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Neue Nationalzeitung · 1909-07-02 · Heft 14 (2.7.1909) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 14 (2.7.1909)
Date
1909-07-02
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „Neue National-Zeitung' traten, um sich an den gottesdienstliclien Versammlungen zu beteiligen! — 0 diese Großen und Mächtigen der Sippe, sie waren so wenig stolz, daß sie es nicht verschmähten, einmal im Jahre vor Gott zu erscheinet!, und dies in der Versammlung der Kleinen und schwer Beladenen! Das blieb ihnen unvergessen. Die Kleinen un t ihre frommen Häupter lagen da im Staube vor ihnen. Alle Leiden, alle die schweren Verfolgungen der letzten Zeil, die ihnen eben wegen dieser ihrer Großen und Mächtigen bereitet wurden, sie waren vergessen. Als aber diese Leiden sich nachgerade bis zur Unerträglichkeit steigerten, da raffte sich die Sippe endlich auf und sandte eine Abordnung hinauf zu ihren Großen, um derentwillen sie ja jetzt so unerbittlich verfolgt wurde, daß sie doch endlich aus ihrer Reserve heraustreten und ein kräftiges Wort zugunsten ihrer Sippe einlegen möchten. Da kamen sie aber schön an. Anstatt die tiefe Berechtigung des Begehrens einzusehen und es zu erfüllen, machten die Großen den Kleinen schwere Vorwürfe darüber, daß sie sich nicht ruhig und stille verhielten und vielmehr ein ungebärdiges Geschrei über Verfolgung erhoben. Solche Vordringlichkeit müsse nur die Gegner provozieren, zu berechtigtem Zorn reizen und ihnen, nämlich den Großen selbst, die peinlichste Verlegenheit bereiten. Die Abordnung wurde schließlich höchst ungnädig entlassen und wurde ihr noch eingeschärft, mit allem Nachdruck auf die Sippe einzuwirken, daß sie sich die größte Mäßigung auferlege und es sich ja nicht beikommen lasse, irgendwelche Protestversammlungen zu veranstalten, was auch immer gegen sie unternommen werden würde, da sie sonst Gefahr laufen würden, nicht nar_nqchjgeit größere Verfolgungen heraufzubeschwören, sondern aucfi die Gunst ihrer letzten Protektoren, nämlich ihrer Großen, zu verlieren. Die Abordnung war wie niedergeschmettert. Sie schlich sich gebrochen von dannen und gewann erst einige Fassung, als sie wieder auf der Straße angelangt war ... Das also waren die Großen, auf deren Verwandtschaft sie so stolz waren, zu denen sie solange so hoffnungs- und anbetungsvoll emporschauten und welche den letzten Anker in ihren unsäglichen Leiden bilden sollten! Und wie erwiesen sie sich im Augenblick der größten Not? Als ein gebrechliches Rohr, das dem die Hand zersticht, der sich daraut stützen will. Die Kunde von dem Verhalten der Großen der Abordnung gegenüber verbreitete sich mit Blitzesschnelle und erregte einen furchtbaren Sturm der Entrüstung. Vom Ersten bis zum Letzten wurde jeder von einer namenlosen Erbitterung gegen die am Mark der Sippe nagenden und nur durch sie zu irgend einer Bedeutung gelangten „Vornehmen'4 erfüllt — und das hatte die weitere gesunde Wirkung, daß die Sippe sich mit Abscheu von ihren bisherigen Idolen abwandte, dieselben verleugnend, sich auf eigene Füße stellte und wieder, wie ehemals den frommen und klaren Blick nach oben rieht«le. So geläutert, gehoben, gekräftigt und gereinigt von Schlacken des krassesten Materialismus, der sie so sehr in Verruf gebracht und ihnen die schwersten Verfolgungen zugezogen hatte, erlangten sie nach und nach die Menschenwürde wieder und erwirben sich, da sie zu ihren höheren Idealen, welche ihr großer Ahn ihnen zur Pflege hinterlassen, wieder zurückkehrten, die Achtung ihrer früheren Verfolger. Die „ Großen" aber, von der Sippe abgestoßen und verleugnet, fanden nirgends einen Halt. Zum Heile der Sippe verloren sie sich nach und nach und sanken endlich in den Staub, aus dem sie hervorgegangen. Literatur. „Aus Israels Lehrhallen." Dem Gebiete dos Midraseh und der Agada wurde, nachdem Z11 ii z in seinem grundlegenden Werke ,J)ie gottesdienstliclien Vorträge der Juden" (1832, 2. Aufl. 1892) damit begonnen, 'besonders großer Fleiß und rege Aufmerksamkeit von Seite jüdischer Gelehrten zugewandt. Es war Dr. A d o 1 f Jellinek, der verewigte große Prediger der jüdischen Gemeinde Wien, ein Gelehrter, welcher auch auf dem Felde der Kabbalah Grundlegendes leistete, der, nach Handschriften und Druckwerken, die kleinen zerstreuten M i d r a s c Ii i in sammelte und sie in einem sechsbändigen Werke: ..B e t hh a - M i d r a s c h" herausgab, lehrreiche Erläuterungen ihnen beifügend.