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Neue Nationalzeitung · 1909-07-02 · Heft 14 (2.7.1909) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 14 (2.7.1909)
Date
1909-07-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Seite 5 In seinem Schmerz beneidet er seinen berühmten Dichtergenossen Jehuda Halevi, der vor den Toren Jerusalems getötet wurde : „Ein Lanzenstoß hat dir das Herz durchstochen, Mir gingen tausend durch die Seele hier; Ein fremder Feind hat dir das Herz gebrochen, Der Stammgenosse und der Bruder mir! Du Glücklicher! Vom Feind sahst du gelreten Dein Volk, ich aber sah, wie's selbst sich schlägt Und in der Stadt des Herrn und der Piopheten Zur Schau die geistigen Ruinen trägt. Zerbroch'ne Säulen und geborst'ne Quadern, Was sind sie wert noch, denen Göll gegrollt, Wenn dem, der um sie weint, nicht in den Adern Der warme Strom der echten Liebe rollt!" Ein Werk der Menschenliebe ins Leben zu rufen, war Frankl nach Jerusalem gekommen, nachdem er dessen jüdische Bevölkerung — wie wir wissen — vorher durch ein gedrucktes Hundschreiben von dem Zweck seiner Reise, nämlich von der Gründung einer Schule, in Kennlnis gesetzt hatte. Für diese Absicht hätte sie ihn wie einen Fürsten aufnehmen und dankbar jeden Schritt segnen müssen, den er zur Ausführung seines Planes unternahm! Und was geschah? Die geistlichen Führer der russisch-polnischen Juden der Heiligen Stadt fürchteten, die reichen Spenden der europäischen Glaubensgenossen würden spärlicher fließen, wenn die Juden sich durch Aneignung von Schulbildung auf eigene Füße stellen könnten; drum taten sie das edle Unternehmen und seinen Stifter in Bann. An den Straßenecken wurden diese „Bannbullen" angeschlagen, deren eine folgenden Wortlaut hat: „Im Namen des Heiligen Gottes legen wir in Bann den Bösewicht Frankl, der gekommen ist, um in der Heiligen Stadt ein Haus der Ungläubigen zu errichten. Wir legen in Bann alle, die dies Haus der Ungläubigen betreten. Jerusalem soll nicht einer verworfenen Stadl gleichen. Wehe über uns!" Sicherlich wäre Frankl tätlich angegriffen worden, wenn er nicht wiederholt seinen geladenen Revolver hätte sehen lassen und nicht der Österreichische Konsul die Vorsteher jener Gemeinden für jede seinem Landsmann zugefügte Unbill verantwortlich gemacht hätte. Im Gegensatz zu ihren osteuropäischen Brüdern zeigten sich die Sephardim dem Plane Frankls sehr geneigt. Die Versorgung durch fremde Glaubensgenossen, statt durch eigene körperliche oder geistige Tätigkeit, widerstrebte ihrem ritterlichen Sinne. Darum setzten ihre Vorsteher den Bau der Schule durch. Als sich aber in der Stadt die Kunde verbreitete, es wären bereits zwanzig Zöglinge zur Aufnahme vorgemerkt, begrüßten alle Juden der Stadt — ungeachtet des „Bannes" — die neue wohltätige Anstalt mit großer Freude; und wenn der Gründer sich jetzt auf den Straßen sehen ließ, umdrängten ihn die Armen und baten, ihre Kinder in die neue Anstalt aufzunehmen. — Der Fluch, den die bildungsfeindlichen Rabbiner über ihn ausgesprochen hatten, verwandelte sich auf den Lippen der Bevölkerung in Segen : „Nimm mein Kind in die Schule auf,, dann wird dich der Herr mit Kindern segnen!" „Dein Andenken wird gesegnet sein!" ,.Zürne uns nicht um deretwillen, die dir Kummer bereiten!" „Laß uns nicht die Sünde der Undankbaren büßen!" Diese Bitten, diese Segenswünsche rührten unseren Freund aufs tiefste. Er