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Neue Nationalzeitung · 1909-05-21 · Heft 11 (21.5.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 11 (21.5.1909)
Date
1909-05-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. „Neue National-Zeitung" Nr. 11. fristen unter diesem Zeichen ihre Existenzberechtigung. Galizien! war auch die Losung des „Gerneindebundes," der Zeit genug hatte, unsere Verhältnisse zu studieren und unsere Gemeinden für das ideale Ziel der Einheit und des Zusammengehörigkeitsbewusstseins zu erziehen und zu erwärmen. Er hat aber die lange Zeit nicht im mindesten ausgenützt und scheiterte an zwei Klippen: an der Unkenntnis unserer Verhältnisse und an dem Mangel an Mut, den hier unbedingt nötigen Kampf aufzunehmen. Wenn nun die sonstigen „Hilfsvereine" . die Dinge bei uns verkehrt anpacken und oft mehr Schaden als'Nutzen stiften, so ist das verständlich, wenn auch unverzeihlich. Unerfindlich bleibt es aber, wieder Präsident des Gemeindebundes, der doch seit Jahrzehnten auch Vizepräsident der Isr. Allianz ist, so unerfahren, naiv und blind in die des Schweisses der Edlen würdige, freilich durch billige Loyalitätskundgebungen allein keineswegs durchzuführende Aktion sich stürzen konntet Lernen denn, um des Himmelswillen diese Leute gar nichts? Wozu sitzt man denn so viele Jahre im Zentrum des jüdischen Lebens, präsidiert einer Gemeinde, präsidiert einem Gemeindebund, vizepräsidiert einer Allianz? Ich will mich verständlicher machen, indem ich eine alte Reminiszenz feiere. Vor dreissig Jahren. Es war vor dreissig Jahren. Die Israelitische Allianz zu Wien war gegründet und ich ging hier in Lemberg mit einigen jungen gleichaltrigen und völlig unabhängigenLeuten daran, eine Filiale der Wiener Allianz zu gründen. Darob tiefste Entrüstung seitens des Vereins „Schomer Israel", den Dr. Byk schon früher, da er sich für seine politische Karriere vorzubereiten anfing, ins Leben gerufen hatte. Dieser „Wächter Israels", dessen einziges Verdienst darin bestand, dass er den in tiefsten Schlaf versunkenen „Chasidismus"aufrüttelte und Leuten vom Schlage eines mit Protesten hausierenden Schreiber aus Drohobycz- Pressburg die Möglichkeit verschaffte, einen Gegenverein „Zum Schutze des bedrohten Gesetzes" zu bilden, spielte sich als die Vertretung des fortschrittlichen galizischen Judentums auf: der Frosch in der Fabel, der sich zum Zerplatzen aufblähte, um die Gestalt des Kalbes anzunehmen. — Die Wühlereien des „Schomer" gegen unser Unternehmen genierten uns nicht. Und als wir eine entsprechende Anzahl von Mitgliedern gewonnen hatten, wandten wir uns an die Allianz um statutengemässe Bewilligung der Filiale. Die Genehmigung Hess auf sich warten. Denn inzwischen hatte Dr. Byk an den Reichsratsabgeordneten Dr. Ignatz Kuranda, den Vizepräsidenten der Allianz, ein Schreiben gerichtet, in welchem er vor der Gefahr warnte, die der galizischen Judenschaft durch Gründung einer Filiale der Isr. Allianz in Lemberg drohe. Die Polen würden darin eine Germaniserungsabsicht erblicken und der Friede mit ihnen würde arg gefährdet. Ueberbies komme die Allianz mit ihren Kulturbestrebungen zu spät nach Galizien. Dies besorge bereits vortrefflich der „Schomer" und sie würde dessen Kreise nur stören, ohne selbst Boden gewinnen zu können. So und ähnlich die Ausführungen Byks und die Herren in Wien trauten ihm aufs Wort