Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 11 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. „Neue National-Zeitung" Nr. 11 FEUILLETON. Prof. Dr. M. GRUNFELD: Schebuofh. i. Sinai. Wüste! Weithin dehnt sie sich ins Unendliche» so unermesslich, wie die Freiheit, die in ihr zuerst verkündet wurde. Und oben spannt sich der Himmel aus, bleiern, keinen Regen spendend, verschlossen... Mächtig ragt zu ihm ein Gipfel empor, wolkenumhüllt, von Blitzen erleuchtet, vom Donner umrollt. Welcher unter den gewaltigsten Bergen gliche ihm an Bedeutung? Mag dichter Schnee die schier unerklimmbaren Höhen krönen, mögen weite Eisfelder sie, wie mit einem Kranze umgeben — den Sinai erreichen sie nicht, an dem einst ein ganzes Volk den Sturmesruf der Freiheit vernahm, die Menschenrechte unter Donnergetöse verkündet wurden. Grosses Schweigen in der Natur. Keine Kreatur regt sich. Es verstummt oben in den Lüften das Lied der Vögel, es schweigen unten Mensch und Tier'. Aber die Stimme des Herrn ertönt in Pracht, die Stimme des Gewaltigen in Kraft. Die Stimme, die entblättert Wälder, Hindinnen kreisen macht und die Berge erbeben lässt. Ein grosser Augenblick in der Geschichte der Menschen ist angebrochen. Dies fühlen die Völker. Zitternd* erien* *sirtxr"Bileam;" * dem1' gro'ssert' Zätibef&f. „Wehe," rufen sie aus, „was soll nun geschehen? Sollen Feuersbrünste die Welt vernichten, Wasserfluten das alte Chaos, das Tohu-wa-Bohu wiederbringen?" Aber der schlaue Zauberer tröstet die Zitternden. „Der Herr," erwidert er, wird niemals wieder das Gebilde seiner Hände vernichten Er gibt seinem Volke, das herausgezogen aus Aegypten, eine Lehre, die heisst Sieg. . . Sie wird die Menschheit besiegen im unblutigen Kampfe. Er hat richtig geschaut, der heidnische Seher. Und doch, wie viel Ströme Blutes sind geflossen, um der Gerechtigkeit willen, die auf dem Sinai verkündet wurde, wie viele Menschenopfer sind gefallen, um der Wahrheit willen, die hier zuerst unter Schofarschall ertönte, wie oft verwandelte sich das Wort der Liebe, das unsere Väter am Sinai gehört hatten, in Taten des Hasses. Die Menschheitsgeschichte, sie erzählt davon auf blutigen Blättern Daher wollten die reinen Geister die Thora den Menschen nicht geben. Sie ahnten das Tier im Menschen, das die reine Lehre verunheiligt, entweiht. Aber der Kranke, nicht der Gesunde bedaif des Arztes. Daher schenkte der Heilige, gepriesen sei sein Name, den Menschen seine Krone. Eine Doppelkrone schmückte jeden aus dem Volke Israel, als es einmütig sprach: „Alles, was der Herr gesprochen, wollen wir tun." Eine Krone des Glaubens, eine Krone der Tat wurde jedem aufgesetzt. Israel, es ist nicht das Volk des Wortes, es ist das Volk der Tat. Das Volk der Liebe, der Gerechtigkeit, der Wahrheit. ... Diese zu üben, ist unsere Pflicht. Und vergisst der Jude daran, dann werde er mit Donnerton an seine Pflicht gemahnt. Ein Volk der Priester wollt ihr sein, nun denn, denket daran, was euere Väter gelobt. Denket daran, dass das Wort des Herrn zuerst an euere Mütter ergangen. Der Mütter errinnert euch bei allen eueren Werken und jede Lüge werde verscheucht, durch das Donnerwort: Sinai. .. . II. Betlehem. Abendliches Dunkel lageit sich über dem Städtchen. Im Westen hat sich der Sonnenball niedergesenkt ins Meer. H?ilige Stille. Von.den Feldern, die ihren Segen den schwerarbeitenden Men? sehen wieder, nach den Jahren der Hungersnot, darbieten, steigen süsse Düfte empor. Auf der Strasse nähern sich zwei Frauen dem Städtchen Ephrata. Nun sind sie in der Nähe des Grabmals Rachels angelangt, Rachels, die hier gestorben, nachdem sie ihrem Jakob den Benjamin geschenkt. Da richtet die eine Frau ihre Blicke empor zum dunklen Himmel. Etwas Herbes liegt in ihren Zügen. Diese Frau hat viel Ungemach erlitten. Schaddai, du hast ihr ein bitteres Los auferlegt. Hast ihr den Gatten genommen, zwei Söhne, hast sie arm werden lassen, im fernen Lande Moab. Nun ist sie wieder zurückgekehrt zu den heimatlichen Gefilden. Aus der Noomi ist eine Mar ah geworden, aus der Anmutigen eine Betrübte, eine betrübte Witwe, eine verlassene Mutter. Aus ihrem Auge stürzt keine Träne hervor,, denn &ßjß$ das Weinen verlernt, hat keinei l^r^ft/n^ehr dazö.'' Verlassen! Ist je .wirt/ijch verlassen? Nein, ewig Jebt die Liebe, die stärker, ist als' der Tod, deren Feuer Ströme Wassers nicht löschen können. Und Ruth ist die Liebe. Ruth ist die Treue. Weit ist's vom Sinai bis nach Betlehem-Ephrata. Aber die Liebe, die auf dem Sinai verkündet worden, hier lebt sie fort, verkörpert in Ruth. Sie wendet das seelenvolle Auge der vergrämten Mutter zu. Und aus ihrem lieblichen Munde klingt es süss, wie Harfenklang: „Dein Gott, mein Gott, Dein Volk, mein Volk. Nur der Tod kann uns scheiden". Und die Schnitter, die vom Felde heimr kehren, wo sie im Schweisse des Angesichtes gearbeitet, und die müden Weiber, die sie begleiten, verwundern sich über die zwei Frauen. Sie erkennen Noomi, die einst so stolze Mutter und Gattin, die jetzt zur Witwe geworden. Ein mitleidiges Flüstern erhebt sich ringsumher. So kann Schaddai die Geschicke der Menschen ändern. Er hat Noomi gegestürzt aus der Höhe in die Tiefe. , . Die Reiche ist nun arm geworden. Ist aber die arm, die sich der Liebe rühmen kann? Ist Noomi der Kinder beraubt, sie, die sich eines Schatzes erfreuen kann, der mehr wert ist, als alle Schätze der Reichen? Eines Herzens, das sie begleitet in ihrem Elende, eines Herzens, das besser ist als sieben Söhne? Und der Morgen leuchtet auf. Licht wird es um Betlehem-Ephrata. Es erklingt auf dem duftenden Felde die Sichel, es ertönt das Lied der Schnitter. Boas gesellt sich zu Ruth. Der Herr bezahlt ihr ihre Treue. Jhr Lohn ist vollkommen von dem Ewigen, dem Gotte Israels, unter dessen Flügeln sie sich geborgen. Ein Kind wird geboren in Betlehem, das ist David, der König und Dichter. Der Vater vieler Könige, die über Juda herrschen sollten Das Licht erstrahlte in Ruths Hause. Das ist der Lohn des Herrn, der sich offenbarte auf dem Sinai. ...