Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 12 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 12 „Neu eNational-Zeitung** Seite 9 Judische Wohltätigkeit in Deutschland. Im ersten Quartal dieses Jahres erhielten folgende Stiftungen jüdischer Stifter die kaiserliche deutsche Genehmigung: „Fanny Liepman n-Stiftung" mit 200.000 Mark zur Unterstützung bedürftiger, besonders handarbeitender weiblicher Personen; Zuwendung der Witwe Berta Sobernheim geb. Joseph von 50.000 M. an das städische Kinderasyl „Schmidt- Galüsch-Stiftung," von 30.000 M. an das Kinderheim in Wilmersdorf; Zuwendung der verstorbenen Witwe Fanny Dorothea Cohn geb. Mischen die Berliner jüdische Gemeinde im Betrag von 65.000 M. zum Besten skrofulöser Kinder und für ein Stipendium; Zuwendung des Kaufmannes Jaques S a 1 o m o y an die jüd. Gemeinde von 12.000 M. für Unterstützungszwecke; Zuwendung des Landgerichtsrat a. D. Viktor L i o n von 68.800 M. an die jüd. Gemeinde zu Gunsten der Gebrüder Lion'schen-Stiftung für schulentlassene Waisen; Zuwendung des Kaufmanns Max Mecklenburg an die Berliner jüdische Gemeinde im Betrage von 12.000 M. zur Errichtung einer Zimmerstiftung für die Altersversorgungsanstalt; Zuwendung der Witwe des Geheimen Kommerzienrats Becker geb. Isenheim für die Berliner jüd. Gemeinde im Betrage von 10.000 M. zu einer Stipendienstiftung für unbemittelte jüd. weibliche Personen; Zuwendungen der Witwe Marie Schultz geb. Piele im Betrage von je 10 000 M., zusammen 40.000 M., für das Elisabeth-Kinder-Hospital in Berlin das Zentraldiakonissenhaus in Bethanien, das Sankt Hedwig- Krankenhaus und das Krankenhaus der jüdischen Gemeinde; Schenkung des Korsettfabrikanten William Neumann im Betrage von 20.000 M an das Emil Frommel-Heim und Schenkung des Kunstmalers Eduard Cohen in Frankfurt a. M. im Betrage von 10.000 M an die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums." Wie traurig ist das Bild, dass im Verhältnisse zu Deutschland unser so armes — an jüdischem Wohltätigkeitssinn so armes — Oesterreich bietet Chaim Majers „Cos" Die folgende Anekdote wird, wie die „Ung.-Woch." berichtet, vom gegenwärtigen ungarischen Ministerpräsidenten Alexander W e k e r 1 e seinem Schwiegervater Stefan Molnär, dem gewesenenen Obergespan des Zempliner Komitates, nacherzählt: Bekanntlich besaß früher jeder uugarische Edelmann einen Weingarten in der Hegyalja: in Tokai, Mäd oder Tälya, einer Gegend, die stets eine dichte jüdische Bevölkerung aufwies. In früheren Zeiten hatte der Tokajer einen sehr großen Wert. Wenn die Herren Direktoren aus der Apothekerküche schon nichts anderes zu verschreiben hatten, da hatten sie noch immer ein letztes Eisen im Feuer: Vinum Tokajinum. Der Großvater Wekerles pflegte nun, um auch Tokajer Ausbruch zu haben, anfangs Dezember, da in den Bergen bereits Schnee lag, Weinlese zu halten. Sein Ausbruch war auch weltberühmt. Aus Polen kamen die Juden, um ihn für den Zarenhof anzukaufen. Unser Jude war der Chaim Majer: der verkörperte biblische Patriarch. Es geschah nun, so erzählte der alte Molnär, daß wir uns einmal über den Preis nicht einigen konnten. Der alte Majer war in Begleitung eines jüngeren Juden, wahrscheinlich seines Enkels, gekommen Dieser wollte nicht nachgeben Es fiel uns nun auf, daß so oft der Alte seinem jüngeren Begleiter das Glas zum Kosten reichte, er nur das eine Wort sprach: »Cos". Nachdem bezüglich des Preises, trotz langen Feilschens, eine Einigung nicht erzielt werden konte, sagte der alte Molnär plötzlich: „Wissen Sie was, lieber Majer,wenn Sie mir die Bedeutung des so oft gebrauchten Wortes „Cos" verraten, so sollen sie den Ausbruch um den von Ihnen vorgeschlagenen Preis haben!" „Es wundert mich," antwortete der alte Jude, „daß Euer Wohlgeboren es nicht verstehen. Es ist lateinisch. Und was es bedeutet? Nun es bedeutet: Colorem Odorem et Saporem. Die Anfangsbuchstaben dieser drei Worte ergeben das geheimnisvolle Wort, das bedeutetet: Der Wein hat Farbe, Aroma und Saft. Molnär hielt natürlich Wort und der alte Majer kam durch seine Schlagfertigkeit zu einem recht biligen Tokayer-Ausbruch. Judenexzesse in Persien. In Kirmanschah in Persien ist das Judenviertel ausgeraubt worden. Den Vorwand bot die Ausstreuung, dass ein „Seyed* d. i. ein von Ali abstammender Priester, im Dienst eines Juden stehend, von diesem misshandelt und zu Tode gekommen sei. Es war kein Wort davon wahr, aber es reichte aus, eine regelrechte und vollständige Ausplünderung des Judenvierteis herbeizuführen. Die Konsuln, an der Spitze der englische Konsul, haben die Abberufung des Gouverneurs verlangt, der nichts getan hatte, um die Plünderung hintanzuhalten. Der englische Konsul besteht auch unbedingt auf Entschädigung der Beraubten. Die Alliance Israelite Universelle, von