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Neue Nationalzeitung · 1909-05-21 · Heft 11 (21.5.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 11 (21.5.1909)
Date
1909-05-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 „Neue Nattona^Zeitung« Seite 3 Was wollen die Rabbiner? Dass es sich aber tatsächlich um eine Machtfrage hier handelte, verriet auf den ersten Blick schon das Hereinspielen rabbinischer Herrschergelüste. Entgegen der Warnung unserer alten Weisen: „Liebe die Arbeit und hasse die Herrschaft", drängten sich Rabbiner heran, um auch ein Zipfelchen der zu kreidenden Machtsphäre erhaschen zu können, und Hessen sich nicht abweisen, obgleich ihnen die versammelten Gemeindevorstände in unzweideutiger Weise zu verstehen gegeben, dass sie hier nichts zu suchen hätten. Was haben auch Rabbiner da zu suchen, wo die Gemeinden sich zum Zwecke der Schaffung einer imposanten Vertretung nach aussen hin organisieren wollen? Ihr Feld ist ein ganz anderes. Sie sollen lernen, die Wissenschaft des Judentums, deren einzige Hüter sie heutzutage sind, pflegen, für seelische Erhebung sorgen und durch ihr den geistigen Gütern gewidmetes, dem Materialismus völlig abgekehrtes Leben Vorbilder ihrer Gemeinden sein. Dadurch werden sie weit mehr Einfluss auf dieselben gewinnen als durch Eroberung fragwürdiger, ihrem Amte nicht zustehender Rechte, welche die Reibungsfläche zwischen ihnen und der Gemeinde nur ins Masslose erweitern würden. Da erzählt uns Oberrabiner Güdemann, um uns zugunsten der Gewährung von Vorrechten an die Rabbiner zu .beeinflussen, eine lange Geschichte von seinem idealen Verhältnis zu seiner Gemeinde. Whl .können und wollen nicht beurteilen, ob seine Darstellung eine in alten Stücken objektive war, oder ob, um mit dem Dichter zu sprechen: „Was er weislich verschwieg, uns zeigt den Meister des Stils". Sie interessiert uns auch nicht im mindesten. Jede Gemeinde mag mit ihrem Rabbiner, den sie sich frei wählt und dem sie nach Gutdünken Rechte einräumen kann, auskommen, wie sie will. Aber der Obeirabbiner wollte die Gemeinden unter die Führung der Rabbiner gebracht wissen und bemerkte, um seine Empfehlung zu belegen, dass die Gemeinde Wiens in den letzten zwanzig Jahren unter seiner „Führung" gut gefahren sei. Ob das richtig? Einer von beiden ist sicherlich gut dabei gefahren. Dass es aber die Wiener Gemeinde, die nie vorher so wenig Leben, so wenig Anregung geboten als gerade in diesen letzten zwei Dezennien, nicht war, das steht ausser jedem Zweifel. Die Machtgelüste einer Minorität. Man hält also bei uns das Unterfangen der Wiener und Brünner Herren, die wir wenigstens kaum den Namen nach kennen: sämtliche jüdische Gemeinden Oesterreichs unter einen oder vielmehr unter ihren Hut zu bringen, für einen Versuch, eine Machtstellung im Judentum zu erlangen, und hält dies für eine umso größere Anmaßung, als hier eine verschwindende Minorität die Führerschaft über eine so gewaltige und kompakte Majorität an sich reißen will, um schließlich diese zu vergewaltigen. Und auf Herrschergelüste verstehen sich unsere gaiizischen Kahalsleutegar sehr und sind in diesen Dingen ebenso scharfsichtig als mißtrauisch. Sofort wurden die altberühmten Schlager hervorgeholt und in die Menge geschleudert. Die „orthodoxen" und die „fortschrittlichen" — beide Bezeichnungen hier identisch mit „politisch" — Machthaber wurden plötzlich eines Sinnes und beide schrieen aus voller Kehle: Gewalt! Gewalt! Gefahr! Gefahr! Die „fortschrittlichen" Polenfreunde gaben die Losung aas: der Friede mit den Polen ist bedroht! Die „orthodoxen" wieder: das galizische, ja das gesamte Judentum ist in Gefahr, Wien will die Religion erdrosseln! Und die Folge war eine Sturmflut von Protesten. Aber auch ernste, politisch indifferente und von Ehrsucht nicht angefressene Männer hierzulande urteilen hierüber nicht anders. Das Judentum in Oesterreich, sagen sie, ist vogelfrei, weil es als solches keine autoritative Vertretung besitzt. Dfe Schaffung einer solchen ist ein Ziel, das aufs innigste zu wünschen ist, und das, weil es dringend nötig, früher oder später, wenn auch freilich niGht durch diesen Gemeindetag und nicht in der Weise, wie er sichs vorstellt, verwirklicht werden wird. Wäre es — so kalkulieren sie — den Herren in Wien ernst um die Sache und nur um die Sache gewesen und hätten sie ausschließlich zu dem bezeichneten Zwecke den allgemeinen Gemeindeverband ins Leben rufen wollen; sie hätten, als sie wahrnahmen, daß sie selbst das Hindernis für dessen Zustandekommen bilden, vor die gaiizischen Gemeinden hintreten und also sprechen müssen: Lieben Brüder! Das Werk, das wir ernst bereiten wollen, die vitalsten Interessen des österreichischen Judentums erheischen sein endliches Erstehen. Da ihr aber, die ihr die weitüberwiegende Majorität bildet, nicht mit uns, der schwachen Minorität, gehen wollt, so wollen wir mit euch gehen. Nehmt es in die eigenen Hände, mag die Zentrale in Lem- % berg oder in Krakau sein, wir schließen uns euch an, um das Zustandekommen der Vereinigung nicht zu gefährden. So aber sprachen die Wiener Bundesherren nicht, sie schrieen vielmehr, mutig zurückweichend, wie die falsche Mutter in der Schrift, im Streite um das lebendige Kind vor dem Richterstuhl Salomos: „Kann ich's nicht haben, so sollst du's auch nicht haben; teilt es!" Und nun gingen sie hin und machten ein Gemeindebündlein, an dessen Spitze sie bleiben durften. Der Gemeindebund hat sich hier in seiner kläglichsten Schwäche gezeigt, in seiner ganzen Hilflosigkeit, altersmüde unfähig zu jeder Initiative: „Auf dem Dache sitzt ein Greis, Der sich nicht zu helfen weiß". Dieser Gemeindetag wollte sich die eine eiserne Hand und einen schöpferischen Kopf erheischende Vertretung des gesamten österreichischen Judentums usurpieren! Wer lacht da nicht! Und zu diesem Gemeindetag gingen unsere im „Jüdischen Klub" vertretenen Zionisten betteln, enthüllten vor ihm ihre Blößen, um Hilfe flehend, ausrufend: „Ihr dürft uns nicht fallen lassen!" Hat man bei uns nicht allen Grund zu lachen und zu lachen? Galizien und Deutschland. Auch der Bruderstreit zwischen dem konservativen Oberrabbiner und dem orthodoxen Rabbiner von der Schiffschul über die deutschen und gaiizischen talmudischen Kapazitäten entbehrte nicht der Originalität. Der Oberrabbiner wies auf die großen und verdienstvollen Talmudgelehrten Deutschlands vergangener Jahrhunderte hin, während der Schiffschul- Rabbiner „für das Gehabte nichts gibt". Das Vergangene, meinte er, sei vergangen, die Lebenden interessiere die Gegenwart, und diese gehöre dem

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