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Neue Nationalzeitung · 1909-05-21 · Heft 11 (21.5.1909) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 11 (21.5.1909)
Date
1909-05-21
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 11 „Neue National-Zeitung" Seite U III. Babel. Unter den Weggeführten am Strome Kebar. Gewaltig türmt sich die mächtige Stadt auf, die Beherrscherin des Erdballs Stolz ragen ihre glänzenden Paläste empor, üppig strecken sich ihre duftenden Gärten. Eine jubelnde Menge durchwogt ihre breiten Sirassen. Sie singen alle ihren Götzen vcn Gold und Silber, Kupfer und Eisen, Holz und Stein. Und Nebukadnezar rüstet ein grosses Mahl seinen Grossen. Denn er hat den Sprossen Davids, den Nachkommen Ruths, weggeführt nach Babel. Und auch den Künder des Gotteswortes vom Sinai, Ezechiel, Sohn Busi, des Priesters. Aber dort, im fernen Lande der Kasdim, kommt über diesen die Hand des Herrn. Ein Sturmwind erbraust von Mitternacht, dichtes Gewölk lagert sich rings um.den reissenden Strom, ein Feuer greift um sich. Ein Strahlenkreis zieht sich daran ringsum. Es ist, als ob sich die Himmel öffneten. Will der Herr sich wieder offenbaren, wie einstens am Sinai? Ertönt sie wieder die Stimme des Allgewaltigen? Die Donnerstimme des Allmächtigen? Welch' ein Räuschen! Welch' Getümmel! Eine neue Offenbarung sfcll dem Propheten zuteil werden, in dem Lande des Goluth? Goluth, furchtbares Wort. Dahin ist die Freiheit. Welch' eine lange Strecke vom Sinai über Betlehern nach Babel. Dies alles überdenkt der Menschensohn am Flusse Kebar. Wie anders wars's, als sein Volk stolz die heimische Scholle bebaute. Als die Könige aus Ruths Stamme auf Zion residierten, der Gesang der Leviten ertönte und die Flamme vom Altare emporloderte zum Himmel. Und dies alles dahin! Dahin für immer Für immer? Auch Noomi war von den Höhen ihres Glückes in das Tal der Tränen gestürzt, aus der Lieblichen war eine Betrübte geworden. Und doch, wie lebte sie wieder auf durch Ruths Treue. Ein Vorbild für das Volk des Menschensohnes, der jetzt am Strome Kebar göttliche Gesichte erschaute. Der König und das Volk von Juda wurden weggeführt ins Goluth, aber lebte der alte Gott nicht, der sich am Sinai einst offenbarte? War die Thora nicht noch immer, auch im Exile. Israels Licht? Was klagte dies Volk: „Vertrocknet ist unser Gebein, vernichtet unsere Hoffnung, unser Geschick ist beschlossen." Waren aber nicht Mächtigere schon gefallen, wie Babels Beherrscher? Aegyptens Glanz war erloschen, Ninjve, das Stolze, war gestürzt, Pharaonen und andere Despoten fühlten des Allgewaltigen Geissei und Israel hatte sie alle überdauert. Und mächtig reckte sich der Prophet empor. Er sieht, wie auf einem grossen Leichenfelde Gebein sich fügt zu Gebein und aus vier Weltgegenden weht sie der Geist des Herrn an, und sie leben alle auf, die scheinbar verdorrten Gebeine. Das ist das Haus Israel. Es lebt fort durch den Geist des Herrn. An dem Felsen Israels zerschellt des Tyrannen Macht... Und der Prophet sieht die Schaaren seines Volkes zurückkehren zu den duftenden, heimischen Gefilden. Wieder ertönt auf diesen der Klang der Sichel, der heiteren Schnitter Lied. Die da gesäet mit Tränen, ernten mit Jubel. Ob, fröhliches Erntefest! Und auf dem Felde, das der Herr gesegnet, wandelt wieder die treue Ruth. Es ist Tag geworden. Und des Ruhmes des Herrn ist die Erde voll. Des Herrn, der sich offenbarte auf dem Sinai. GEORGES CLEMENCEAU: Gideon im Grabe. (Schluss.) „Vater", sagte Daniel, „die rechtgläubigen Juden in Russland müssen sich ja auch das Haar schneiden nach dem Ukas des Zaren. Sogar die „Pejes" müssen sie opfern Jehowa wird es ihnen schon verzeihen, denn sie tuen es unter dem Zwange". „Das ist es ja, der Zwang", erwiderte, Gideon bejahend, „meine einzige Furcht ist es doch, dass ich immer gesehen habe, wie die erste Konzession stets weitere Konzessionen nach sich zieht Wo werdet ihr stehen bleiben, vielleicht werdet ihr euch eines schönen Tages im Interesse des „materiellen Wohles" taufen; lassen?" „Wir werden das nie tun!" — riefen gleichzeitig Daniel und Nathan mit der grössten Entrüstung aus. „Ja, ja. Ich weiss, dass ihr jetzt daran nicht denkt. Ihr seit noch zu sehr ebenso wie ich von der Grösse unserer Rasse begeistert und von ihrer wunderbaren Aufgabe entzückt. Durch ihre heiligen Bücher haben die Juden den Westen erobert. Merkt euch, dass man ja im Grunde genommen nur deswegen uns flucht, weil sie empfinden, dass sie von unseren Genies leben und sonst über nichts anderes als über brutale Gewalt verfügen. Selbst besiegt haben wir noch unsere Sieger unterjocht. Auch ihre Haeretiker preisen die Ueberlegenheit des von Gott begnadeten Volkes. Und als ihr Gott Menschengestalt annehmen wollte, da fiel seine Wahl auf eine Jüdin. Als Jude wurde er geboren. Seine Apostel waren Juden. Geht in ihre Kirchen und ihr werdet dort Denkmäler von Juden sehen, die sie auf den Knieen anbeten. Und doch welcher Schmerz ist es zu sehen, dass während überall die Abzeichen unserer Gnade glänzen, unsere Ersten Verbindungen anstreben mit der Aristokratie jener Barbaren, die uns unterjocht haben. Manche pflegen sogar, wiewohl sie Juden geblieben stnd, ihr Geld für Kirchenbauten herzugeben, um sich die Gnade der Völker und Könige zü erobern. Andere wieder lassen sich in ihrer Schamlosigkeit taufen. Daniel und Nathan, wenn ihr euch eines solchen Verbrechens schuldig macht, dann müsste ich euch bei Lebzeiten verfluchen und mich nach dem Tode im Grabe umdrehen." Daniel und Nathan erschraken bei dieser ungeheuerlichen Drohung Sie sprangen in die Höhe und indem sie Gott zum Zeugen anriefen, beteuerten sie mit ihrem Eid, dass sie Juden bleiben würden, wie ihre Ahnen.. „Gut", sagte Gideon, „ich nehme eueren Schwur an; aber vergisst nicht, dass, wenn ihr ihn jemals brechen solltet,- ich mich im Grabe umdrehen müsste". Daniel und Nathan erlangten grosse Reichtümer durch alle Mittel, die im Gesetze nicht verboten waren. Gideon versammelte sich zu seinen Vorfahren. In seinem Testamente verteilte er den grössten Teil seines Vermögens an Arme. Aber es blieb noch immer ein grosses Vermögen für seine beiden Söhne übrig und diese ei hielten es mit einem Schreiben, in dem das letzte Vermächtnis der väterlichen Liebe enthalten war: „Wenn einer von euch zum Christentum übertreten, den reinen Glauben Abrahams mit dem Christ-

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