den Unglücklichen um Hilfe angegangen, hat sofort telegrafisch 6000. — Francs für die erste Hilfeleistung nach Kirmandschah überwiesen. Der Blitzableiter im Talmud Man hat sich oft und viel darüber gestritten, ob das Altertum eine unseren heutigen Blitzableitern ähnliche Vorrichtung gekannt habe. Viele Vermutungen haben sich jedoch als irrig erwiesen. So glaubte man, der Salomonische Tempel zu Jerusalem sei mit Blitzableitern ausgestattet gewesen. Der jüdische Historiker Josephus berichtet nämlich im I Jahrhundert nach Chr., die jüdischen Priester hätten sich bei der Einnahme Jerusalems auf den Dächern des Tempels mit langen Spiessen verteidigt, die auf den goldprunkenden Platten des Daches angebracht waren. Man hat dabei aber übersehen, daß Josephus ausdrücklich berichtet, jene Spieße hätten den Zweck gehabt, zu verhindern, daß sich große Vögel auf das Dach setzen, um es zu beschmutzen. Auch handelt es sich nicht mehr um den Salomonischen Tempel, der längst zerstört und zum drittenmal wieder aufgebaut worden war. Vielfach verweist man, um das Vorhandensein im Altertum zu erklären, auf zwei Inschriften, die sowohl am Horostempel zu Edfu wie auch am Hator-Tempel zu Denüera in Aegypten gefunden wurden. Beide Tempel stammen aus dem II. Jahrhundert vor Christus. Die Inschriften sprechen von zwei oder vier Holzmasten, die „gleich einem Geschwisterpare zum Himmel ragen, beschlagen mit Kupfer des fremden Landes, zum Abwehren des Unwetters des Himmels". Es kann also als sicher hingestellt werden, daß das Altertum beobachtet hatte, daß sich der Blitz an metallenen Masten unschädlich zur Erde leiten lasse. Einen völlig einwandfreien Beweis für das Vorhandensein der Blitzableiter im Altertum aber gibt uns das Traktat Tosefta Sabbat XII im Talmud, wo es heißt: „Wer ein Eisen stellt zwischen Geflügel, übertritt das Verbot der Nachahmung heidnischer Sitten; zum Schutze vor Blitz und Donner ist dies jedoch zu tun erlaubt". Betrachten wir die Nachrichten der metallenen Spieße auf dem letzten Tempel zu Jerusalem, der metallenen Mäste an den ägyptischen Tempeln und die Blitz- und Donnereisen im Talmud, so können wir annehmen, daß die Priester, die Träger der Wissenschaft im Altertum, das Prinzip des Blitzableiters erkannt hatten, es aber, wie so manches andere, als Geheimnis bewahrten. Tout comme chez nous! Ueber die Judentaufen in Deutschland schreibt die klerikale „Kölnische Volkszeitung". „Aus jüdischen Kreisen Kölns wird uns geschrieben: Vor einiger Zeit brachte die Köln. Volkszeitung einen längeren Artikel, worin auf eine moralische Verwirrung uud Herabwürdigung der Religion hingewiesen wurde, die die Regierung dadurch anrichte, dass sie getauften Juden Beamtenstellungen zugängig mache, die sie den Juden vorenthalte. Die Berechtigung zu dieser Klage wird wieder durch die Ernennung des hiesigen OberlandesgerichtsratsN. zum Reichsgerichtsrat illustriert. Die den Juden unter dem früheren Miü ister unzugängliche Stellung als Oberlandesgerichtsrat wurde diesem Herrn nach seinem Ueber tritt zur protestantischen Kirche zuteil. Und jetzt rückt er in eine Stellung ein, in die auch bisher mehrfach getaufte Juden, aber noch kein Jude gelangte. Glaubt man durch diese, auch in den übrigen Ressorts der Staatverwaltung herrschende Praxis die Achtung vor dem Beamtentum zu erhöhen und der christlichen Religion zu dienen? Bedenkt man nicht, wie leicht bedenkliches Strebertum durch diese Gepflogenheiten verleitet wird, das Heiligste, die Religion, zum Handelsobjekt herabzuwürdigen? Für den gewissenhaften und charakterfesten Juden liegt in diesem Verhalten der Regierung dagegen eine ganz ungerechtfertigte Demütigung und Zurücksetzung." Die Massakres in Anatolien. Wie uns aus dem Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle mitgeteilt wird, hat sich in Aleppo ein Unterstützung sc o m i 16 gebildet für die Israeliten aus Anatolien, namentlich aus Adana, Antiochia, Marasch, Aintab, Van, die infolge der bekannten Ereignisse in grosser Not sind. Die Alliance Israelite Universelle hat dem Unterstützungscomite telegrafisch 5000 Francs überwiesen. Die Wiener Theater — verjudet. Das „Hl. Wiener Extrablatt" veröffentlichte jüngst folgende köstliche Satyre auf den Wiener Antisemitismus: „Die Herren Juden werden wieder beliebt. Auf dem Theater natürlich. Nicht genug, dass jetzt im Raimund-Theater der Reservist Wallerstein mit Händen und Füssen ledet; nicht genug, dass im Theater an der Wien ein israelitischer Bankier einen herzoglichen Antisemitenführer eigener Erzeugung auf dem Lager hat; nicht genug, dass die Neue Wiener Bühne das „Ghetto" ankündigt; nicht genug, dass im Carl-Theater „Einer von unsere Leut'", den einst Nestroy aus der Beschneidung gehoben hat, wieder das Repertoire beherrscht;