Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 14 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 14 Kaufmann des Morgenlandes, Camondo, zu Gaste und nahm hier an der Sederfeier teil. Eine Reise durch Syrien und Palästina dauert heutzutage, dank der neuen Mekkabahn, nur wenige Tage. Damals keuchte das Dampfroß noch nicht am Libanon und am See Genezarelh entlang. Vielmehr mußte ein Reisender gar viele Mühseligkeiten überwinden Ein Reisender? Ö nein, bei dem Mangel an gangbaren Wegen, bei der Gefährlichkeit des von Räubern heimgesuchten Geländes mußte Frankl sich einen orls- und sprachenkundigen syrischen Griechen dingen, der für Pferde, Maultiere, für ein Zelt und für Verpflegung sowie für Bedienung zu sorgen hatte, solange, bis die Reiseschar über den Libanon hinweg nach Damaskus, nach Baalbek, zum Zedernwalde und zurück nach Beyrut gelangt wäre. Es war eine stattliche Karawane. Der Führer, Ibrahim, ritt auf einem türkisch gesattelten Pferde voran, bewaffnet mit Flinte, Pistolen und Ilandschar. Dann folgte Frankl in Begleitung des Vorstehers der spanisch-jüdischen Gemeinde in Beyrut, eines Venezianers, mit Namen Alfanderi, beide gleichfalls bewaffnet. Ein Maulesel trug das Zelt und das Gepäck; ein Esel trable hinterher, um den nebenher laufenden Dienern — wenn sie müde wurden — den Rücken zu leihen. Gasthäuser gab's nirgends. Hin und wieder lud ein „Chan-', meist eine Ruine oder im günstigsten Falle ein Häusehen, das nur einen Stall und eine kleine, offene Vorhalle enthält, an einem Brunnen zu kurzer Rast ein. Dennoch ist das fruchtbare Gelände an den Säumen des Libanon angebaut, und zwar terrassenförmig. Frankl sah häufig Bauern hinter dem mit zwei Ochsen bespannten Pfluge einhergehen und einen kunstlosen hölzernen Pflug, leicht wie das Steuer an einem Boote, lenken und den Boden nur ritzen. „Es ist, als ob die unterirdischen Kräfte hier feinhöriger wären, als im Abendlande, wo die Pflugschar liefer und gewalliger gehen und sie zwingen muß. Der Terrassenbau strebt bis zu den bedeutendsten Höhen hinauf, und wie leicht auch die Arbeit selbst ist, so wird sie durch die Glut der syrischen Sonne doch unglaublich erschwert; wenn man bedenkt, daß die Dörfer sehr zerstreut und weil auseinander liegen, und der Ackersmann oft stundenweit gehen muß, bis er sein Feld erreicht oder die Ernte einheimst, so bekommt man von dem Fleiß der Orientalen einen ganz anderen Begriff als den gewöhnlich verbreiteten." Stellenweise begegnete den Reisenden eine Karawane. Schwarzbraune Männer in langen, weißen Mänteln, den weißen Turban auf dem Haupt, barfuß, mit langen Flinten bewaffnet, zogen voran. Auf Kamelen folgten weiß verschleierte Frauen, dann kamen Ziegen, Schafe, Esel und zum Schluß wieder bewaffnete Männer. Mit dem Einbruch der Dunkelheit wurde das Zelt aufgeschlagen, das Ibrahim mit einer bunten Papierlaterne erhellte. Frankl aber las in jenem uralten Buche, das die seit Jahrtausenden noch erhaltenen naiven Zustände des Morgenlandes klar, poetisch und anschaulich schildert — die Bibel. Draußen giengen die Diener auf und ab und hielten Wache. Ibrahim lag quer vor dem Eingange des Zeltes, und zwar bewaffnet bis an die Zähne. Nach mehrtägigem Ritt war Damaskus erreicht, „die wunder- und märchenverklärte, vielsäulige Stadt, das Halsband der Schönheit." Gegen Abend hielten sie vor einem Hause, das eher einem schmutzigen Lehmhaufen ähnlich sah, als einer Herberge. Sie gingen durch einen schmalen, dunklen Gang und befanden sich in einem — märchenhaften Paläste! In der Mitte eines mit weißem Marmor getäfelten, viereckigen Hofes plätscherte ein Springbrunnen, den blühende Orangenbäume umgaben. In den Zweigen hingen bunte Lampen, wie brennende Edelsteine aller Farben, während in den hohen, luftigen Spifzbogenhallen Laternen aus Milchglas ein geheimnisvolles