Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 14 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 aufgebahrt, wo Freunde und Verehrer des Verstorbenen, wie Dr. Zyllowski, Dr. Halpern, Adler u. s. w. Traueransprachen hielten. Die Beerdigung erfolgte auf dem Washington-Friedhof. Das deutsche Jahrbuch der Alliance Israelite Ulliverselle für 1908 ist in einem 16 Bogen starken Bande erschienen. Nicht blos die Mitglieder der Alliance, sondern alle Juden werden mit Interesse lesen, auf welche Weise und mit welcher Ausdauer die Alliance an der Aufgabe weiterarbeitet, die sie seit ihrem fast 50 Jahre zurückliegenden Entstehen sich gestellt hat. Von besonderem Interesse ist in dem vorliegenden Jahrbuch der Bericht, den Herr Nah um, der jetzige Chacham Baschi der Türkei, über die Reise erstattet hat, die ihn im Auftrage der Alliance zu den Falaschas nach Abessinien führte. Eine besondere Karte zeigt den Weg, den die Expedition zurückgelegt hat; Bilder von Falaschas und Falaschadörfern machen den Bericht besonders lebend g. Nicht minder lehneich und interessant ist der Bericht, d-n Herr Liabbincr Dr. Porges-Lcipzig über die von der Alliance zu den Allianceschulen im Orient entsandte Expedition erstattet hat. Die Anerkennung, die die Alliance im wachsenden Maßefür ihr Licheswerk genießt, findet ihren deutlichsten Ausdruck in der stetigen und starken Zunahme der Zahl ihrer Mitglieder. Das Jubiläum des Chief-Rabbi Dr. Adler in London veranlaßt den Londoner Korrespondenten des „Isr. Familienblatt" zu folgenden sehr interessanten Betrachtungen: „Wenn man den Londoner Zeitungen Glauben schenken wollte, hätte man annehmen müssen, daß 1. Dr. Adler der Chef der Judenheil ist. 2. daß er der größte jüdische Gelehrte ist, 3. daß sein siebzigjähriger Geburtstag eine gewallige Bewegung in der englischen sowie in der gesammlen Judenheit hervorgerufen und 4. daß die „Feier" im Gunnersbury Park (des Baron Rothschild) sich zu einer gewaltigen Demonstration der englischen Juden für den Chief-Rabbi Dr. Adler gestaltet hätte. Was ist an diesen Talsachen wahr? Dr. Adler isl der Chief-Rabbi der jüdischen „Untertanen" Englands, das stimmt; — aber er hat kein einziges jüdisch-wissenschaftliches Werk verfaßt, das verdient, nur genannt zu werden; sein Einfluß auf die jüdischen Massen ist, da er als geborener Hannoveraner und englicher Ueberpalriot die Untertanenschaft Seiner Majestät predigt, gleich null, und von seiner außergewöhnlich großen talmudischen Gelehrsamkeit ist nichts bekannt. Was er für das jüdische Volk geleistet, beschränkt sich auf die von ihm mit siebzig Jahren entdeckte Weisheit, daß die Juden kein Volk sind. Aber bei Lord Rothschild — die große Demonstration der englischen Judenheit. Der große Bluff . . . Sonst sind die Whitechapeler Juden die Polacken und die Schnorrer, obwohl sie schwer arbeiten und ihr Brot redlich verdienen — aber um die christliche Welt von einer Führerschaft zu Uberzeugen, sind sie gut genug. . . Arme Juden! Doch zum Lobe der Whitechapeler Juden sei es gesagt, sie sind nicht zu Rothschild gekommen, um ihm und Dr. Adler die Möglichkeit zu geben, ihre Führerschaft zu demonstrieren, auch nicht, um den großen jüdischen Gelehrten und Gaon zu feiern, sondern — um sich Rothschilds Park anzusehen und Rothschild zu sehen. Und sie gingen auch befriedigt heim!" Der Tod Kruschewans und die neuerlichen Judenexzesse. Der Organisator der russischen Juden-Pogrome, Kruschewan in Kischinew, ist plötzlich gestorben. Kruschewan saß in anscheinend in bester Stimmung in Gesellschaft eines Freundes aus Odessa in einer Konditorei in Kischinew und schrieb an einem Feuilleton für eine Zeitung, als er plötzlich vom Stuhle fiel und tot liegen blieb. Der Tod war, wie festgestellt wurde, durch den Riß einer Pulsadergeschwulst erfolgt, die Freunde Kruschewans aber verbreiteten sofort das Gerücht, daß der Tod Kruschewans kein natürlicher war und