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Neue Nationalzeitung · 1909-06-18 · Heft 13 (18.6.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 13 (18.6.1909)
Date
1909-06-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 das ist offenkundig und Herr v. Bienerth wäre ein politischer Analphabet, wenn er es nicht wüßte. Die Juden in Oesterreich sind noch meilenweit entfernt von der wirklichen Gleichberechtigung. Solange diese nicht ins Fleisch und Blut der Staatsverwaltung übergangen ist, solange verschiedene Staatsäniter, selbst niederer Kategorie, prinzipiell den Juden verschlossen bleiben, solange müssen nicht nur die Juden das Bewußtsein einer bürgerlichen Minderwertigkeit mit sieh tragen, sondern wird auch der Bevölkerung die Ueberzeugung beigebracht, daß die Regierung bemüht sei, die Fiktion von Staatsbürgern II. Klasse aufrecht zu erhalten. Und solange diese Fiktion durch gesetzwidrige Akte der Staatsgewalt aufrecht erhalten wird, können die Juden zur Regierung kein Vertrauen haben und haben die Pflicht, sie zu bekämpfen. Was wir verlangen, sind keine Privilegien, keine sprachlichen oder nationalen Konzessionen, sondern lediglich die Achtung vor dem Gesetze, zu dessen Hüterin die Regierung von der Krone berufen ist. In einem Staate, wo die Regierung prinzipiell keine Juden zum Verwaltungsgerichtshof, zum Obersten Gerichtshof, zur Staatsanwaltschaft, zum Generalstab, zum Auditoriat, zum marine-ärztlichen Offizierskorps u. s. w., u. s. w. zuläßt, gibt es für eine jüdische Volkspartei und ihre Vertreter nur einen Platz: auf Seite der Opposition. Die bevorstehende Budgetdebatte wird den Rednern des Jüdischen Klubs reichlich Gelegenheit geben, diese Stellungnahme zu begründen. Der Standpunkt des Jüdischen Klubs im Parlament ist gewiß ein sehr schwieriger, in diesem Parlamente, in dem die Majorität antisemitisch ist und in dem selbst die Sozialdemokraten, wie jüngst der Abgeordnete Glöckl, von „jüdischer Manier" sprechen und durch ihr Jüdeln („eh so!") die Juden verhöhnen. Allein die jüdische Bevölkerung erwartet von der kleinen Schar ihrer parlamentarischen Vertreter vorläufignicht Erfolge, sondern in erster Linie einen ehrlichen Kampf, ohne Schwanken und Zagen, voll Mut und Ausdauer. Dadurch wird sie sich auch die Achtung des ganzen Parlamentes, die sie sich durch die Abstimmung über den Antrag Sustersic erworben hat, auch dauernd erhalten. L. Felix Theilhaber (München): Segen die Massenfaufen. Uebor die traurigen Assimilationsprozesse, die sich in Wien abspielen, ist schon öfters in jüdischen Blättern geschrieben worden. Daß aber dieselbe Seuche Preußens Hauptstadt ergriffen, ist eigentlich weniger zur Kenntnis der Allgemeinheit geworden. Der Jude hat aber von jeher Interesse an der Taufe gehabt, unzählige mehr oder minder begabte Pegasus-Bändiger haben sich dieses Stoffes bemächtigt, die Taufe berühmter Juden (Heine, Börne, Saphir, Simson, Lord Beaconsficld) hat nicht wenige jüdische Autoren zu weitgehenden Untersuchungen veranlaßt. Das gesunde Volksempfmden versuchte mit vielen Witzen — bei einigen spielt aber so etwas wie Galgenhumor mit — die ganze Sache von der lächerlichen Seite zu nehmen. Nicht immer zu Recht, denn sobald es sich um eine Massenerscheinung handelt, deutet es auf zersetzende Prozesse in der Judenheit hin, die zwar nicht tief tragisch, aber auch nicht mit einigen mehr oder weniger schlechten Witzen abzutun sind. In Berlin war die Taufe in den siebziger Jahren noch eine Seltenheit. Es kamen hie und da