Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 14 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 14 Seite 7 Oscar Strauß zugunsten der Emigranten durehtührte, zurückziehen will. Bekanntlich errichtete Oscar Struui?) ein spezielles Regierungs-Bureau, welches zur Aufgabe halte, durch Informationen und durch sonstiges Entgeg nkommen das Los der Einwanderer zu lindern. Dieses Bureau setzte sich beispielsweise mit verschiedenen Farmern und Fabriksbesitzern in Verbindung und benachrichtigte die Immigranten, wo sie Arbeit erlangen könnten. Diese Einrichtung nützte sowohl den eingewanderten Arbeitern als auch indirekt den amerikanischen Arbeitern der großen, uberfüllten Städte: denn es wurde dadurch ein großer Teil des Immigralionsstromes von den überfüllten Zentren abgelenkt und die Konkurrenz verringert. .Nun soll aber dieses in jeder Beziehung wohltuend wirkende Bureau geschlossen werden. Der General- Kommissär in Immigraticnsangelegenheiten meint nämlich, daß viele nur deshalb eingewandert seien, weil sie die Hoffnung hegten, durch dieses Bureau Beschäftigung zu bekommen und aus diesem Grunde wolle er das oben erwähnte Bureau abschaffen, damit die Zahl der Einwanderer kleiner werde. Gelegentlich der letzten strengen Maßregelungen äußerte sich der neue Immigrantions-Kommissär einem Mitarbeiter der jüdisch-amerikanischen Zeitung „Die Wahrheit" gegenüber folgendermaßen: „Ich kümmere mich absolut gar nicht darum, was man über mich schreiben oder sagen wird. Ich werde gegen die Einwanderer noch viel strenger verfahren, als man's überhaupt ahnt. Hingegen werde ich denjenigen, die nach dem Westen oder Süden fahten, mit einigen Erleichterungen entgegenkommen. Aber für diejenigen, die sich unbedingt in dem übervölkerten New-York oder in den anderen großen Städten festsetzen wollen, Averde ich die strengste Anwendung der Gesetze walten lassen und ihnen die nur möglichen Schwierigkeiten beim Landen bereiten. Man hat mir den Auftrag erteilt, mit größter Strenge die Vorschriften durchzuführen und ich werde mich auch danach richten. Ich brauche ja nur meinem Vorgesetzten in Washington zu gefallen." Auf die Frage des Mitarbeiters, ob die Einwand eror zu erwarten haben, in der Zukunft ebenso behandelt zu werden, wie zur Zeit seines Vorgängers, des Herrn Wat schorn, gab der neue Kommissär zur Antwort: „Gewiß nicht. Der liberale Geist, der bis jetzt auf „Ellis-lsland" herrschte, ist für das Land schädlich. Nun bin ich eben hergeschickt Avorden, diesen liberalen Geist auszumerzen. Hätte ich nur den geringsten Versuch gemacht, mich der EinAvanderer zu erbarmen, Avürde ich nicht einen Moment mehr auf meinem Posten verbleiben. Ich a\ erde demnach die Immigrantionsvorschriften so auslegen, wie e» mir gerade mein Verstand, Gewissen und mein patriotisches Gefühl diktieren werden. Unter „Immigranten" verstehe ich junge, gesunde, mit Kraft ausgestattete Leute, die niemandem in unserem Lande zur Last fallen wollen. Denjenigen, welche hieher mit dem Zwecke kommen, sich nach dem Westen oder Süden Aveiter zu bfgeben, um dort auf den Farmen oder in den kleinen Industriezentren Arbeit zu suchen und zehn Dollar vorAveisen können, Averden gor keine ScliAvierigkeiten bereitet Averden. Diejenigen hingegen, Avelche sich nur auf NeAv-York und die umliegenden großen Städte kaprizieren, mögen sie viermal zehn Dollar haben, Averden auf die größten SchAvierigkeiten stoßen. Und ich mache Sie aufmerksam; täuschen Avird man uns nicht können, denn ein jeder EinAvanderer wird einer strengen Untersuchung unterzogen Averden." Das sind harte Worte von einem hartherzigen Beamten und daß er ein Mann der Tat ist, sieht man an den 75 Deportierten. Und unsere neue jüdische Gemeindeorganisation, die vor kurzem mit einem solchen Lärm gegründet wurde — schweigt . . . Das letzte Tor Avird vor den armen, überall verfolgten jüdischen Wanderern hastig zugeschlagen und die jüdischen Großen sehen gemütlich zu, ja noch mehr, ihre persönlichen Eifersüchteleien bringt sie dahin, denjenigen, die mit gänzlicher Selbstaufopferung den Unglücklichen Abhilfe kisten Avollen, daran zu hindern. Darin liegt ja eben die Tragödie des jüdischen Volkes! PdRL/mENT. Die Budgetdebatte. Wohlgezählte neun Minuten hat die Obmännerkonferenz jedem Abgeordneten als Sprechzeit Avährend der Budget-Debatte eingeräumt. Die EinAvendungen, die in der Obmännerkonferenz seitens des Dr. S t r a u eher erhoben wurden, haben in echt polizeilicher Weise die patentierten Repräsentanten aller „Freiheiten" zurückgeAviesen: Die Sozialdemokraten Adler und Seilz. Nach dem bekannten Sprichwort: „Es vergißt die Kuh, d.iß sie ein Kalb Avar" haben diese beiden Herren auf ihre 89 Stimmen protzend gemeint, es könnte ja jede Minderheit dasselbe behaupten, Avas Dr. Straucher. Adler und Seitz fühlen sich also schon als herrschende Majorität, die die Minoritäten in der Redefreiheit knebeln darf. Es wird sehr gut sein, daran nicht zu vergessen. Auf den Jüdischen Klub entfielen daher 36 Minuten, in die sich die Herren Dr. Gabel und Dr. Straucher teilten. fcJeide brachten die bekannten BeschAverden der jüdischen Bevölkerung zum Ausdrucke, wobei sich ersterer mit der neuen Institution eines jüdischen Referenten im Unterrichtsministerium, letzterer mit der Schaffung einer isrjelitisch - theologischen Fakultät eingehend beschäftigte. Aus den Ausführungen des Dr. Gabel ging hervor, daß die Bestellung des neuen Referenten in keiner Weise auf irgend Avelchen Abmachungen mit der Regierung beruht. Es Avar dies eine selbständige Idee des Unterrichtsministers Stürgkh, welcher erst durch Systemisierung des vorläufig nur provisorisch vergebenen Referentenpostens beAveisen Avird, daß es ihm um ein Entgegenkommen der jüdischen Bevölkerung gegenüber und nicht bloß um die Rücksichtnahme auf eine vereinzelte Person zu tun ist. * Hofrat Kuranda als Zwischenruf er. Herr Hofrat Kuranda hat Avährend der Budget- Debatte keine Gelegenheit genommen, für jüdische Interessen einzutreten, wohl aber hat er sich durch einige Avitzig sein sollende Unterbrechungen der Rede Dr. Gabels ausgezeichnet. Wir halten dieses Aufiivten für sehr deplaziert. Herr Hofrat Kuranda, als Abgeneter einer 55prozentigen jüdischen Majorität, hätte selbst von seinem Standpunkte als „Israelit" Grund und Ursache gehabt, während der Budget-Debatte für die konfessionellen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung einzutreten. Fragen, Avie die höhere Subvention der israelitisch-theologischen Lehranstalt, die Schaffung einer größeren Anzahl von jüdischen Religionsprofessoren in