Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 11 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 11 galizischen Judentum, denn in ihm sei noch das Studium des Talmuds lebendig! Der fromme Mann träumt und lebt selber in der Vergangenheit. Er hat keine Ahnung, wie es heutzutage mit dem Studium des Talmuds bei uns bestellt ist. Die Zeiten, in denen hier der Talmud gepflegt, wo es nach Talmudgelehrte von Rang gab, sind leider ein für allemal vorüber, wenn auch Chedarim als morsche Trümmerhaufen fortwuchern. In dieser Hinsicht haben sich Galizien und Deutschland nichts mehr vorzuwerfen. Randbemerkungen zu den Verhandlungen des Jüdifdien Gemeindefages- Von einem Pädagogen. Wir waren bei diesen, von manchem überschwenglichen Redner geradezu als „historisch bedeutsam" bezeichneten Verhandlungen nicht anwesend. Denn wir gehören nicht zu den „Massgebenden" im österreichischen Israel. Doch als wir diese uns nicht gerade „bedeutsam" erscheinenden Debatten lasen, die weniger „historisch", als vielmehr kennzeichnend für den Geist zu sein schienen, der in unserem Judentum herrscht, kam uns eine alte Anekdote in den Sinn, die vor anderen Anekdoten, den Vorzug geniesst, wahr zu sein. Es war vor vielen Jahren, als die rituelle Frömmigkeit, die sich in dem Gegensätze von „koscher" und „trepha* äussert, noch in unserer Mitte auf ziemlich starken Beinen ruhte, der „Schul"-besuch an Sabbathen und Festen noch nicht zu den überwundenen Standpunkten gehörte, da erlaubte sich das Mitglied einer jüdischen Gemeinde, „liberalen", oder, wenn man will, „reformierteren" Anschauungen zu huldigen. Der Mann ass also „trepha", und entweihte den Sabbath. Nur den „Jom-kippur" hielt er heilig. An diesem Tage ergriff ihn die bleiche Furcht. So pochte er denn beim kleinen und grossen, alphabetisch geordneten Sündenbekenntnis mit Wucht an die sündige Brust. Wenn aber der Schopharton den mehr oder auch weniger Andächtigen Erlösung von allen Nöten des Versöhnungstages kündete, dann packte unser versöhnter Sünder seine sieben Sachen, Tallis, Kittel, dickbäuchigen Machsor zusammen und stiess den klassischen Ruf aus: „M'boh/ Es bleibt alles beim Alten". Dieses geflügelte Wort wollte mir, wie wenn es aus alten Zeiten herüberklänge in unsere Gegenwart, nicht aus dem Sinne, da ich die „historisch bedeutsamen" Debatten las, an denen sich unsere Vorsteher, sprich Advokaten, unsere Hirten, sprich Rabbiner, und unsere anderen Vertreter, Handelsleute, Fabrikanten, Liqueurerzeuger usw., gewiss sehr ehrenwerte Leute, aber schlechte Musikanten, sprich Politiker, beteiligten. Es wurde wieder einmal viel geredet, es wurde schön geredet. Man redete „geistreich Geistreich ist bei uns Trumpf. Aber „es bleibt beim Alten". Es braucht nicht versichert zu werden, dass dieses Gesetz weder morgen, noch in einigen Wochen, im Reichsgesetzblatte stehen wird. Da wird noch viel Wasser in der Donau abwärts strömen, ehe diese jüdische Gemeindeordnung ihre Sanktion erhalten wird. Wir sind auch nicht so optimistisch veranlagt, — das ist schon einmal unsere Untugend, — wie jener Vorsteher, der sich von den Antisemiten mehr erhofft, wie von den Deutsch-Fortschrittlichen. Er ist von der deutsch-fortschrittlichen Krankheit spät genug geheilt worden. Und wir sind der Meinung, diesem Gesetze wird derjenige keine Thräne nachweinen, der wünscht, dass das jüdische Volk sich Gesetze gebe. In den Tagen des allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrechtes von indrekten Wahlen sprechen, ist zumindest ein Anachronismus, manche nennen es Reaktion. * Dass die Schöpfer des vorgelegten Organisationsentwurfs keine guten Politiker sind, ersieht man schon daraus, weil sie sich darüber nicht klar wurden, dass ein religiöser Zusammenschluss des Judentums in Oesterreich unmöglich sei. Es musste doch diesen Herren einleuchten, wenn sie nur ein wenig Fühlung mit dem Volke hatten, dass sich orthodoxe Galizianer und die Wiener der Schiffschul' nicht werden in einen Bund zwängen lassen, in dem Leute das grosse Wort führen, die sich über die Gebote der Religion hinwegsetzen, wie sie die sogenannten „Klerikalen" im Judentum — übrigens eine schlecht gewählte Bezeichnung — auffassen. Wir verstehen es, wenn die „Schiffschulleute" in dieser Beziehung Garantien wünschen. Lächeln aber mussten wir doch über das Postulat dieser Zionswächter, „dass in die höchste Stelle des Bundes nur Personen kommen dürfen, die den Sabbath nicht übertreten und nicht „trephe" essen." Da müssten sich diese Protestierenden mehr als eine Diogeneslaterne anschaffen, um noch nach solchen Personen zu suchen, „die in die höchste Stelle des Bundes kommen sollen." . Das sind schon die rechten „Schulchan- Aruch-Leute." Die Vorsteher werden sich es nicht nehmen lassen, ihre Schabbes-Zigarre zu rauchen und ihren Dower-Acher zu essen. Wir sind ganz der Meinung des Wiener Oberrabbineis. „Einen traurigen Eindruck muss es machen, dass gegen die Neuordnung Einwände erhoben werden," aber wir verstehen diese Einwände, wir verstehen auch die Behauptung des Schiffschulvertreteis, dass er den Rabbinern Misstrauen entgenbringe. Wir wissen gut, was dieser ehrliche Mann sagen will. Es handelt sich auch nicht darum, „ob die Thora aus Polen oder Deutschland kommt" — eine sonderbare Unterscheidung, die da aufgestellt wurde; unseres Wissens kommt sie weder aus Polen, noch aus Deutschland — sondern es dreht sich die Frage, um den einzigen Punkt, ob eine Organisation, die sich eine religiöse nennt, auch die Sicherheit darbietet, dass die Religion, wie sie nun einmal von Hunderttausenden erfasst wird, keinen Schaden erleidet, wenn an der Spitze dieser Organisation Männer stehen, denen die Religion „ein Märchen aus uralten Zeiten ist." Denn man wird Mühe haben in vielen Gemeinden, deren Vertreter den Mund so voll nehmen, nach Männern zu suchen, denen es wirkliche Gewissenspflicht ist, das kostbare Gut der Religion zu wahren. Das ist unsere festeste Ueberzeugung. Darum ist eine Organisation des Judentums auf religiöser Grundlage, in Oesterreich wenigstens, und wir glauben, auch in anderen Ländern, ein totgeborenes Kind. Das können nur diejenigen leugnen, die keine Fühlung mit dem reliRiösen Leben unseres Volkes besitzen. Die manchmal, um eine „schöne" Predigt anzuhören, mit glänzenden Zylinderhüten geschmückt, der Synagoge die Ehre ihres Besuches erweisen. Man kann eben nicht katholische und protestantische Kircheneinrichtungen, Konsistorien und