Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 11 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 11 denten Dr. Stern öffentlich blosstelite, für uns ein Beweis, wie viel sich der Präsident des Wiener Kultusvorstandes auf seine Würde einzubilden hat, wenn er sich öffentlich von einem Outmann schulmeistern läßt. Dr. Kolischer — geht? Wien, Mitte Mai. Dr. Heinrich Ko lisch er, der mit drei Stimmen Majorität, aber mit einem grossen Aufwand von Oewalts- und Volksbetrug „gewählte" Abgeordnete von Kolomea schmollt. Er hat bereits alle Ausschussmandate niedergelegt, und wenn uns Oott nicht gnädig ist, dann wird er auch den parlamentarischen Staub von seinen Füssen schütteln und nach Czerlany zurückkehren, um die Ausführung der Staatsaufträge auf Papier zu beaufsichtigen. Als Trost in den Mussestunden werden ihm am Hals das Komturkreuz des Franz Josef-Ordens bleiben und an der Brust der Stern, den er dazuerhalten hat. Die Tränen der galizischen Judensc! aft und der Kolomeaer Wähler werden bald trocknen, denn sie vermögen sich nicht zu jenem prometheischen Schmerzensrufe zu verdichten, der da lautet: „Ich wäre schon längst Eisenbahnministe»", wenn ich kein Jude wäre? . . ." Aber wir können nicht so hartherzig sein, um nicht zuzugeben, dass Dr. Kolischer wirklich schwer beleidigt wurde, dass er, der Demütige, Unterwürfige, der typische Moschko des Polenklubs, für seine Dienste doch als Lohn keinen — Fusstritt verdient hat. Und doch hat er ihn bekommen. . . . Wie tragisch! Seitdem Dr. Byk sich für die Wahl des Ministers Dr. Pietak gegen Daszynski in den Landtag eingesetzt hat, wurde zum ersten Mal ein Jude — eben Dr. Byk — vom Polenklub in die Budget-Kommission delegiert, r^ach dem Tode Dr. Byks wure!j Dr. Kolischer sein Nachfolger. Er war wirklich recht brav. Der Klub hatte ihm nichts vorzuwerfen. Nun ist er bei der Wahl in den Budget- Ausschuß durchgefallen. Er musste gegenüber dem Krakauer Dr. Staniszewszki, der erst seit zwei Jahren dem Parlamente angehört, weichen. Sein Ansehen ist jetzt verblasst. Die Staatslieferungen könnten spärlicher werden. Er hat also auch die anderen Adsschussmandate niedergelegt und grollt. Galizische Juden, zittert! Der Abgeordnete von Kolomea will Euch im Stiche lassen. Was werdet Ihr jetzt anfangen? . . . Ein jüdischer Kultus-Refei ent. Wien, 16 Mai. „Der Kustos der Wiener Universitätsbibliothek Dr. S. Frankfurter, der auch Schriftführer des Vereines der Freunde des humanitären Gymnasiums war, ist zur ausserordentlichen Verwendung ins Unterrichtsministerium berufen worden." Diese Nachricht bringt einzig und allein das — „Deutsche Volksblatt." Alle anderen Blätter wissen nichts davon, obwohl sich schon seit zwei Wochen die Spatzen von dieser Berufung erzählen. Das Volksblatt ist diesmal sehr nett. Kein Ausrufungszeichen trotz des Vornamens Salomon, keine bösen Witze über die „ausserordentliche Verwendung," die eigentlich eine Bestellung zum Referenten für jüdische Ku11usange1egenheiten ist. Es geschehen also noch Wunder. Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, dass während am Gerneindetage die verschiedenen rituellen Gegensätze aufeinander stossen, gleichzeitig der Unterrichts-Minister Graf Stürgh über die Köpfe aller Parteien hinweg zum ersten Male einen jüdischen Referenten in das Kultus- und Unterrichts-M/nisrerium beruft. Dass die Wahl gerade auf Dr. Salomon Frankfurter gefallen ist, dürfte wohl seinen persönlichen Beziehungen zum Minister zuzuschreiben sein. Ob die jüdische Bevölkerung mit dieser Berufung zufrieden sein kann, wird erst die Zukunft zeigen. Dr. Frankfurter ist der Schwager des in der vorigen Nummer entsprechend von uns behandelten Regimentsarztes Dr. Chajes in Lemberg; selbst entstammt er aber einer orthodoxen Wiener Familie. Öffentliche Sitzung des Kuitusvorstandes. K 175.848 55 Defizit. Wien, 16. Mai. In der heutigen Sitzung des Kultusvorstandes wurde der Bericht über den Rechnungsabschluss für das Jahr 1008 vorgelegt. Derselbe weist ein Defizit von K 175.848 55 auf Es ist dies das erste Defizit des Rechnungsabschlusses, da die bisheiigen Defizite nur auf den Voranschlag beschränkt blieben. Der Referent, Herr Max Frank, gab hiezu eine grosse larmoyante Rede zum besten. Wir hätten lieber gesehen, wenn dieser sonst so praktisch denkende Mann irgend welche Anregungen gegeben hätte, wie man die Einnahmen der Gemeinde erhöhen könnte. Was hört sich denn mit der Erhöhung des Steuermaximums von K 12.000 auf 20.000? Gedenkt Herr Frank als Finanz-Referent ganz im Geleise seiner Vormünder weiter zu trotten und die Millionäre zu schonen, während die sonstigen Gemeindemitglieder immer höhere Steuern zahlen müssen? Wenn Herr Frank nur diese alte Weisheit wiederkäuen'wird, dann dürfte er sich rasch abnützen. Und es wäre um ihn schade! Reichsratswahlen in Galizien. Lemberg, Mitte Mai (Originalkorr) Die Wahlen für die zwei Bezirke Sambor-Grödek u. Bursztyn-Bobrka sind bereits auf den 30. Juni ausgeschrieben worden. Trotzdem sind die Kandidatursverhältnisse in denselben nocht nicht festgestellt. So spricht man in Sambor auch von der klerikalen Kandidatur des Paters Makowiec, der sich grosser Sympathien erfreuen soll. Von anderer Seite wird wieder die Kandidatur des Bürgermeisters Dr. Steuermann lanciert, der sich in der Stadt Sambc r wegen seiner assimilatorisch demütigen Haltung gerade bei den Christen grösserer Sympathien erfreut, als bei den Juden. Es mag nicht unerwähnt bleiben, dass dieser Herr vor einigen Jahren anlässlich des Besuches eines Bischofs in dieser Stadt durchaus zur Ehre des bischöflichen Handkusses zugelassen werden wollte, was aber von dem veranstaltenden Komitee nicht gestattet wurde.... Allem Anscheine nach dürfte in Sambor eine jüdische Kandidatur, auch eine assimilatotische nicht zu Stande kommen, so, dass lediglich mit einer solchen im Wahlbezirke Böbrka zu rechnen wäre. Eine Zeit lang dachte man daran, hier Herrn Lucian Brunner statt des Dr. Malz als Kandidaten aufzustellen. Die Reisen des Herrn Brunner nach Lemberg hängen auch, wie ich erfahre, mit dieser Eventualität zusammen. Allein die jüdisch-nationale Parteileitung ist zur Ueberzeugung gelangt, dass eine derartige Kandidatur für die Juden des in Betracht kommenden Bezirkes von den verhängnisvollsten Folgen begleitet sein könnte. Auch scheinen die Ruthenen jedenfalls nach den Erfahrungen, die sie mit dem