Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 14 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Brief aus Bosnien. (Zwei Juden im bosnischen Landtag? — Ein Wortbruch. — Stürmische Oberrabbinerwahl.) (Von unserem Korrespondenten.) Sarajevo, Mitte Juni. Die bosnischen Juden bekommen also endlich zwc i Stimmen im Landtag! So liest man überall. Und doch ist es nicht wahr. Die bekommen nur einen Silz .. . Und diesen einen Sitz bekommt ein S p a n i o 1 e. Die Aschkcnasim gehen ganz leer aus, obwohl sie das größte Kontingent der Intelligenz stellen. Als im vorigen Monat die Frage der Landtagsverfassung spruchreif wurde, beschlossen die beiden Kultusgemeinden (die spaniolische und die aschkenasische) ein Komitee einzusetzen, für welches jeder Vorstand sechs Mitglieder nominierte. Dieses Komitee hat dann bezüglich der Mandatsverteilung bindende Beschlüsse gefaßt. Diese gingen dahin, daß im Falle die Juden drei Mandate erhalten sollten, hievon den Spaniolen zwei und den Aschkenasim eines zufallen sollten; b(i zwei Mandaten erhält jeder Teil ein Mandat; bei einem Mandate haben die Spaniolen den Vorzug. Nun geschah etwas nach mehrfacher Richtung sonderbares. Minister v. ß u r i a n hatte uns zwei Sitze im Verfassungsentwurf eingeräumt, und zwar eine Virilstimme für den Uberrabbiner und eine zweite Stimme in tiner besonderen Kurie. Von diesen zwei Sitzen gebührte daher im Sinne des Uebereinkommens beiden Gemeinden je einer; trotzdem wurden den Spaniolen beide Mandate zugewiesen. Die Leiter des Wiener Kultusvorstandes beglückwünschten uns zu diesem —• Erfolge und die Herren Dr. Stern und Dr. Gustav Kohn fanden es ganz in Ordnung, daß die österreichisch-ungarischen Juden bei den Wahlen ganz leer ausgehen. Nun hören wir wieder aus Wien, daß dem Herrn v. B u r i a n zwei jüdische Mandate zu viel sind : (s soll uns nun endgiltig nur eines zugewiesen werden. Dieses eine hätte der spaniolische Oberrabbiner zu bekommen. Da die Spaniolen aber bloß einen Chacham haben, so gehen sie auf die Suche nach einem Oberrabbiner und wenn er auch vom Himmel herbeigeschleppt werden müßte. Auf den ausgeschriebenen Konkurs meldeten sich mehreie Kandidaten, darunter der Rabbiner von Philippopel Dr. Z e rn a c h, der auch zur Probepredigt berufen wurde. Die Intelligenz ist jedoch gegen ihn, weil er ein — russischer Jude ist und wei 1 sie den hiesigen Religion«lehrer Dr. Lövvy, einen Zögling des Wiener Seminars, haben möchte. Die dadurch entstandenen Gegensätze haben bereits zu sehr lebhaften Volksversammlungen mit den üblichen Straßentumulten, polizeilichen Aufgeboten und Verhaftungen geführt. Es stehen sich hier die Volksmassen und die oberen Zehntausend gegenüber; es ist noch unbestimmt, wer als Sieger hervorgehen wird. Für uns Aschkenasim ist dieser Kampf gleichgiltig. Wir finden es nur höchst bedauerlich, daß man uns — Tausenden österreichisch-ungarischer Juden — jede Repräsentation im Landtage veiweigert, wiewohl gerade wir zur Hebung der Kultur und für das Wohlergehen dieses Landes mehr guieistet Inben, als die Spaniolen. Die Wiener Herren vom Gemeindebund und im Reichsrat haben von uns keinen Dank zu beanspruchen. Allerdings versucht man es, uns damit zu trösten, daß auch der Präsident der Advokntenkammer, der eine Virilslimme erhält, Jude ist. Allein, wo h: ben wir die Garantie, daß stets nur ein Jude Präsident sein wird? Und dann hat doch dieser Herr advokatorische Fachinteressen zu vertreten, aber nicht jüdische Politik zu machen. Es unterliegt keinem Zweifel: Man hat uns übers Ohr gehaut. Die neuesten Schikanen der nordamerikanischen Einwanderer. N e w - Y o r k, Mitte Juni. Was man befürchtet hatte, ist nun in der Tat eingetreten. Die strengen Vorschriften auf „Ellis-Island" sind in Kraft getreten und haben während der kurzen Zeit bereits Früchte gezeitigt, die dem armen Wanderer recht bitter schmecken müssen. Der strengeren Auslegung der Einwanderungsgesetze sind am 5. Juni 1. J. nicht weniger als 75 Personen zum Opfer gefallen. Sie sind, weil sie angeblich verschiedenen Vorschriften nicht zur Genüge entsprachen, einfach zurückgeschickt worden. Die herzzeißenden Szenen, die sich dabei abspielten, wären wohl imstande, Steine zu erweichen und zur Rührung und Mitleid zu bewegen. Einige, denen die Landung verw« igert wurde, äußerten in ihrer Verzweiflung den Wunsch, lieber sofort ins Wasser geworfen als zurückgeschickt zu werden, denn, sagten sie, sie haben in ihrer verlassenen Heimat gar keine Aussichten auf Existenz und seien gänzlich dem Verhungern preisgegeben — aus Vergnügen seien sie wohl nicht über den Ozean gefahren. Kurz — es war eine entsetzliche Tragödie. Die Einwanderungsbeamten waren auch höchst gerührt, allein sie konnten mit Rücksicht auf die Vorschriften den Unglücklichen nicht helfen. Der neue Immigrationskommissär, Herr W i 11 i a m s, hat nämlich an alle Aufsichtsbeamten von „Ellis-Island" den strengen Befehl ergehen lassen, nach welchem sie aufgefordert werden, die Immigranten ganz genau zu untersuchen und zu examinieren, sowie einen jeden, der auch nur im geringsten den Vorschriften nicht entsprechen sollte, aufzuhalten. Sollte der geringste Grund zur Deponierung vorhanden sein, müsse dieselbe durchgeführt werden. Als Begründung für diese strengen Maßregeln gibt der neue Kommissär allerlei Dinge an. Nach Amerika, sagt er, kommen zu viel Immigranten, die den niederen Klassen angehören, sie wählen gerade die großen Städte als ihren Aufenthaltsort. Er sei daher fest entschlossen, gegen solche Einwanderer mit der ganzen Strenge des Gesetzes einzuschreiten. In der neu erlassenen Instruktion wird auch ganz offen erklärt, daß es geradezu des Kommissärs Wille sei, daß man im Auslande über diese seine Strenge unterrichtet sei, damit desto weniger Leute ihr altes Heim verlassen und sich zur Reise nach Amerika ermutigt fühlen. Auch von Mr. Nagel als neuem Minister für Handel und Arbeit scheint ein neuer Kurs in dieser Richtung eingeschlagen worden zu sein. In den letzten Tagen wurden nämlich von diesem neuen Minister 19 von Emigranten eingebrachte Appellationen ohne Berücksichtigung zurückgewiesen. Es ist nunmehr klar, daß der neue Minister alle Reformen und Erleichterungen, die sein Vorgänger