darauf tun konnten, solche mächtige Verwandte zu haben. Und wie leutselig benahmen sich diese Mächtigen manchmal ihren armseligen Verwandten gegenüber! Und wie hüpfte diesen das Herz im Leibe vor Freude und Wonne, wenn ihre Großen einmal im Jahre unter sie