und zögerten, die verlangte Filialgründung zu bewilligen. Wertheimer und Kuranda Ober Galizien. Da führte mich zur selben Zeit eine Geschäftsreise nach Wien und ich besuchte r'en Präsidenten der Allianz, Herrn Josef Ritter von Wertheimer. Ich setzte ihm die Dinge auseinander, schilderte die desolaten galizischen Zustände, das Strebertum in Lemberg und zeigte ihm, welch unermesslich weites Feld der Tätigkeit sich hier der Allianz eröffne. Er fing Feuer und trotz seiner achtzig Jahre begeisterte er sich wie ein Jüngling für unsere Sache und erklärte, auch schwere Kämpfe nicht zu scheuen. Weniger jugendlich, obgleich jünger, und weniger kampffreudig zeigten sich die beiden Vizepräsidenten Dr. Kuranda und Dr. Komper t. Die Allianz, meinten sie, wolle ja gern in das galizische Dunkel hineinleuchten; allein sie dürfe nicht die Fackel der Zwietracht in die Gemeinden tragen u. s. w. Schliesslich erklärten sie auf meine eindringlichen Vorstellungen, dass sie zwar unter den gegebenen Verhältnissen persönlich nicht für die Filialgründung sich erwärmen könnten, dass sie aber ihrerseits das Plenum in seinem Entschlüsse nicht beeinflussen werden. Es dauerte nicht lange und die Filiale der Allianz trat, freilich unter schrillem und ohrenbetäubendem Lärm seitens des verflossenen „Israelit", des Organs des „Schomer Israel", oder richtiger, des Dr. Byk, ins Leben. Allmälig begann die Allianz in Galizien Fuss zu fassen und gründete, unbeirrt durch das Geschrei der polnischen Blätter, die gegen die „Germanisierungspläne" der Allianz wetterten, Schulen, welche dermassen gediehen, dass sie die Aufmerksamkeit des Baron Hirsch erregten und ihm den An sporn zu seinen grossen galizischen Stiftungen gaben Das alles scheint der Vizepräsident der Allianz und nebenbei noch zweifacher Präsident nicht gewußt, oder infolge der 2ahlreichen, sein Gedächtnis schwer belastenden Ehrenstellen schon vergessen zu haben. Wir empfehlen ihm die Lektüre der damaligen Nummern des Lemberger „Israelit", damit er sehe, unter welchen Kämpfen und Widerwärtigkeiten seitens der eigenen Glaubensgenossen und nicht zum wenigsten seitens der Kahalsmächtigen die Allianz siegreich von Schule zu Schule vordrang. Würde er das alles gewusst haben, er wü de nicht so kläglich unvorbereitet an die Gründung eines allgem jüd -österr. Gemeindebundes geschritten sein und sich auch nicht durch einen blinden Feuerlärm ins Boxhorn haben jagen lassen. Andererseits darf diese einmütige ablehnende Haltung der galizischen Gemeinden in dem gegebenen Falle nicht missdeutet werden. Sie war, sieht man näher zu, nicht unbegründet. Unter den galizischen Gemeindevorstehern erblickten die einen klar, die anderen unbewußt in dem Beginnen der Wiener Herren, deren hervorragende Leistungen auf jüdischem Gebiete ihnen völlig unbekannt sind, das Auftauchen eines ganz unberechtigten Willens zur Macht, der ihrem eigenen Machtwillen verhängnisvoll werden konnte, worauf ja auch die Zionisten des Gemeindetages bestimmt rechneten. Daher der einmütige Widerstand. Und da kann das ewige Gesalbader von dem Frieden, von dem Frieden um jeden Preis, von dem Frieden, „wo", wie der Prophet sagt, in Wahrheit „kein Friede ist", nicht verfangen, zumal nirgends die starke und imponierende Rüstung sichtbar ist, die den Frieden erringen und dauernd befestigen kann.

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