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Neue Nationalzeitung · 1909-06-04 · Heft 12 (4.6.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 12 (4.6.1909)
Date
1909-06-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 12 Rundschreiben an die Mitarbeiter auch die Religion der Hausierer der Berücksichtigung empfiehlt. Wir finden daher sowohl in der Geschichte der Hausier-Gesetzgebung als auch bei Behandlung der einzelnen Länder vereinzelte Angaben über die Stellung der Juden im Hausiergewerbe. Das für den Hausierhandel grundlegende Patent vom Jahre 1787 bestimmte, daß „den Juden allein dieser Handel mir in Böhmen, Mähren und Schlesien bewilligt werden" kann, also nicht in den sonstigen Erbländern; dazu kam aber später nach dem Patente vom Jahre 1811 für Juden in Prag ein Verbot hinsichtlich des Handels mit neuen Waren. Dieses Verbot gilt für Prag noch heute, trotz des Hausierpatents vom Jahre 1852, das keinen konfesisionellen Unterschied kennt. Dort dürfen also Juden nur mit alten Hosen hausieren. Was die Zahl der jüdischen Hausierer betrifft' so hat sich der Referent für Niederösterreich damit gar nicht beschäftigt. Bezüglich Steiermarks wird bemerkt, daß in Graz 28 jüdische und 8 christliche Hausierer leben. „Mit wenigen Ausnahmen sind diese jüdischen Hausierer ungarische Staatsbürger. Sie sind als Hausierer nach Steiermark gekommen und betreiben ihr Geschäft zumeist schon viele Jahre." Auf dem Lande ist der Prozentsatz der jüdischen Hausierer ein weitaus geringerer, nur in den politischen Bezirken Bruck und Leoben sollen mehr Juden als Christen zu finden sein. Auch diese sind zum größten Teil aus Ungarn eingewandert, doch haben auch einige polnische Juden im Laufe der letzten Jahre in Obersteiermark ihren Wohnsitz aufgeschlagen. Der jüdische Hausierer figuriert in Steiermark als „Hausjude". Der Referent sagt darüber: „Der Häusjude, der zahlreiche verschiedene Abfälle sammelte, namentlich aber Tierfälle und Schweineborsten und als Entgeld für sie Waren gab, war namentlich in größeren Wirtschaften gern gesehen." In Böhmen fristen die jüdischen Hausierer zumeist durch den Schnitt- und Galanteriewaren- Handel ihr Dasein. Doch ihre Zahl nimmt immer mehr ab. Der Referent erhielt hierüber von einem jüdischen Hausierer folgende Aufklärung. „Heutzutage sieht ein jeder Israelit, daß das Geschäft schlechter geht, und giebt es, wenn er etwas Besseres, zum Beispie! eine Stelle als Geschäftsdiener finden kann, auf." Tatsache ist, daß Juden als Hausierhändler mit Kleiderstoffen ganz verschwinden. In Nordböhmen gibt es heute unter 673 Hausierer 13 Juden. Eigenartig liegen die Verhältnisse in Galizien. Hier geht der Hausierhandel rapid zurück, und zwar nicht so weit auf dem Gebiet der Hausindustrie, das von Christen, als auf dem anderer Artikel, das von Juden betrieben wird. „Das Hausierwesen in größeren Städten," meint der Referent Dr. Ben i s, „ist eher Bettelei als Geschäft zu nennen. Es sind dies schiffbrüchige Existenzen, oft mit körperlichen Gebrechen behaftet, welche im Hausieren einen Rettungsanker suchen." Der tägliche Durchschnittverdienst eines Hausierers beträgt nach dem Verfasser 30—40 Kreuzer. Aehnlich steht es mit den jüdischen Hausierern in der Bukowina. „Die Erkundigungen haben dargethan", berichtet Dr. Wiglitzky, daß die Israeliten sich in der allerkümmerlichsten Lage befinden. Sie besitzen in der weitaus überwiegenden Mehrzahl weder bewegliches noch unbewegliches Vermögen, sie leben ausschließlich vom Hausiergewerbe, und da sie meist zahlreiche Familien haben, so reicht ihr Erwerb kaum aus, ihr und der Ihrigen Leben zu fristen. . . . Auch pflegen in Czernowitz die Frauen der Hausierer Kommis aus kleineren Geschäfte in Quartier und Kost zu nehmen." Dieser natürliche Prozess der Verminderung der Hausierer genügt aber den christlich-sozialen Volksveitretern nicht. Auf einen Wink des Wiener Gemeinderates hat sich der Handelsminister Dr. Weisskirchner sofort mit dem neuen Entwürfe eingestellt, dessen offenkundige Aufgabe die Aushungeruung der Hausierer bildet. Mehr denn je kann man beim Anblick dieses Entwurfes den Hausierern mit Kronawetter zurufen: „Ihr Schicksal ist besiegelt." Bei der jetzigen Zusammensetzung des Parlaments mit dem Einflüsse der Christlich-Sozialen, ist schwerlich anzunehmen, dass die neue Vorlage abgelehnt wird. Ist denn wirklich ein so grosser Unterschied, ob das von den Gemeinden beschlossene Verbot die Bestätigung des Landeschefs oder des Handelsministers benötigt, der — Weisskirchner heisst? Als einziger Trost bleibt den Hausirern der § 30, wonach den bereits im Besitze eines Hausierpasses befindlichen Personen trotz gesetzlicher Neuordnung und eventueller Verbote die Hausierbewilligung nicht mehr entzogen werden kann. Der neuen jüdischen Generation wird also der Hausierer-Erwerb nicht mehr offen stehen. Der Hausierhandel wird zu einem christlichen Privileg emporsteigen, und nicht fern ist wol die Zeit, da in Wien christliche Mitbürger „Handle" rufen werden. Die an man/gfaltigen Neuerungen so reiche Lueger- Aera wird das Verdienst haben, diese neue Institution in Wien eingeführt zu haben. L.

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