Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 14 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 14 noch der Mesusah? Hier haben wir ein Beispiel jener heimtückischen Methode, mit der schon mancher große Mann, wenn auch nicht geschlagen, aber doch wenigstens in Verlegenheit gebracht wurde. Die Spoltsucht ist immer eine willkommene Waffe gewesen, gegen die alle Argumente nichts halfen. Der Stock des Odysseus macht den Spötter Thersiles verstummen. Moses steht ein solcher Stock nicht zur Verfügung. Er überläßt die Entscheidung in dem heraufbeschworenen Stieite einem höheren Gerichte, das allerdings gründlich mit Korach und seiner Rotte aufräumt. So tritt uns Korach zunächst als Spötter und Verleumder entgegen. Die Verleumdung hat es immer geliebt, die Uneigennützigkeit der von ihr angegriffenen Personen zu verdächtigen. Ein uraltes, nie versagendes Mittelchen. „Verleumde nur tapfer, immer bleibt etwas hängen." Daß Korach auch darin groß gewesen, erkennen wir, wenn wir Moses Wort hören, welches im Gefühle reinster Unschuld ausruft: „Nie habe ich von jemand ein Geschenk angenommen." Aber Korach weiß nur zu gut, wie man dje Menge gegen die wahrhaft Großen hetzt. Und da ist er wieder ganz Thersites. Dieser schrie auch mächtig, Agamemnon so schmähend: „Atride, was beklagst du dich abermals oder was bedarfst du? Voll sind deine Gezelte von Erz, viele und auserwählte Weiber hast du im Zelte, welche wir Achäer dir vor allen zuerst geben, wenn wir eine Stadt erobern; bedarfst du vielleicht noch des Geldes? Oder ein junges Weib, um dich mit ihr in Liebe zu vereinigen und sie für dich allein zu besitzen? . . Man sieht, dieser Thersites spekuliert auf die gewissen schwachen Seiten, die wir überall, nicht allein bei den Achäern, finden. Die Aufreizung der Instinkte der Menge, das ist das Handwerk, das Korach und Thersites mit ähnlichen Mitteln betreiben. Und diese Mittel üben zu allen Zeiten ihre verheerende Wirkung aus. Odysseus nennt Thersites einen „albernen Schwätzer". Aber die Gefährlichkeit des „lauten Redners" muß der schlaue König wohl erkannt haben. Denn er behauptet, es gebe keinen schlechteren Sterblichen als er es ist, von allen, so viele ihrer mit den Ateiden vor llion gekommen. Und auch Moses erkennt die Gefährlichkeit seines Thersites, genannt Korach. Er ruft der Menge zu: „Weichet von dem Zelte dieser Bösewichter, berühret nichts, was ihnen gehört, sonst könntet ihr mit ihnen hingerafft werden " Denn Korach geht gründlicher ins Zeug als Thersites. Er weiß die Menge zu packen. Das versteht Thersites weniger. Sie werden ja auch bei dessen Rede geschmunzelt haben, die Argiver, so viele ihrer vor Uion standen; aber schließlich galt doch ihr Beifall dem Odysseus, der den Spötter mit Szepterschlägen echt patriarchalisch-gemütlich züchtigte. Wie gefährlich hingegen war Korachs Rede, die voll von bösen Anspielungen ist, auf das Land der Fleischtöpfe, der Fische, der Gurken, Melonen, Zwiebeln, aus dem Moses sein Volk hinausgeführt? Die Sklavenseelen in Israel sehnten sich nach dem Lande der Knechtschaft längst zurück und so fand denn Korach williges Gehör bei diesen Leutchen, die immer und immer wieder fragten: „Wer wird uns Fleisch zu essen geben?" Und nun merke man auf den Hohn, der in Korachs Rede liegt: „Ist es zu Wenig, daß du uns heraufgeführt hast aus einem Lande, das von Milch und Honig fließt?