Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 12 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2425679-2425773-2425786--1354-2427706- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hrodna 2× ep/1044655
- Odesa 2× ep/1000834
OCR text
Nr. 12 „Neue National-Zeitung" Seite 7 Russiand. Reichsduma-Mitglied A. i. Pergament. St. Petersburg, 30. Mai. (Orig.-Korr.) In der traurigen Lage, in der sich die russischen Juden befinden, trifft sie der gestern erfolgte plötzliche Tod des Reichsdumamitgliedes Rechtsanwalt A. I. Pergament ausserordentlich schwer. Als Abgeordneter von Odessa hat Pergament, wiewohl getaufter Jude, sich in energischer und selbstlosester Weise der Juden angenommen. Jetzt, da Reichsdumamitglied Nisselowitsch sich von den Folgen seiner schweren Erkrankung im Auslande erholen muss, war Pergament der wichtigste Fürsprecher der Juden. Da trifft ihn plötzlich ein Herzschlag infolge der vielfachen Aufregungen, die er in letzter Zeit durchzumachen hatte. Der Verstorbene erreichte kaum das 43. Lebensjahr. Er war der Sohn eines noch lebenden jüdischen Militärlieferanten und hat sich erst, um die Advokatie zu erreichen, die seinerzeit für einen Juden überhaupt unerreichbar war, getauft. In den letzten Monaten wollte Pergament wieder zum Judentum zurückkehren, und hat auch diesen Entschluss der Behörde bekanntgegeben. Diese Anzeige wurde jedoch unter verschiedenen Ausflüchten nicht zur Kenntnis genommen. Pergament war Mitglied der Kadettenpartei, war ihr bester Redner. Er war ein unerschrockener Verteidiger der Jud«*n und daher der Regierung sowie den echten Russen überaus unangenehm. Das Duell mit dem Mitglied der äussersten Rechten, Markow II, im Juli v. J. bewies, dass Pergament auch viel persönlichen Mut hatte. Seit den überraschenden Enthüllungen über die Ermordung Herzenstein's und Jollos', scheinen die Helfershelfer der russischen Regierung in Bezug auf politische Morde sehr vorsichtig geworden zu sein. Sie morden nur blos moralisch. Pergament wurde nun seitens des Justizministers beschuldigt, der Hochstaplerin Olga Stein zur Flucht ins Ausland Beihilfe geleistet zu haben. Es wurde sohin gegen Pergament aus diesem Grunde die Anklage erhoben und vom Parlament die Suspension seiner Abgeordnetenrechte verlangt. Pergament äusserte wiederholt, dass er es nicht überleben werde, wenn er auf der Anklagebank als gemeiner Verbrecher sitzen müsste. Nun ist auch die Katastrophe eingetreten. Pergament war mit der Tochter des Professors Sokalski verheiratet und hinterlässt 7 Kinder. Er war vermögenslos, doch hat er seine Familie auf einen grösseren Betrag versichert. Ein Strafprozess gegen Hillerson. Bialystok, 1. Juni. (Orig. Korr) Nächsten Samstag, den 5 Juni, findet in Grodno einer der interessantesten Prozesse statt, die sich jemals in einem Rechtstaate abgespielt haben Der Petersburger Rechtsanwalt Hillerson ist angeklagt wegen seiner, anläßlich des Bialystoker Prozesses gehaltenen Rede, wegen der unerschrockenen Rolle, die er als Vertreter der Witwen und Waisen nach den Ermordeten gespielt hat. Man hat geglaubt, daß es zu diesem Attentat gegen die advokatorischen Rechte nicht kommen werde; die hervorragendsten Advokaten Petersburgs haben beim Justizminister interveniert, um von diesem Asiatenstaate eine ungeheure Schmach abzuwehren: vergebens. Und so werden sie nun alle im Orodno erscheinen, um ihren Kollegen zu verteidigen; alle Advokaten-Kammern Rußlands senden überdies ihre Repräsentanten zur Verhandlung, um sich mit dem Angeklagten solidarisch zu erklären. Es erscheinen u. A. die Vertreter der Kammern von Petersburg, Moskau, Odessa. Charkow, Kasan, Saratow, 1 rkutsk, Omsk, Wi 1 na u. s. w. Sie alle versammeln sich noch früher und zwar am 2. Juni in Petersburg und reisen von hier gemeinsam mit dem Angeklagten nach Grodno. Dieser Prozeß bildet jetzt in ganz Rußland die größte Sensation. Nachtrag. Itzkany, 2. Juni. (Telegr. der „Neue National Zeitung".) Dem Professor Niku Jorga, berüchtigten Judenfresser, Professor an der Universität in Jassy und rumänischen Deputierten, ist hier von der österreichischen Grenzbehörde das Betreten der österreichischen Grenze verboten worden, als er im Begriffe war, dieselbe zum Zwecke einer antisemitischen Hetzreise mit seinen Genossen zu überschreiten. Dieser Zwischenfall hat in Itzkany und Borr'ojeni großes Aufsehen erregt. Die Antisemiten in Suczawa und Czernowitz haben an das Ministerium des Innern telegrafisch um Aufhebung des Verbotes sich gewendet, allein ohne jeden Erfolg. Dem Landespräsidenten von B I e y I e b e n gebührt für dieses energische Einschreiten Dank. GEM2iNU5=UN& VSReiNSNÄlftRitfftW Wien. Der „Jüdisch-akademische Philosophenverein" hält im Sommersemester 1909 folgende Kurse ab: In der Sektion für Philosophie 1, für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 1, für Geschichte und Geographie I, für klassische Philologie 4, (darunter 2 für Realschulabsolventen), für moderne Philologie 8. Zeit, Ort und Leitung der Kurse sind aus dem Anschlage in der Rede-und Lesehalle für jüdische Hochschülerin Wien, IX., Hörigasse 11, ersichtlich. Beitrittsanmeldungen werden täglich von 11—12 Uhr entgegen genommen. Wien. (J ü d i s c h-A kademi scher Philosophen- Verein. Sonntag, den 5. Juni 1909, 77. Uhr Abends, findet die I. ordentliche Plenarversammlung statt. Tagesordnung: 1. Tätigkeitsbericht. 2. Wanl der Sektionsleiter. 3. Eventualie. Gäste willkommen. Wien. Die Lese- und Redehalle jüd. Hochschüler in Wien errichtet eine Sektion für T o u r i s t i k, die die Pflege und Verbilligung des Berg- und Wintersportes, wie die der Veranstaltung verbilligter Ferenreisen zur Aufgabe haben soll. Herren und Damen, die sich hiefür interessieren, gleichbedeutend oh Studenten oder nicht, werden gebeten, ihre Adressen der Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler in Wien, IX, Hörigasse Nr. 11, bekannt zu geben und zugleich mitzuteilen, ob sie touristische Uebung besitzen,