Dämmerlicht verbreiteten. Ein greiser Diener führte unsern Freund in eine dieser offenen, rings mit breiten Diwanen umgebenen Hallen; ein zweiter Diener brachte ein silbernes Waschbecken, ein dritter eisgekühlte Limonade, ein vierter Kaffee und Tschibuk. Frankl kam sieh vor wie ein Prinz aus „Tausend und einer Nacht". Allerdings war er von den Anstrengungen des langen Rittes zu Tode ermattet. In seinem Hirn wogten die neuen phantastischen Eindrücke der letzten Tage bunt und wirr durcheinander. Immer weiter gings den Libanon hinauf, dorthin, „wo die Zeder kühn in die Höhe strebt." Freilich, von den gewaltigen Wäldern, die einst das Zedernholz zum Bau des salomonischen Tempels lieferten, war nur noch ein kleiner Hain übrig, der nur einige hundert Schritte im Umfange hat und „dessen neun urälteste Zedern die grünen, ewigen Säulen sind, auf denen das blaue Himmelsgewölbe zu ruhen scheint. Ein Tempel des Herrn in erhabener Einsamkeit, eine unvergängliche Oase in einer Bergwüsle, steht der kleine Wald duftend, grünend, von Prophetenworten verklärt, von tausend und tausend untergegangenen Geschlechtern bewundert, von e Aigen Dichtern besungen und unsterblich". Die ältesten Bäume haben einen solchen Umfang, daß sieben Männer sie nicht umspannen können. Sie waten leicht zu erklettern. Frankl brach einige von den unseren Tannenzapfen ähnlichen Früchten und schnitt ein paar dünne Zweige ab, um sie seit en Freunden — z. B. Anastasius Grün — mitzubringen. Der gewaltige Anblick, der sich dem entzückten Auge vom Libanon aus auf grüne Talkessel und das himmelblaue Meer von Tripolis bot, war nur ein Vorspiel zu dem überwältigenden Eindruck, der ein paar Tage darauf, am Ende seiner Dampferfahrt von Beyrut nach Jaffa, auf ihn einstürmte; hören wir ihn selbst: „Im Osten fingen weiße Streifen zu schimmern an — silberne Fransen, am schwarzen, mit Sternen besäeten Sargtuche der Nacht. Die Sterne erloschen einzeln, die weißer» Streifen röteten sich und wurden immer breiler. Ein langgestrecktes, welliges Gestade hob sich dunkel vom lichten Horizonte ab und ein purpurnes Funkeln ging über die Wellen der See. Noch wenige Augenblicke und im vollen Sonnenglanze lag vor mir — Palästina!" Eine Tagesreise von Jaffa — und Frankl war am Ziel: in Jerusalem, der „hochgebauten Stadt." Beim Anb!i;k der heiligen Stadt hielt er die Zügel seines Pferdes stramm, damit es sich nicht bewegte und ihn in seiner andachtsvollen Betrachtung nicht slörte. Denn an seinem inneren Auge gingen die Taten und Gestalten aller Jahrhunderte vorüber. Tief gerührt verbeugte er sich im Sattel vor der Stadt Gottes, und heiße Tränen fielen in die Mähne seines Pferdes. Am Stadttore schnitt ihm ein Jarusalemite einen Riß in den Kragen seines Jacketts, mit dem Bemerken, daß jeder jüdische Pilger beim Betreten der Stadt zum Zeichen der Trauer über ihre Zerstörung „sein Kleid zerreissen" müsse. Ja, Frankl trauerte über das wechselvolle Schicksal Jerusalems; weit mehr aber trauerte er — je länger er in seinen Mauern weilte — über den geistigen und sittlichen Tiefstand seiner Bewohner. „Dies polnisch-russische Gesindel" — schreibt er an Anastasius Grün — „sind das die Wächter Zions? Diese am Heiligen Grabe sich blutig schlagenden Christen — sind das seine Hüter? Einer erscheint nur achtungswert hier — der Muhamedaner, der glücklicherweise die Polizei vorstellt : sie würden sich sonst untereinander erschlagen. — Alles wird hier, wie in einem Raritätenkabinett, gedankenlos und ohne Weihe, gezeigt; und immer wieder muß ich den Inhalt der h. Bücher mir gewaltsam gegenwärtig halten, um den schönen Gedanken nicht zu verlieren : hier ist welthistorischer und heiliger Boden! Wäre Jerusalem nicht zerstört, es müßten jetzt alle Wetter des Herrn niederfahren und ein totes Meer ausgießen, wie über Sodom und Gomorrha."