• . . „Ja, auch nicht in ein Land, das von Milch und Honig fließt, hast du uns gebracht .. . Willst du diesen Leuten die Augen ausstechen?u (sie blenden?). Die Rede Korachs ist stark und verfehlt auch ihre Wirkung nicht. Die Opposition, die starre, die negierende, hat mit solchen Reden, wie wir sie von Thersites und Korach hören, immer gearbeitet. Den Gei?t, der stets verneint, haben wir auch in Korach zu erblicken, den Aufrührer, der nur einreißt, aber nichts an dessen Stelle setzen kann. Es gibt freilich Leute, die auch mit einem Korach sympathisieren werden. Man will in ihm den Gegner bevorzugter Klassen, besonders den ersten Opponenten gegen eine herrschende Priesterklasse erblicken. „Wenn," ruft er aus, „die ganze Gemeinde Israels ein Volk von Prie.-tern sein soll, wozu bedürfen wir des Priestertums." Wozu bedarf das vollständig himmelblaue Gewand der himmelblauen Fäden? Dieses Radaumachers Konklusion krankte aber an der falschen Prämisse, daß er von einem Volke von Priestern, von einer heiligen Gemeinde spricht, während wir von dieser Heiligkeit wenig verspüren. Ein Volk, das Fleischtöpfe, Fische, Gurken, Zwiebel und Melonen über das kostbare Gut der Freiheit stellt, hat noch nicht jenen Grad der Heiligkeit erreicht, zu der es Moses erziehen soll. Die Fleischtöpfe sind es, wegen derer gar mancher die höchsten idealen Güter hingibt, er verkauft das Köstlichste, Höchste, Beste, manchmal auch die Wahrheit, um ein Linsengericht . .. Man sieht, es kann noch vieles gelernt werden aus dem alten, ewig neuen Buche, Bibel genannt. M< hr lesen sollte man es. Und mit Verständnis. Sicher ist: Vorbilder sind uns die hehren Gestalten dieses Buches, interessanter aber und lehrreicher die Männer von der Sorte eines Korach. Oberlehrer Dr. Eugen Wölbe: Die Paläsfinareise des Dichters budwig August Frankl.*) Die literarische Bedeutung L. A. Frankls ist viel umstritten. Er selbst hat sich als Dichter nicht sonderlich hoch eingeschulzt und den Dichterruhrn bescheiden abgelehnt: „ Meinen Namen nennet ein Jahrhundert dem andern nicht." Was aber seinen Namen unsterblich macht, das sind die frommen Werke, die er teils aus eigener Initiative, teils auf Veranlassung edler Menschenfreunde ins Leben rief. Zwei ditser Schöpfungen wirken noch heule zur Ehre Israels überaus segensreich : das Israelitische Blindeninstitut auf der Hohen Warte in Wien und die Edler von Lämelsehe Schule in Jerusalem. Zur Gründung dieser Schule halte eine hochherzige Dame, Frau Elise Herz geb. Edle von Lämel, eine Summe von fast 100.000 Mark gespendet. Frankl, damals Sekretär der Wiener Kubusgemeinde, erhielt den ehrenvollen Auftrag, nach Jerusalem zu reisen und die Anstalt im Sinne der Stifterin zu errichten. Nachdem er in einem hebräisch geschriebenen Flugblatt „Köl mebasser" (d. h. verkündende Stimme) die Bewohner Jerusalems über den Zweck der neu zu begründenden Schule aufgeklärt hatte, reiste er am 11. März 3 856 über Triest, Korfu und Athen nach Konstanlinopel, wo er die behördliche Erlaubnis zum Bau der Anstalt erwirkte. Die Glaubensgenossen der türkischen Hauptstadt welteiferten miteinander, dem berühmten Dichter, dem edlen Menschenfreunde, den Aufenthalt angenehm zu machen. So war er am Vorabend des Passahfesles beim reichsten jüdischen *) Wie wir bereits gemeldet hat>en, wurde jüngst von d r Juge ids. hrillen-Kornmission der Groß o^e für Ueut>chland das Le;iensnild „Ludwig August Frankr* von ür. Wollte mit einem Preis ausgezeichnet. Man wird dieses Bu-Ii wewiß auch in V\ ien, wo Krankt als Dichter und Ö-kretär der Kullusgemeinde hervorragend gewirkt hat, gerne lesen. Eines d* r für das jüdisch» Lese- Publikum interessantesten Kapitel ist die Palöstinareise Frankls, deren Kenntnis wir durch den Abdruck obigen Artikels unseren Lesern vermitteln wollen. Anm, d. Red.