Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 12 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite ö „Neue National-Ze/tung" Nr. 12. Stelle eines Vertreters in der hiesigen isr. Kultusgemeinde aufgestellt werde. Hiedurch fühle ich mich veranlasst zu< erklären, dass mir nicht nur die Zeit zur Uebernahme eines solchen Ehrenamtes fehlt, sondern dass im Kreise der Beiräte ein jeder ausser mir so viel Erfahrung und Kenntnis der Gemeindeangelegenheiten besitzt, dass es bedauerlich wäre, wenn auch nur eine Stimme mir, dem jüngsten Mitgliede des Beirates, zufiele. Simon Winterstein." In einem zweiten Leitartikel derselben Nummer der „Neuzeit", der von demselben Thema spricht, heisst es u. A.: „Die Zeit ist um, in welcher in den Gemeinden der ,/eichere Jude auch als der bessere galt", und in der Wiener Kultusgemeinde ist diesfalls schon vor Jahren eine gereiftere Anschauung herangebrochen. Charakter, Einsicht, allgemeine Fachbildung und nicht bloss auflodernder, sondern ausdauernder Eifer und tüchtige Arbeitskraft: sie sind es, die heutzutage zu einer geachteten Stellung in den verschiedensten Kreisen verhelfen, und sie sind es auch, die vor allem für den zu ergänzenden Kreis der Wiener Vorstandschaft zu berücksichtigen sein werden." Ein altes Gemeindemitglied. Oesterreich-Ungarn. Oberlandesgerichtsrat Dr. Preuss. Wien, Ende Mai. Landesgerichtsrat Dr. Sigmund Preuss. einer der tüchtigsten Richter des hiesigen Handelsgerichtes, wurde zum Ober/andesgerichtsrat beim Landesgericht ernannt. Dr. Preuss ist der vierte jüdische Oberlandesgerichtsrat im n. ö. OberlandesgerichtssprengeL Bei dem derzeitigen politischen Regime muss man wohl damit auch zufrieden sein. Sehr bezeichnend ist es aber, dass sich bisher das Justizministerium nicht entschliessen wollte, einen jüdischen Oberlandesgerichtsrat auch zum Oberlandesgericht zu berufen, sondern alle vier Herren der ersten Instanz zuweist, während in Galizien der einzige jüdische Oberlandesgerichtsrat, Dr. Garfein., Rat bei der zweiten Instanz ist. Bei dieser Gelegenheit möge folgende, interessante, uns von sehr gut informierter Seite mitgeteilte Nachricht registriert werden. Der getaufte Oberlandesgerichtsrat Dr. Turteltaub in Lemberg hat sich jüngst um die ihm nach seinem Rang gebührende Zuteilung zum Obersten Gerichtshof beworben. Der Präsident des Obersten Gerichtshofes, Dr. von Ruber, meinte jedoch: „Ich brauch' keinen Hof rat Turteltaub"...... Deutsches Reich. Generalversammlung des Local-Comites der A. I. U. Berlin. Am Sonntag, d. 23. Mai, hat die Generalversammlung des hiesigen Lokal-Comites der Alliance Israelite Universelle stattgefunden. Der Vorstand wurde durch Wiederwahl der turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder ergänzt. Vorher er-tattete der Vorsitzende, Präsident der deutschen Conferenz-Gemeinschaft, Geheimer Kommerzienrat Goldberge r, Bericht über die Ausdehnung, die die Alliance auch im abgelaufenen Jahr weiter gewonnen, und über die umfassende Wohltätigkeit, die sie im Dienst der Bruderliebe in fernen Weltteilen w ie in europäischen Landen, und nicht zuletzt in Deutschland, andauernd geübt hat. Die Zinsen von etwa 40 Millionen und Jahresbeiträge von einer Viertelmillion Francs, ferner aussergewöhnliche Spenden, zusammen über zwei Millionen jährlich, we-den fortgesetzt zugleich einem Schulwerk zugeführt, das in beispielloser Ausdehnung der intellektuellen, wirtschaftlichen und moralischen Hebung der Juden in weiten Ländern, nahen und entfernten, erfolgreich gewidmet ist. Den Darlegungen des Vorsitzenden über die Lage der Juden in Osteuropa, Asien und Afrika, über die zur Erforschung der Falascha-Stämme nach Abessinien ausgeschickte Abordnung und über die vorjährige nach dem Orient ent?andte Schulinspektionskommission folgte die Versammlung mit Aufmerksamkeit und Zustimmung. Die Schulen der Alliance im Orient. Besonderes Interesse erregten die Ausführungen des Präsidenten betreffend die Entwicklung des Schulwerks der Alliance. Die Alliance besaß keine Mark, als sie im Jahre 1862 ihre erste Schule in Marokko schuf. Im Jahre 1875 betrug die Zahl ihrer Schulen 24. In diesem jähre schenkte ihr Baron Hirsch eine Million Francs zu Errichtung neuer Schulen in der Türkei. Dank einem Lesat der Frau Baronin Hirsch in der Höhe von fast 16 Millionen Francs konnte die Alliance bis zum Jahre 1908 die Zahl ihrer Schulen auf 142 mit 41.