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Neue Nationalzeitung · 1909-06-18 · Heft 13 (18.6.1909) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 13 (18.6.1909)
Date
1909-06-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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fWöONÄL-ZECüNG XI. JAHRGANG. WIEN, 18. JUNI 1909. Nr. 13. Der Jüdische Klub in der Opposition. „Wir haben zwei Jahre verloren." Mit diesen Worten charakterisierte uns gegenüber ein hervorragendes Mitglied des Jüdischen Klubs dessen Tätigkeit. Zwei Jahre des Schwankens, der Unentschlossenheit, des Lavieren?, der Leisetreterei, der Programmlosigkeit, unter dem Deckmantel staatsmännischer Pose. Wir haben bereits vor zwei Jahren in Wort und Schrift, in Versammlungen und in diesem Blatte den Jüdischen Klub aufgefordert, in energischer Weise im Parlamente aufzutreten und, statt sich bald bei einer Abstimmung zu absentieren, bald wieder als Schweif hinter den Sozialdemokraten nachzuschleppen, endlich eine selbstbewußte, entschiedene und unzweideutige oppositionelle Haltung einzunehmen, die sowohl die Regierung als auch die anderen politischen Parteien mit Achtung für den Jüdischen Klub erfüllen müßte. Diese Anschauung haben wir erst vor einigen Monaten wiederholt, als die Dringlichkeit der Annexionsfrage unter Abstinenz des Jüdischen Klubs mit 2 Stimmen Majorität angenommen wurde. Da wiesen wir nach, wie leicht es für den Jüdischen Klub gewesen wäre, sein parlamentarisches Gewicht als eminente Kraftprobe auf die Wngschale zu werfen. Allein während der letzten zwei Jahre war im Jüdischen Klub jene Ansicht ausschlaggebend, die in den reinen Wein des jüdischen Radikalismus recht viel Wasser geschüttet hat. Die Herren wollten, wie sich einer von ihnen uns gegenüber ausdrückte, offenbar nicht als „Schkuzim"*) gelten. Ihre parlamentarische Taktik war daher während der zwei Jahre zurückhaltend, sie bestand aus einigen Interpellationen und Budgetreden. Von einer politischen Agitation der Abgeordneten im Lande, von der Schaffung einer jüdischen Volksorganisation, von der Ausarbeitung *) Schkuzim, Jargonausdruck tür Gassenjungen oder Radaumacher. Anm. d. Red. eines nationalen Programmes, ja sogar von einer Fühlungnahme mit der Regierung und Unterbreitung der jüdischen Wünsche hörte man gar nichts. Und doch war der Jüdische Klub hiezu berufen, ja verpflichtet. Seine Taktik war geradezu ein Probierstein für die Möglichkeit einer selbständigen jüdischen Politik in Oesterreich, die von den jüdischen Anhängseln der anderen Parteien fanatisch bestritten wird. Kein Wunder, daß angesichts dieser Haltung der Jüdische Klub nicht nur keine Erfolge erzielte, sondern politisch immer mehr diskreditiert und selbst von seinen nächsten Bundesgenossen, den Ruthenen, nicht mehr ernst genommen wurde. Es war nun die höchste Zeit, daß der Jüdische Klub anläßlich der Abstimmung über den Antrag Sustersic eine entschiedene oppositionelle Haltung einnahm. Der Jüdische Klub begann, sich wieder an reineren Wein zu gewöhnen. Trotz aller Bemühungen der Regierung, trotz der Anbiederung der Majoritätsparteien stimmte der Jüdische Klub mit der Majorität der slawischen Parteien. Ministerpräsident v. Bienerth soll darüber sehr erstaunt gewesen sein. Er lud auch sofort den Jüdischen Klub zu sich, um dessen Wünsche zu erfahren. Herr v. Bienerth halte nunmehr Gelegenheit zu erfahren, daß der Jüdische Klub, jetzt nach zwei Jahren seines Bestandes, seine parlamentarische Taktik radikal umzugestalten gedenkt; er hat sich überzeugt, daß er den Maßstab der Herren Kolischer und Löwenstein an den Jüdischen Klub nicht anlegen könne. Er wird eben weiter gehen müssen als sein Vorgänger Baron Beck, der sich erst in Momenten seiner Bedrängtheit stets nach dem Befinden des Jüdischen Klubs zu erkundigen geruhte. Was der Jüdische Klub als Wortführer der jüdischen Bevölkerung von der Regierung zu fordern hat,

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