Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1909-06-04 · Heft 12 (4.6.1909) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 12 (4.6.1909)
Date
1909-06-04
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425773-2425786--1352-2427704
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 11 „Neue National-Zeitung,, Seite 5 Jene Immigranten nämlich, deren Antworten nicht Glauben geschenkt wird, werden zurückgehalten und vor eine Kornmission von drei Inspektoren gebracht Nun ist es ohne Frage leichter, einem Inspektor zu antworten, als dreien. Kommt der Immigrant also vor die Kommission und antwortet auch auf alle Fragen schnell, deutlich und der Wahrheit entsprechend, so müssen die Inspektoren doch gegen den Immigranten infolge des Widerspruches zwischen seinen früheren und jetzigen Aussagen einen Verdacht hegen Deshalb ist es ausserordentlich wichtig, dass die Verwandten oder Freunde der amerikanischen Emigranten diese davor warnen, jede Frage, die man an sie stellt, stammelnd zu wiederholen, sondern die Wahrheit zu sagen, wenn sie vom Schiff ans Land gehen. In erster Linie sollen sie ihren richtigen Namen angeben, auch wenn sie von Europa nach Amerika auf einem falschen Pass fahren, denn dies gilt in Amerika nicht als Verbrechen. Die Emigranten werden sich grosse Schwierigkeiten ersparen, w nn sie gleich ihren richtigen Namen sagen. Das kommt dann einem später besonders zunutze, wenn man amerikanischer Bürger werden will. Die Gesetze sind diesbezüglich sehr streng und es ist daher vor Angabe eines falschen Namens nicht gen.g zu warnen. Ebenso sollen sich unsere jüdischen Emigranten davor hüten, ihre Kinder zu verleugnen. Als abschreckendes Beispiel möge folgender Fall dienen, der aus einer Menge anderer herausgegriffen ist: Eine Mutter fuhr mit ihren sieben Kindern aus Russland zu ihrem Manne nach Amerika. Um nun vier halbe Schiffskarten zu ersparen, gab sie an, vier Kinder seien roch nicht 12 Jahre alt; damit nun die Rechnung stimmen sollte, machte sie auch die andern drei Kinder jünger. Da stellte sich aber ein Dilemma heraus: nach dieser Berechnung war das jüngste Kind noch gar nicht auf der Welt. Da kam die Mutter auf die Idee, das jüngste Kind einem Mädchen zuzuschreiben, das zu ihrer Tante nach Philadelphia fuhr. Beim Verlassen des Schiffes erhielt die Mutter mit den sechs Kindern die Erlaubnis, zu ihrem Manne zu fahren, während das Mädchen mit dem ihr fälschlich zugeschriebenen Kinde zurückgehalten wurde, weil es angegeben hatte, dies sei ihr Kind, und der Vater des Kindes habe sie vprlassen. Daraufhin schickte man das arme Mädchen ohne Erbarmen nach Russland zurück, damit es nicht einer Gemeinde zur Last fallen sollte. Welch' tragisches Bild! Die wahre Mutter des Kindes steht beim Bahnhof mit ihren sechs Kindern und weint — es fehlt ihr das jüngste. Das junge Mädchen mit dem fremden Kinde befindet sich in einer furchtbaren -Aufregung — sie muss n^ch Russland zurück. Und wer ist daran Schuld? Die Mutttr, die sich nicht zu ihrem Kinde bekannt hat Dieser Vorgang und noc!i viele andere traurigen Begebnisse sollten doch für die Eltern als ein abschreckendes Beispiel dienen, ihre Kinder zu verleugnen. Die Eltern schaden dadurch nur sich selbst» dass sie ihre Kinder jünger machen. Denn in vielen Städten Amerikas ist gesetzlich nicht erlaubt, dass Kinder unter 16 Jahren arbeiten gehen. In den Städten, wo die Kinderarbeit-Gesetzgebung sehr streng ist, muss der Einwanderungs-Kommissär unterschreiben, wie alt das Kind beim Verlassen des Schiffes war. In Pensylvanien beispielsweise sind die Gesetze sehr streng. Und viele Kinder, die arbeiten und ihren Eltern helfen wollen, können das nicht tun, weil ihr Alter falsch angegeben wurJe, als sie das Schiff verliessen. Viele arme Eltern, die eine grosse Familie zu ernähren haben und einige Schiffskatten zu ersparen suchen, geben an, ihre Kinder seien jünger. Damit haben aber die Immigrationsbeamten nichts zu tun. Sie sind keine Agenten der Schiffskompanie und gehen auch nicht für sie vor. Ihnen liegt nichts an dem Alter der Kinder der Immigranten vor dem Kau*e der Schiffskarten. Das interessiert sie gar nicht. Sie wollen nur das jetzige richtige Alter wissen. Mein Schlussappell lautet daher: Wenn eine Familie nach Amerika kommt, so soll das richtige Alter der Kinder ganz unbesorgt angegeben werden. Die Schiffskompanie hat keine Ingerenz mehr auf sie. Wenn die Emigranten sich darnach richten, dann werden sie sich viele Unannehmlichkeiten ersparen. Simon Szdntö und Simon Winterstein. Gestatten Sie mir, aus den zahlreichen Beweisen der Selbstlosigkeit und Unabhängigkeit des sei. Simon Szäntö nur einen vorzuführen, der uns zeigt, wie hoch er das allgemeine Interesse über das eigene stellte. Als im Jahre 1863 die Vorstandswahlen vorgenommen werden sollten, präludierte er denselben mit folgendem Leitartikel: „.......Welchem Juden kann es aber wirklich gleichgiltig sein, was für eine Vertretung sich der erste, einfiussreichste Kultusverein der österreichischen Glaubensbrüder wählt, der die Grossgemeinde dieses Reiches repräsentiert. . . .? Nach der Wiener Gemeinde messen sich die andern in der Provinz, sie ist der Masssfab, mit dem man in oberen Regionen die österreichische Judenschaft überhaupt misst; sie ist die Elite, auf die wir hinweisen, so oft die Ratlosigkeit mancher kleinen Gemeinde zur Würdelosigkeit und zum Unglimpfe führt........" Hierauf kommt er auf die Kandidaten zu sprechen, rühmt die allgemeinen Verdienste des Herrn Simon Winterstein (des nachmaligen Barons und Herrenhausmitglieds); fährt aber fort: „Indessen sehen wir uns verpflichtet, auch derjenigen Meinung Ausdruck zu geben, die bei aller Anerkennung, die sie den hohen Verdiensten und der Kapazität des Herrn Winterstein angedeihen lässt, die Befürchtung hegt, es könnte dieser so viel beschäftigte Mann, der eine Reihe von Ehrenämtern zu verwalten hat, welche so manigfache Sorgfalt in Anspruch nehmen, kaum die Zeit gewinnen, auch der jüdischen Gemeinde die nötige Verwendung angedeihen zu lassen....." Ältere Gemeindemitglieder werden sich noch erinnern, welchen grossen Einfluss Baron Winterstein besass. Und doch wagte Szäntö diesem, der damals schon im Beirat des Kultusvorstandes sass und prävalierenden Einfluss hatte, abzuwinken. Und hatte Winterstein diesen Wink verstanden und beherzigt? Gewiss. Die hohen und höc.isten Juden von damals waren eben von anderem Schrot und Korn, als die heutigen. Schon in der nächsten Nummer der „Neuzeit" erscheint folgender Brief Wintersteins: „Geehrte Redaktion! In der letzten Nummer Ihres Blattes wird meiner in einer mich ehrenden Weise gedacht, indem ich als Kandidat für die offene

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.