wohl Fälle vor, im ganzen Jahre aber noch kein Dutzend. In dem folgenden Jahrzehnt stieg die Ziffer der Täuflinge und war um die Jahrhundertwende auf 100 angelangt, eine Zahl, die in den nächsten Jahren überschritten wurde. Anno 1908 war es fast doppelt soviel geworden: 186*) Besonders auffällig ist die Zunahme der übergetretenen Jüdinnen, die sich jährlich stärker zeigt. Von besonderem Interesse ist nun der Beruf dieser Renegaten. Im ganzen konnte dieser in den Jahren 1007 und 1908 bei 220 ermittelt werden; davon waren: 8B Akademiker (Aerzte, Rechtsanwälte, Ingenieure, akad. Beamte, Studenten, Professoren etc.) od. 38% 67 waren Kaufleute ÜO-4% 23 waren Renticrs,Fabriksbesitzer,Bankiers =10-4% 6 waren Künstler (an Theaters etc.) 2-7% 10 Buchhalter und Handlungsgehilfen 4'6% 11 trieben ein selbständiges Gewerbe 5-0% 20 Arbeiter 9i%,. Die Gruppe der Akademiker, der Fabriksbesitzer und Rentner, sowie der Theaterleute umfaßt die Hälfte aller Austretenden. Das ist sicher der Kreis, wo die Bildung und der sogenannte Fortschritt zu Hause sind. Natürlich steht die Zahl der assimilatorischen Akademiker in keinem Verhältnis zu ihrem Anteil an der Bevölkerung. Für Berlin liegen keine Speziamfferu vor, für Preußen waren 1895 unter 100 Berufstätigen nur 6°/0 in öffentlichen Diensten und in freien Berufen tälig. Aber auch die JV Klasse stellt ein entschieden hohes Kontingent derer, die das Judentum fliehen. Erstaunlicher weise finden wir gar keine Dienstboten darunter an, wohl aber S'einholzleger, Maschinisten, Maschinenschlosser, Monteure etc. Welches sind nun für diese untere Klasse die Ursachen zur Taufe? Hierüber ist es noch gar keiner Kultusgemeinde eingefallen, Erhebungen anzustellen. Und doch ist es für jede Gemeinschaft von Vorteil, wenn sie die Gründe kennt, welche einen Teil ihrer Mitglieder veranlassen, sie zu verlassen. Bei den oberen Zehntausend sind Motive bekannt und klar: Avancement, Heirat, Antipathie. Wir möchten dieselben Momente nicht gleich als sicher für das Proletariat annehmen. Mit der Heirat wird viel operiert, das wird wohl stimmen. Ob aber auch materielle Vorteile dem getauften Arbeiter winken, ist nicht ohne weiteres für die Allgemeinheit anzunehmen. Bei den Akademikern stimmt das wohl in vielen Fällen. Gewisse Berufe, gewisse Avancierungsmöglichkeiten stehen nur „Getauften" offen. Die Kultusgemein den, die Vereine deutscher Staatsbürger haben der Frage der Taufseuche — wir können ruhig sagen — mit alier Gemütsruhe zugesehen**). Aber auch im zionistischen Programme fehlt ein deutlicher Passus: Bekämpfung aller Abtrünnigen. Das gibt es doch wahrlich in keinem Lande, in keiner Gemeinschaft, daß in Zeiten der Bedrängnis Mitglieder feig ausspringen dürfen. Nur die Juden schätzen sich so minder ein, daß sie im Gegenteil oft Täuflinge und Vorkämpfer des Renegatentums feiern und für sie eintreten. So sind die Mugdanesen in Berlin, das heißt die Anhänger des getauften Politikers Mugdiui zum guten Teil Juden, obgleich Herr Mugöan jüngst sein christliches GeAvissen lief verletzt empfand. Jeder jung-jüdische Verein, so die Studentenkorporationen, die modernen Organisationen müssen den *) Diese und weitere Zahlen berechneten wir nach Angaben der jüdischen Gemeinde (siehe Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden Band V, Heft 6). **) Pardon, Herr Verfasser! In Wien bekommt man sogar ein Kultusvorsteher-Mandat, wenn man seine Tochter tauten läßt. (Anmerkung der Redaktion.)

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