Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 11 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 11 Ruh lassen," oder die Bemerkungen der Henen Gabel und Braude über die Fälschung der Proteste ohne jeden Widerspruch hinzunehmen. Ein Kreis von Personen beschloss daher, eine Protestversamm- Itmg der galizischen Juden einzuberufen, die gestern auch stattfand. Die Versammlung war sehr gut besucht und nahm einen stürmischen Verlauf. Wiederholt glaubte man, dass es zu einer Sprengung der Versammlung komme werde, insbesondere bei der Rede des Dr. J. S. Bloch, der von zionistischer Seite stark angegriffen wurde. Die Zionisten, speziell deren studentischer Anhang, war in grosser Zahl herbeigeeilt, da es allgemein hieß, die Versammlung sei vom Dr. Bloch inspiriert und habe in erster Linie den Zweck, die zionistischen Abgeordneten bloßzustellen. Dieses Gerücht, dessen Wahrheit zu kontrollieren wir nicht in der Lage sind, rief von vornherein eine gereizte Stimmung seitens der Zionisten gegen die Leitung der Versammlung und speziell gegen Herrn Dr. Bloch hervor. Wenn die Versammlung dennoch trotz aller Zwischenfälle bis zur Erschöpfung der Rednerliste zusammengeblieben ist, und eine einstimmige Kundgebung gefaßt werden konnte, so war dies hauptsachlich auf die Intervention des Dr. S. R. Landau zurückzuführen, der durch seine Rede und durcli seine Resolution eine Plattform für sämtliche Teilnehmer der Versammlung geschaffen hat. Ueber Aufforderung tles Herrn J. Grob tu ch, der als Vertreter des Comites die Versammlung eröffnete, wurde nachstehendes Präsidium gewählt: Ignaz J o 11 e s, Präsident, A. H. S p o r e r, Vizepräsident und J. G r o b t u c h, Schriftführer. Das Referat erstattete Dr. Josef Zipser in einer sehr ungeschickten Weise. Er hat sich nämlich einer ausserordentlichen Kürze befleissigt und den eigentlichenJG egenstand der Tagesordnung, die auf dem Gemeindetag gegen die galizischen Juden gefallenen Angriffe, ganz vergessen; offenbar deshalb, weil er sichs mit den erschienenen Zionisten zu verderben fürchtete. Nach dem Referenten sprach der Sekretär des Gemeindebundes Jakob K r a u ß, welcher den Gemeindebund in Schutz nahm. Dann kam Dr. Zweig an die Reihe. Er zählte die mehrfachen, den galizischen Juden angetanen Unbillen auf, aber er beschäftigte sich merkwürdigerweise lediglich mit den Zurücksetzungen bei Einberufung des Gemeindetages und Abfassung der Organisations-Statuten. Was aber auf dem Gemeindetag selbst vorgegangen ist, darüber ging er stillschweigend hinweg. Hier setzte nun um so gründlicher Dr. S. R. Landau ein. Er erklärte, daß man in der heutigen Versammlung alle Schuldigen in gleicher Weise rügen müsse und darum soll nicht verschwiegen werden, daß nicht blos der Brünner Kultuspräses und sein Rabbiner, sondern auch Dr. Braude und Dr. Gabel in schwerer Weise die galizischen Juden blosgestellt haben. Allein bei jenen habe man es mit bösartigen Angriffen zu tun, während hier nur der Ausfluß einer unklugen Taktik vorliege. Es sei Sache der zionistischen Abgeordneten gewesen, den Judentag und damit die ganze jüdische Oeffentlichkeit darüber aufzuklären, wer überhaupt in den galizischen Kahals sitzt, dass in vielen Gemeinden moralisch defekte Elemente an der Spitze stehen, die lediglich das Werkzeug der Bezirkshauptleute und der Fluch der jüdischen Bevölkerung sind. Es hätte am Judentag zu Sprache kommen müssen, daß die Gemeindestampiglien, ob sie nun echt oder gefälscht sind, noch immer nicht die Willensmeinung der jüdischen Bevölkerung zum Ausdruck bringen. Das corrupte Wahlsystem, das nun durch die indirekten Wahlen in die Landesverbände am Gemeindetage sanktioniert wurde, lasse den wahren Volkswillen in den jüdischen Gemeinden nicht zur Geltung kommen. „Die heutige Versammlung", rief Redner unter großem Beifalle aus, „darf sich nicht dazu hergeben, das Prestige der galizischen Kultusvorstände zu stärken. Ihre einzige Aufgabe muß darin bestehen, dem jüdischen Volke in Galizien ihre Sympathien auszusprechen und durch eine einstimmige Kundgebung vor der Welt zu demonstrieren, daß sich die in Wien lebenden galizischen Juden mit ihren galizischen Brüdern eins fühlen und stets bereit sind, für sie einzutreten." Es kamen nun noch zu Wort Dr. Löhner und Dr. Weisengrün, welch letzterer als zionistischer Vertreter dem Dr. Landau für seine Ausführungen dankte. Dr. J. S. Bloch hatte, wie wir bereits oben erwähnt haben, gegen wiederholte Störungen seitens der Opposition anzukämpfen. Es wurde ihm besonders übel genommen, dass er am Gemeindetag, wiewohl ser&sT öälizianer, für die Ausschliessung Galiziens aus dem Gemeindebund gestimmt hat. Dr. Bloch versuchte dies damit zu erklären, dass er dadurch die Ueberreichung der Proteste seitens des Schreiber im Unterrichtsministerium verhindern wollte; eine Begründung, die durchaus nicht stichhältig erscheint. Ungemein interessant war die folgende Rede des Herrn Torczyner durch ihre Enthüllung, dass die galizische Protestsammlung de* aus Pressburg stammenden Herrn Schreiber auf die Initiative der Schiffschul zurückzuführen war. Diese Behauptung wird durch Herrn Hofbauer bestätigt. (Sensation!) Unter allgemeiner Unruhe sprach dann noch Herr S p o r e r. Ueber Einladung des Präsidenten liest Dr. Landau die von ihm beantragte Resolution vor, welche lautet: „Die heutige Versammlung der galizischen Juden in Wien erklärt, dass sie die auf dem jüdischen Gemeindetage gegen die galizischen Juden von welcher Seite immer gefallenen Anwürfe auf das entschiedenste zurückweist. Gleichzeitig spricht sie dem jüdischen Volke in Galizien ihre wärmsten Sympathie aus." Diese Resolution wurde einstimmig angenommen, worauf der Präsident nach Mitternacht die Versammlung schloss. Es wäre zu wünschen, dass das in dieser Resolution ausgedrückte Selbstbewusstsein der galizischen Juden recht bald in der Schaffung einer Wiener Organisation seine Sanktion finde.