(00 Schüler bringen. Im Jahre 1908 hat die gesamte Ausgabe für das Schulwerk allein 2.300,900 Frcs. überstiegen, wozu die Gemeinden 900.000 Frcs. beisteuerten, die Alliance 1.400.000 Frcs. hergab. Der stattliche Beitrag der meist armen Gemeinden zeigt besser als Worte, daß die Schulen den Wünschen der Bevölkerung entsprechen. Neben den Schulen hat die Alliance 33 Lehrlinisanstalten für 1400 Knaben und Mädchen, ausserdem zwei Ackerbauschulen bei Jaffa und und in DiedeTda bei Tunis, aus welchen beiden Anstalten 336 jüdische Landwirte hervorgegangen sind. In zwanzig Vereinen ehemaliger Alliance-Zöglincre sorgen die früheren Schützlinge der Alliance in rühmlicher Solidarität für ihr ferneres Fortkommen. Der Bericht wäre nicht vollständig, wenn wir nicht der Angriffe des Geheimrat Goldberger wider den Zionismus gedächten. In seinen Schilderungen der Verhältnisse der Juden in der Türkei und der durch die Konstitution eingetretenen Lage finden sich nachstehende Bemerkungen: „Als unter dem Einfluß der betrüblichen Ereignisse in Rußland und Rumänien der Zionismus seine Kongresse organisierte und eine leidenschaftliche Propaganda inszenierte, die tatsächlich den tieferen Gefühlen so manches unter uns willkommen war, hat die Alliance trotzdem die Gefahr erkannt, die aus dieser heftigen Kampagne hervorgehen konnte, sowohl für ihr Werk in der Türkei, wie für die türkischen Juden überhaupt. Sie ließ deshalb die zionistische Bewegung sich außerhalb ihrer Kreise entwickeln, folgte ihr mit Aufmerksamkeit und Wachsamkeit, ließ sich aber niemals bestimmen, Schritte zu tun oder Worte zu sagen, die als Billigung oder Ermutigung hätten gedeutet werden können. Diese vorsichtige Haltung hat der Alliance die andauernden Angriffe der Zionisten eingetragen. Aber die Ereignisse haben bewiesen, daß die Alliance recht hatte. Gegenwärtig ist in der Türkei ein freiheitliches Regime auf dem Marsche, und die Zionisten, die Ueberlegung besitzen und offenen Auges sind, müssen zugeben, daß ihre Projekte in der Türkei eine um so gewaltigere Gegnerschaft finden werden, als diese Gegnerschaft sich auf das plötzlich erwachte und gesteigerte Nationalgefühl stützt, Wenn, wie Sie aus dem Bericht des Herrn Dr, Porges ersehen können, die Alliance den hebräischen Unterricht in Palästina erweitert hat, wenn der Unterricht selbst in hebräischer Sprache erteilt wird, und wenn das den Wünschen der Zionisten entspricht, so ist die Alliance doch nicht einen einzi- Schritt weitergegangen und verharrt dabei, ihren Anstalten in der Türkei den jüdischen und ottomanischen Charakter zu bewahren. Die Geschichte wird zeigen, daß diese Politik allein klug und praktisch ist. Mögen andere glauben, in den Dienst ihrer Propaganda die moralischen Kräfte stellen zu können, die der Zionismus tatsächlich repräsentiert; mögen andere versuchen, durch Schöpfungen, die den Ansichten des Zionismus entsprechen, mit diesem Hand in Hand zu gehen; mögen sie blind sein dafür, daß sie ein gefährliches Soiel spielen , sowohl für die ottomanischen Juden wie für sich selbst, — wir werden ihnen nicht nachahmen, wir werden ihnen die Verantwortung für ihre Handlungen überlassen, indem wir der Hoffnung Ausdruck geben, daß die Männer, die guten Glaubens und gemäßigten Sinnes sind, sich Rechenschaft ablegen werden, daß sie in diesem Betracht auf falschem Wege sind." Diese Auslassungen stehen mit der bisherigen würdevollen Haltung der Alliance dem Zionismus gegenüber im Widerspruche. Sie wären auch diesmal lieber unterblieben, denn es schaut sehr bedenklich aus, wenn Herr Goldberger vor aller Welt die den Zionismus bekennenden Juden als Hochverräter am türkischen Staatsgedanken hinstellt.