fühlte sich versöhnt und freudig erhoben: der Lärm fanatischer Eiferer, die sich Führer der Gemeinde nannten, war also nicht der Ausdruck der Menge! Nur der Gedanke schmerzte ihn, daß die Mittel der großmütigen Stiftung nicht gestatteten, alle Kinder, die sich meldeten, aufzunehmen. Immerhin konnte die Schule im Jahre 1856 mit vierzig Zöglingen eröffnet werden, von denen zunächst nur die Hälfte in der Anstalt beköstigt und bekleidet wurde. Nachdem die Lämel-Schule ein Menschenalter hindurch segensreich gewirkt hatte, wurde sie im Herbst 1887 bedeutend erweitert, als der „Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina" mit ihr ein Waisenheim vereinigte. Im Jahre 1903 wurde die Schule aus ihren gemieteten Räumen in ein eigenes, neuerbautes Heim verlegt, das außer den Direktor- und Lehrerzimmern einen Betsaal, sieben Klassenzimmer und einen Prüfungs- und Zeichensaal enthält, der 200 Schüler faßt. Inzwischen hatte der bereits siebzig Jahre vorher von dem edlen Menschenfreunde Sir Moses Montefiore angeregte Gedanke, die palästinensischen Juden dem Ackerbau zuzuführen, einen deutschen Rabbiner, den im Dienste jüdischer Bruderliebe unermüdlich tätigen Dr. Salvendi in Dürkheim, zu einer Spendensammlung zum Zwecke der Kolonisierung Palästinas begeistert, von der er 100.000 Mark der Lämel- Stiftung überwies, damit an sie eine landwirtschaftliche Schule angegliedert würde. Als Frankl auf dem geschilderten dornenvollen Wege die Schule ins Leben rief, erfüllte ihn die bange Sorge, sein Werk würde sich nicht halten können und bald eingehen, wie es mit ähnlichen wohltätigen Schöpfungen Montefiores in Palästina der Fall war. Aber trotz aller Mühen und Enttäuschungen bekannte er mit dem Psalmisten (Ps. 102, 15): „Deine Knechte lieben jeden Stein von Zion und jedes Erdensläubchen davon finden sie anmutig" und „von Zion aus, der Schönheit Inbegriff strahlt Gott einher.(Ps. 50, 2.) Diese beiden Verse ließ er in einen auf dem Oelberge gebrochenen Stein meißeln, den er als Schlußslein für den damals im Bau befindlichen Tempel des 2. Bezirkes in Wien bestimmte. Wir können uns denken, daß Frankl auch seinen Freunden Andenken aus dem Heiligen Lande mitbrachte. Dem Grafen Auersperg (Anastasius Grün) schnitzte er einen Spazierstock aus Zedernholz und sandte ihm zur Taufe seines Erstgeborenen Wasser aus dem Jordan, das er selbst geschöpft hatte. Er sandte ihm feiner Erde aus dem Tale Josafat, mit der launigen Bemerkung : „Die Juden glauben, nur auf der gelobten Erde auferstehen zu können. Wer nur ein Stäubchen palästinensischer Erde sich im Grabe unters Haupt legen läßt, der kann frischweg auferstehen, und wenn es z. B. in — Preußen wäre!;' Auf der Rückreise besuchte Frankl Safed und Tiberias, zwei Städte, die ihm später das Ehrenbürgerrecht verliehen, wie Jerusalem ihn durch den Ehrentitel „Nassi" (Fürst) auszeichnete. Er unternahm einen Abstecher nach Aegypten und sogar in die lybische Wüste. Im August traf er wieder in Wien ein. ffl -^==ffiffi=zzffl Unsere P. T. Abonnenten, deren Bezugsrecht am 30. Juni 1909 abgelaufen ist, ersuchen wir um rechtzeitige Erneuerung des Abonnements, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Bezüglich der unseren Jatires- und Hülbjahres-Aboiinenten auch für das nächtse Semester zugedachten Gratisprämie werden wir demnächst Näheres mitteilen. Die Administration.

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