Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 13 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" berg aus Petersburg, und einer Advokatendeputation, der Repräsentanten der größten Advokatenkammern angehörten. Es befanden sich darunter der berühmte Verteidiger des SchiflVkapitäns Schmidt, Rechtsanwalt Alexandrow aus Petersburg, sowie der Rechtsanwalt Pastusinski aus Sibirien (IrkuUk). Ueberdies langten 15 Korrespondenten der Tageszeitungen ein. Seitens der Polizi ibehörden wurden die schärfsten Maßregeln zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung getroffen, da Unruhen befürchtet wurden. Sämtliche Hotels wurden genau visitiert und die eingelangten Fremden genau überwacht. Der Eingang zur Verhandlung war lediglich mit Eintritlskarten gestattet, die in sehr beschränkter Anzahl (sechzig) ausgegeben worden sind. Zur allgemeinen Ueberraschung wurde jedoch die Verhandlung nicht durchgeführt. Nachdem dieselbe Samstag urn 12 Uhr eröffnet worden war, stellte es sich anläßlich des Aufrufes der Zeugen heraus, daß zwei für die Verteidigung sehr wichtige Zeugen, und zwar die Korrespondenten zweier russischen Blätter, nicht eingetroffen sind. Aus diesem Grunde verlangte der Verteidiger Grusenberg die Vertagung der Verhandlung, wogegen der Staatsanwalt protestierte. Nach kurzer Beratung beschloß jedoch der Gerichtshof, dem Vertagungsantrag Folge zu geben. Man sieht darin allgemein ein für den Angeklagten ungünstiges Zichen. Wie es scheint, will der Gerichtshof Hillerson verurteilen und hat dem Antrag nur Folge gegeben, um einen Kassationsgrund nicht aufkommen zu lassen. Abends versammelten sich die anwesenden Advokaten zu einem Bankett, bei welchem in mehrfachen Trinksprüchen die Bedeutung des Advokatenberufes für die bürgerliche Freiheit betont wurde. In rührender Weise wurde dabei auch des jüngst verstorbenen R chtsanwaltes Pergament gedacht. Rechtsanwalt Grusenberg über die Duma. Während seines hiesigen Aufenthaltes wurde Rechtsanwalt Grusenberg auch über seine Kandidatur für die Duma, die er in Wilna für das freigewordene Mandat aufstellen soll, vom Korrespondenten des „Hajnt" interviewt. Grusenberg erklärte diesem : „Ich habe mir wiederholt die Frage gestellt, in welcher Eigenschaft ich mehr nützen kann: als Advokat oder als Dumamitglied. Denn im Falle meiner Wahl müßte ich ja die Advokatie aufgeben, um mich vollständig der parlamentarischen Tätigkeit zu widmen. Ich kam nun zu der Ueberzeugung, daß es keinen Zweck hätte, in die Duma zu gehen. Denn als Advokat habe ich die Möglichkeit, indem ich den kleineren Teil meiner freien Zeit dem Erwerbe widme, den Rest für öffentliche Angelegenheiten zu opfern. Allein in dieser Duma, die eine Uebergangsstufe zur ärgsten Reaktion bildet, was kann ich da leisten?" „Sie sagen: Als Jude, als Gegengift gegen das Gift, welches die „Schwarzen" unter die Bevölkerung mischen! Nein, nein!! Ich kann mich nicht dazu entschließen, bei den Markows, den Puryszkiewitschs für das jüdische Volk zu betteln, das eine Vergangenheit hinter sich hat und einer meiner Ueberzeugung nach glänzenden Zukunft entgegengeht. Ich werde nie erlauben, daß die Lösung der Judenfrage in der Duma durchgeschmuggelt wird. Ich glaube übrigens gar nicht, daß die Hetzreden der „Schwarzen" irgend einen Eindruck auf die Bevölkerung machen. Diese Reden liest ja niemand. Es interessiert sich ja niemand für die Duma." »Sie fragen: Was die Juden von der jetzigen Duma zu erwarten haben? Garnichts! Weder Gutes noch Schlechtes. Gutes — man wüßte nicht von wem. Schlechtes — ich glaube, daß sich die jetzige Duma schämen wird, den Juden neue Beschränkungen aufzuerlegen. Eines erschint mir allerdings gefährlich: die Hetze der Rechten gegen den Militärdienst der Juden. Wenn ich aber dennoch in die dritte Duma gehen sollte, so wäre es zu dem Zwecke, um drei Reden zu halten und nicht mehr. Die erste Rede wäre natürlich wegen der Judenfrage. Ich würde mich dabei keineswegs mit statistischen Ziffern beschäftigen. Das hilft ja garnichts. Ich würde der Duma lediglich Bilder vorführen, die sie erschüttern müßten. Dann würden sie erst verstehen, was die Judenfrago bedeutet. Meine zweite Re 1? würde sich auf die Gerichte in Rußland und die dritte auf die Todesstrafe beziehen. Nur wegen dieser drei Reden könnte ich mich entschließen, in die Duma einzutreten." Dr. Benno Straucher, Reichsratsabgeordneter: Die Vertreibung der rassischen Juden aus der Bukowina *) Die schweren Verfolgungen, sowie die vielfachen, mitunter barbarischen Bedrückungen, denen die Juden in Rußland ausgesetzt sind, sowie die furchtbaren und grausamen Menschenmetzeleien, denen vor einigen Jahren namentlich die Juden in Rußland zum Opfer fielen, haben es mit sich gebracht, daß viele tausende von Juden ihre sogenannte russische Heimat verlassen mußten und in den verschiedensten Ländern und Weltteilen rettende Zuflucht gesucht haben. Schon die geographische Lage brachte es mit siel), daß auch mehrere tausende Juden nach Oesterreich geflüchtet sind und sich daselbst niedergelassen haben. Uebrigens kommt es bekanntlich auch in normalen Zeiten vor, daß viele Angehörige auswärtiger Staaten aus- und nach Oesterreich einwandern; so ereignet es sich, und es kommt auch sonst vor, daß aus Rußland die Juden in fremde Staaten, darunter nach Oesterreich kommen und sich daselbst niederlassen. Vom internationalen Standpunkte und von den internationalen Rechtsgepflogenheiten aus betrachtet, wird solchen Einwanderern gegenüber, insolange selbe sich rechtschaffen aufführen, einen ehrlichen Ervverb betreiben, sich übeihaupt einwandfrei aufführen oder vermögend sind, das Gast recht respektiert, und werden ihrem Aufenthalte in Oesterreich keine wie immer gearteten Hindernisse in den Weg gelegt, so daß notorisch viele fremde Staatsangehörige in Oesterreich ruhig leben und daselbst eine ihnen lieb und teuer gewordene neue Heimat gefunden haben.**) — So geschieht es auch mit den österreichischen Staatsangehörigen, von denen ja bekanntlich alljährlich Tausende in fremde Länder auswandern und die gleichen Vergünstigungen dortselbst in Anspruch nehmen und genießen. — Unter den nach Oesterreich eingewanderten russischen Staatsangehörigen befinden sich übrigens *) Vorstehender Aufsatz bildet den Auszug aus einem in jüngster Zeit vom Abg. Dr. Strauch er dem Minister-Präsidenten überreichten, uns freundlich zur Verfügung gestellten Memorandum. (Anmerkung der Redaktion.) **) Wir benützen die Gelegenheit, um besonders das loyale Verhalten des Wiener Polizei-Präsidiums den russischen Juden gegenüber hervorzuheben. Anm. d. Red.