Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 13 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 „Neue National-Zeitung" Seite 7 Inzwischen wurde der hiesige Advokat Dr. Zipper zum zionistischen Kandidaten für Bobrka-Rohatyn bestimmt. Seine Chancen stehen nicht ungünstig, es bedarf aber einer sehr energischen Agitation. Der vom polnischen Zentralkomitee aufgestellte Kandidat ist ein den weitesten Kreisen unbekannter Grundbesitzer namens Biesiadecki. Oberrabbiner Isak Kunstadt. Rildautz, 11. Juni. Gestern slarb unser Oberrabbiner Isak Kunstadt im Alter von 72 Jahren nach langem schworen Leiden. Der Verblichene hatte im vergangenen Jahre das 25 jährige Diensljubiläum als Rabbiner gefeiert und stand seit dem Jahre 1886 an d^r Spitze unserer jüdischen Seelsorge. Heute fand das Leichenbegängnis statt. In der massenhaften Be'eiligung an dem Begräbnisse kam die allgemeine Trauer der Stadt wegen des schweren Verlustes und die hohe Verehrung für den Verblichenen zum Ausdrucke. Während sich der Trauerzug zum Friedhofe bewegte, waren sämtliche Geschäflsläden gesperrt. In der unabsehbaren Menge der Trauergäste bemeikte man die Spitzen sämtlicher Behörden, Oberrabbiner Dr. Rosenfeld, der mit den Kultusräten Schmelzer und Kampelmacher aus Gzernowitz eingetroffen war, den Kultusvorsteher Sal. Alex. Schreiber, den Rabbiner Baruch Basseches und viele andere Persönlichkeiten, sowie die MMel- und Volksschuljugend, die in dem Verstorbenen ihren langjährigen, treuen Lehrer betrauern. Im Tempel hielten dem Verstorbenen die Herren Oberrabbiner Dr. Rosenfeld, Rabbiner Baruch Besseches und Herr Sal. Alex. Schreiber tiefempfundene Nachrufe. Nordamerika. Präsident Taft in der Synagoge. New-York, 4. Juni. (Orig.-Korr.) Große Sensation hat unter den amerikanischen Juden die Nachricht hervorgerufen, doß Präsident Taft anläßlich seines Besuches in Pittsburg am letzten Samstag zuerst die Synagoge Rodef-Shaloin besucht und dort eine regelrechte Predigt gehalten hat. Er langte dort direkt vom Bahnhofe an. Dieser Besuch, sowie die Rede, die Taft bei dieser Gelegenheit gehalten hat, charakterisieren am besten die Stellung der Juden in Amerika, sowie den Unterschied zwischen der Behandlung, die ihnen das Staatsoberhaupt in Amerika und - anderswo zuteil werden Jossen. Seine Rede lautete: „Ich will Ihnen gerne gestehen, daß ich keineswegs so fromm bin und daß es zu meinen Gepflogenheiten nicht gehört, die Kirche zu besuchen. Nur hier in Pittsburg habe ich mir vorgenommen, am Samstag die* Synagoge und Sonntag die Kirche zu besuchen. Es ist für mich ein besonderer Vorzug, hier in dieser patriotischen und intelligenten Versammlung zu erscheinen und der freundlichen Einladung ihres Rabbiners und Führers (Leonhard Levy) Folge zu leisten, der ein großer Freund des vormaligen Präsidenten Roosevelt war und der hoffentlich; uch seine Freundschaft auf mich übertragen hat. Ich fühle mich in dieser Synagoge durchaus nicht fremd und h h erinnere mich noch recht gerne, daß die Kirche in Ciucinnati, die ich als kleiner Junge zu besuchen pflegte, ganz in der Nähe der Synagoge gelegen war. Ich freue mich, in Ihrer Mitte zu sein, um Ihnen, wenn es möglich ist, zu beweisen, wie glücklich eine Regierung ist, die nur gleichberechtigte Bürger kennt und wie weise das Volk, dessen Konstitution für keine Religion oder Nationalität irgendwelche Schranken bestimmt hat. Als Präsident der Vereinigten Staaten fühle ich mich hier in Ihrer Mitte so wohl, wie bei mir zuhause und so frei, wie in jeder anderen Kirche dieses Landes. In der Geschichte unseres Landes finden wir keinen Fall, daß die Juden jemals in Bezug auf Patriotismus hinter den anderen Bürgern zurückgeblieben wären. Angesichts des Gebetes, das wir soeben gehört haben, dieses Gebetes voll Menschenfreundlicbk» it und Liebe, müssen wir voll Scham daran denken, daß es anderweitig noch fanatische Beschränkungen gibt. Ich habe jetzt eine Reise durch alle Gotteshäuser gemacht und glaube sagen zu dürfen, daß ich mit Gottes Hilfe der Präsident des ganzen Volkes bleiben werde; ich hoffe bei Ihnen dieselbe Unterstützung zu finden, wie Sie dieselbe meinen Vorgängern zuteil werden ließen, auf daß aus dieser Erde ein wirklich großes Land werde." Jacob Gordin. New-York, den 11. Juni. (Telegramm der „Neuen National-Zeitung".) Jacob Gordin ist heute nach langer Krankheit (Krebsleiden) verschieden. * Durch den Tod Jacob Gordins verliert das amerikanische Judentum, eigentlich die in Amerika lebenden Ostjuden, die hervorragendste geistige Individualität. Durch seine vorzüglichen dramatischen Schöpfungen im Jiddisch hat er das jüdische Theater in Amerika und damit auch das ganze geistige Leben der dort lebenden jüdischen Volksmasscn beherrscht. Während Abraham Goldfaden lediglich als der erste jüdische dramatische Schriftsteller in Betracht kommt, hat Gordin der Ghetto-Theaterliteratur ihren eigentlichen künstlerischen Gehalt gegeben. Seine Kunst ist zwar Armcleuteliteiatur, aber er schildert auch die modernen Ideen innerhalb des Ghettos. Es ist merkwürdig, daß Gordin, der im Jahre 1853 im Poltawaer Gouvernement geboren wurde, bis zum Jahre 1880, da er als Anhänger der Tolstojschen ethischen Richtung Rußland verlassen mußte, nur der russischen Sprache mächtig war und nur in dieser Sprache seine schriftstellerische Tätigkeit ausübte. Als er nach Amerika kam, erfolgte ein tiefer Umschwung in seinem Wesen. Er widmete sich fortan lediglich den jüdischen Volksmassen und schrieb nur Jiddisch. Er hatte auch große materielle und moralische Erfolge erzielt. Der Tod war für ihn eine Erlösung von einem langjährigen Krebsleiden, aber die Ostjuden, wo immer sie auch sein mögen, und insbesondere die Million Juden in New-York betrachten seinen Tod als einen unersetzlichen Verlust. Unsere P. T. Abonnenten werden dringend ersucht, die lückständige Pränumeration zu begleichen. Die Administration.