* Mehrere kleinere Midraschim sammelte auch C'li. M. il o r o w i t z. Diese ganze ferne liegende Literatur dem großen — und nicht allein gelehrten Publikum erschlossen zu haben, ist das unbestreitbare Verdienst August W ii n s c h e s, von dem wir eine Uebersetzung des gesamten M i d r a s c h K a b b a (mit Noten) in seiner „B i b 1 i o t h e e a r a b b i n i c a",** besitzen, wie wir ihm auch eine Uobortragung der „Pesikta" verdanken. Und nun liegen uns seine vortrefflichen Uebersetzungen der „kleinen Midraschim" vor, von denen bereits zwei Bände vollständig erschienen sind, enthaltend die „Midraschim zur späteren legendarischen Literatur des alten Testamentes". — Diesen abgeschlossenen Bänden folgen jetzt des III. Bandes 1. und 2. Hälfte, enthaltend „die kleinen Midraschim zur jüdischen E s c h a t o 1 o g i e und A p o k a 1 y i> t i k",*** durchgehend Uebersetzungen des „Beth-ha-Midrasch" Adolf J e 11 i ii e k s. Es ist kein Zweifel, daß diese Uebersetzungon dos gründlichsten christlichen Kenners der neuhebräisehen Literatur von allen Freunden der Literatur mit Freude werden begrüßt werden. Ein unbekanntes Gebiet des Schrifttums wurde mit ihnen der Welt erschlossen. Und nicht dies allein wird durch diese vorzüglichen Uebertragungen bewirkt. Auch die vergleichende Religionsgeschichte, wird durch den angeschlossenen, gelehrten Kommentar über das Alter die Tendenz dieser Schriften Parallelen zum Koran, Parsismus, dem Neuplatonismus wesentlich gefördert. Man lese nur, was W ii n s c h e über die Eschato- 1 o g i e und A p o k a 1 y p t i k im Judentum im Vorworte zur 1. Hälfte des III. Bandes sagt und man wird begierig sein, diese kleinen Midraschim mit Eifer zu studieren. Die E s c h a t o 1 o g i e führt uns in den jüdischen Ideenkreis, der sich mit dem Fortbestande des einzelnen Menschen und des ganzen menschlichen Geschlechtes nach dem Tode beschäftigt. Die letzten Dinge „Ta eschata, novissima" werden hier behandelt. Sowenig Bibel und Talmud über diese Dinge enthalten, der Midraseh, und namentlich diejenigen Midraschim. welche in das spätere Mittelalter fallen, sprechen darüber viel. Die späte Zeit ihrer Abfassung bildet keinen Anstoß, da sie alle auf alten Traditionen beruhen. Und dann belehrt uns W ii n s c h e über die Apokalyptik. Sie hat das sogenannte messianische Zeitalter zum Gegenstande. Vortrefflich ist in dem „Vorworte" der Unterschied zwischen Apokalyptik und der Prophetie auseinandergesetzt. Der Apokalyptiker folgt auf den Propheten. „Der Prophet empfängt Orakel, hat aber zugleich Visionen, der Apokalyptiker hat nur Visionen." Der Prophet ist Ohr, der Apokalyptiker Auge. In allen diesen Hervorbringungen der jüdischen Literatur kommt die Volksseele und was sie erregt und bewegt, zum Vorscheine: Wehmut und Hoffnung. Die Gegenwart ist oft dunkel und düster, leuchtend und hell die Zukunft, die der Herr seinen Anhängern zuteil werden läßt. Aber auch vom dichterischen Standpunkte sind die Midraschim von hoher Wichtigkeit: bilden sie doch die Gestalten der Bibel in dem Geiste des unvergänglichen Buches, oft mit staunenswerter dramatischer Kraft, fort. Wer Sinn für wahre 'Natürlichkeit hat, wird sich durch die poetische Lebendigkeit und Naivität der Schilderungen dieser Midrasch-Literatur tief ergriffen fühlen. Dahor danken wir dem großen Gelehrten und Uebersetzer dafür, daß er weiteren Kreisen die Kenntnis dieser eigenartigen Literatur des Judenturas vermittelte. Er hat mit seinem mühevollen Werke uns Juden und allen Gebildeten einen großen Dienst geleistet. _ Prof. Dr. M. Grünfeld. * Leipzig, 1853—57, Wien, 1873—77. Leipzig, 1881—1885. *** „Aus Israels Lehrhallen". Kleine Midraschim zur jüdischen Eschatologie und Apokalyptik." Zum erstenmale übersetzt und durch religionsgeschichtliche Exkurse erläutert von Aug. Wünsche, III. B. (1. und 2. Hälfte), Leipzig, Verlag E d u a t d Pfeiffer, 190d.

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