Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 12 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 12 Gemeindetag vorgelegte Entwurf keine Zustimmung finden werde, war nach Vorberichten und Kommentaren der jüdischen Presse Deutschlands vorauszusehen. In der Tat bedeutet er im letzten Grunde, vornehmlich was die Rabbiner betrifft, ein rückschrittliches Werk, dem sich auch nur ein geringer Bruchteil der Delegierten anfreundete. Die Spezialdebatte zeitigte eine Reihe von Abänderungsanträgen, die alle an eine Kommission geleitet wurden, die ihr Material zu verarbeiten und sodann dem Plenum vorzulegen hat. Es wurden auch vielfach Bedenken laut, ob es jetzt angezeigt ist, der Regierung einen Gesetzentwurf vorzulegen, wo doch ihrerseits erklärt wurde, dass dem Parlmente baldigst ein solcher zugehen werde. Von diesen Momenten ausgehend warnte insbesondere M. A. Klausner- Berlin vor der Einfügung von Anträgen, die dann in den Landtagen ohne weiters auf Widerstand stossen würden. Man dürfe eben nur das möglichst Erreichbare in Anschlag bringen. So drang denn schliesslich der Antrag Dr. friedmann durch, der eigentlich eine Vertagung darstellt und die endgültige Beschlussfassung dem Plenum resp. der Kommission überlässt. Im Zeichen einer lebhaften Anteilnahme standen die Beratungen dieses Gemeindetages. Ein Symptom, wie es bisher noch nicht wahrzunehmen war, der Beginn einer neuen Epoche, unter deren Zeichen der Deutsch-Israelitische Gemeindebund noch grössere Aufgaben vollführen kann. Wenn er heute darangeht, zu reformieren, so ist dieses Beginnen von allen Parteien des deutschen Judentums mit aufrichtiger Freude begrüsst worden. Hätte dieser Gemeindetag nicht mehr gezeitigt, als das eine sichtbare Resultat: die Ausgleichung der Gegensätze zwischen orthodoxen und liberalen Parteien, so wäre dieses allein schon geeignet, ihm erhöhte Bedeutung zuzusprechen. Und in diesem Sinne mag man jenen Recht geben, die von der „geschichtlichen Bedeutung" dieses Bundestages sprechen. Die Duplizität der Ereignisse Hess den österreichischen Gemeindetag mit dem deutschen zusammenfallen und das regt zu mancherlei Betrachtungen an. In Wien hat — durch wessen Verschulden auch immer — der Bundestag ein Fiasco erlitten und statt zu einigen, das Werk der Entzweiung vollbracht, indem er das galizische Element als ein odioses wertete, indem seine Beratungen den Kampf zwischen orthodoxer und freier Weltanschauung widerspiegelten; in Berlin wurde in dem allgemeinen Bestreben endlich ein Werk zu vollführen, die Ausgleichung der Gegensätze erzielt und der Boden gepflügt für erfolgreiche kommende Arbeit. Ihrem Korrespondenten erklärte ein allbekannter Führer der orthodoxen Gemeinde, dass seine Gesinnungsgenossen von dem Erfolge und dem würdigen Verlaufe der Tagung hochbefnedigt seien; in gleichem befriedigten Sinne äusserte sich auch ein Vorsteher der Berliner jüdischen Gemeinde; nochmals: der Berliner Gemeinde! Die deutsche Judenschaft kann mit den Ergebnissen des Gemeindetages vollauf zufrieden sein; eine Protestversammlung;iat sich hier als unnötig gezeigt. m. sch. Eine fcehre für judische Emigranten.*) Von Josef Ehrlich, Immigrations-Inspektor in Philadelphia. Zu den charakteristischen Fehlern, in welche das Gros der jüdischen Emigranten verfällt, gehöit, dass sie jede an sie gestellte Frage wiederholen, und selten auf das, was man sie fragt, präzise antworten. Wenn nun zum Beispiel ein Emigrant ans Land kommt und der Immigrationsinspektor der amerikanischen Gesetzesvorsclirift gemäss seine Fragen stellt, kann man Ohrenzeuge folgenden tragikomischen Dialoges sein : Immigrationsinspektor: Wie heissen Sie? Immigrant: Wer? Weh? Immigrationsinspektor: |a, Sie Immigrant: Mich ruft man Moschke. Immigrationsinspektor: Wie ist Ihr Familiennamen? Immigrant: Mein ramiliennamen? Ach so! Ich heisse Moschke Kaplan, ja, Moschke Kaplan. Immigrationsinspektor: Sind Sie schon einmal in Amerika gewesen? Immigrant: Ich? Wenn es nach mir ginge, würde ich jetzt auch nicht herkommen! Immigrationsinspektor: Zu wem wollen Sie? Immigrant: Zu wem ich will? Zu Gott will ich! Immigrationsinspektor: Haben Sie in Amerika Verwandte? Immigrant: Was hab ich von Verwandten?! Ich bin doch ein Schneider, und will mich schon mit Gottes Hilfe durchbringen. . . . Immigrations nspektor: Haben Sie etwas Geld? Immigrant: Wozu brauch ich Geld? Ich komm doch nach Amerika! Immigrationsinspekto.*: Haben Sie Frau und Kinder in Russland zurückgelassen? Immigrant: Aber natürlich/ Wie denn sonst? Das ist doch schon mal so! Immigrationsinspektor: Können Sie lesen und schreiben? Immigrant: Nein. Immigrationsinspektor: Können Sie im Gebetbuch lesen? Können Sie „dawnen"?**) Immigrant: Was für Fragen Sie aber stellen! Welcher Jud' kann denn nicht dawnen?! Solche und ähnliche Antworten, die man noch dazu aus dem Munde des Emigranten herausziehen muss, bekommt man da zu hören. Sie werden mit einem erschrockenen Gesicht und in einem Tone fieberhafter Nervosität hervorgebracht. Diese Art macht natürlich einen schlechten Eindruck auf den Inspektor, der den Charakter des Golusjuden nicht kennt, den die ständigen Drangsalierungen und Verfolgungen in ein lebendes Fragezeichen verwandelten. Und so ist es ganz unausweichlich, dass in dem Inspektor der Verdacht aufsteigt, der Immigrant sage rieht die Wahrheit. Tatsache ist, dass sich viele Immigranten so manche Unannehmlichkeit ersparen würden, und ohne Schwierigkeiten einwandern könnten, wenn sie auf die paar gewöhnlichen Fragen zur Sache antworten und nicht bei jeder Antwort auf eine Frage zitternd stammeln würden. Sie machen dadurch einen schlechten Eindruck, erscheinen verdächtig. Und das hat eine unangenehme Folge. *) Wir entnehmen diesen für die weitesten Kreise interessanten Artikel dem St. Petersburger jüdischen Emigrationsorgan „Der jüdische Emigrant". Anm. d. Redakt. **) Beten.