daß die Juden ihn vergiftet ha 11 e n, um sich ihres gefährlichen Gegners zu entledigen. Dieses Gerücht verbreitete sich mit großer Schnelligkeit in Kischinew und den umliegenden Dörfern und bot der „Vereinigung der wahren Russen" willkommenen Anlaß gegen die Juden zu hetzen. Di3 Judenexzesse haben bereits in Besarabien einen großen Umfang angenommen. Die russische Regierung dementia . . . „Ohne Unterschied der Konfession." Herr Direktor Hertz in Lodz hat 200.000 Rubel zur Errichtung eines Baues für ein Mädchen-UnU rgymnasium (ohne Unterschied der Konfession) geschenkt. Diese Widmung des Herrn Hertz erinnert lebhaft an eine Unterredung seines Schwiegervaters, des verstorbenen allen Herrn Poznan ski, mit Baron Hirsch. Herr Poznaiiski hatte nämlich die Gepflogenheit, wie die meisten jüdischen Großindustriellen in Russisch-Polen, keine jüdischen Arbeiter zu beschäftigen. Gelegenilich cint-r Begegnung mit Baron Hirsch in Karlsbad renommierte er vor diesem mit dem von ihm erbauten jüdischen Spital. Darauf erwiderte Baron Hirsch: „Bauen Sie lieber Fabriken für Juden und Spitäler für Christen". Zeitschriffen-Hundschau. Die Juden in Salonichi. Im „Neuen Wiener Journal" erzählt Paul Lindau über die J u d e n in Salonichi sehr interessante Details. Der zwangsweise Aufenthalt des Sultans Abdul Hamid in dieser Stadt, deren Majorität jüdisch ist (ÜU.000 Juden unter 14Ü.UU0 Einwohnern), rückt sie jedenfalls auch der allgemeinen Aufmerksamkeit näher. „Saloniki ist wohl die ansehnlichste Judenstadt der Welt und jedenfalls die j ü d i s c Ii e H a u p tstadt des Ostens. Ein gelehrter Kenner des Orients wollte die Stadt deshalb auch Saniaria genannt wissen. Schon in frühen Zeiten bestand in Saloniki, dem altem Thessalonike. eine ansehnliche j ü d i s c Ii e (iemeinde. Diese erhielt zu Ende des XV. Jahrhunderts durch die grausame Austreibung der Juden aus der Py renäenhalbinsel einen gewaltigen Zuwachs. Von den oüü.UUÜ Juden, die aus Spanien vertrieben wurden, wälzte sich ein großer Teil auf die europäische Türkei, wo sie die gastfreundlichste Aufnahme landen, und das schön gelegene Saloniki bildete einen Knotenpunkt ihrer Ansiedlung im Osten. Die „S e f a r d i ni" (Sefard bedeutet so viel wie Pyrenäische Halbinsel) oder Spaniolen, wie wir sagen, hatten in ihrer alten spanischen und portugiesischen Heimat hervorragende Stellungen eingeno mimen. Die Spaniolen in Saloniki haben bis auf den heutigen Tag sich die Eigenart ihrer Abkunft bewahrt. Sie sprechen und schreiben die Sprache ihrer Heimat, ein veraltetes, mit hebräischen Bestandteilen versetztes Spanisch, das von den Spaniern unserer Tage ohne besondere Schwierigkeit verstanden wird. Ihr Aeußeres macht im allgemeinen einen sehr guten Eindruck. Sie sind fleißig und arbeitsam und scheuen auch die schwersten körperlichen Anstrengungen nicht. Der Apostel Paulus schrieb einst an die Bewohner von Saloniki, an die Tessalonicher: „So jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen/' Die Spaniolen scheinen diese Mahnung an die christliche Gemeinde zu beherzigen, obwohl sie die Sache eigentlich gar nichts angeht. Sie sind die Lastträger, die Hafenarbeiter, die Kahnführer. Man findet unter ihnen Männer mit herkulischer Körperkraft. Sie sind mit einem Wort die Handarbeiter und Handwerker, während die Griechen nur die leichteren Geschäfte betreiben, die Bulgaren hauptsächlich die Feldarbeiten besorgen, die Albanesen vorzugsweise als Galadiener den Keichtum des Hauses, in dem sie angestellt sind, repräsentieren und die Türken auch hier, wie überall, so viel wie möglich faulenzen. Die Spaniolen gelten als absolut zuverlässig, treu und redlich. Zu großen Reichtümern haben es nur wenige gebracht, die Großhändler und Bankiers A 11 a t i n i und M o d i a n o vor allen. Auch die Zahl derer, die sich eines relativen Wohlstandes erfreuen, ist eine ziemlich kleine; die meisten leben in großer Dürftigkeit.