Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 11 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NEÜ5 WCIONßL-ZEfCUNG RERflüS6ßB2K: DrS^LNNÖ8ü XI. JHHR6HNG. WIEN, 21. MHI 1909. Nr. 11. Epilog zum jüdischen Gemeindetag.*) (Historische Reminiscenzen) Lemberg-, 10. Mai Was man bei uns in Galizien über die Tragikomödie des Wiener Oemeindetages spricht? Man spricht gar nichts. Man lacht. Man lacht und lacht und kommt vor lauter Lachen n'cht zu Wort. Man lacl'.t in allen jüdischen, ja sogar in gewissen polnischen Kreisen. Ein jüdisch-österreichischer Gemeindebund mit Ausschluss von Galizien! Das leibhafte Lichtenberg'sche Messer ohne Stiel, dem die Klinge fehlt! Zehn Jahre Gemeindebund, um schliesslich zu einem solchen unmöglichen Resultat zu gelangen. Nach den ewigen Vorbereitungen und Präludien in den Zeitungen war man gespannt auf die endliche Finalisrefung des gross gedachten Werkes; und der kreisende Berg gebar unter Aechzen und Krächzen ein Mäuslein. Wie, so* fragt man sich erstaunt, waren die Herren in Wien über unsere galizischen Verhältnisse und über die in Bezug auf den allgemeinen Bund hier herrschende Stimmung unterrichtet, oder nicht? Waren sie unterrichtet, so war es eine Leichtfertigkeit, so völlig unvorbereitet in eine chaotische Aktion zu treten und das bedeutsame Werk auf unabsehbare Zeit zu diskreditieren; waren sie es nicht, dann ist die Blamage eine um so grössere. Der Protestsammler aus Pressburg. Ist es wohl erhört, dass man an die Kreirung eines allgemeinen jüdisch-österreichischen Gemeindebundes geht, ohne vorher mit dem Hauptpaziszenten sich gründlich auseinandergesetzt und verständigt zu haben? Und das ist in Wahrheit geschehen. Denn vor diesem Galizien, um dessentwillen und zu dessen *) Wir erhalten diesen Aufsatz von einer den politischen Tageskätnpfen fernstehenden, um die Juden in Galizien hochverdienten Persönlichkeit. Wenn wir auch nicht mit allen Ausführungen einverstanden sind, so haften wir es dennoch für eine Pflicht der Objektivität, diesem höchst interessanten Artikel Raum zu geben. Anm. d. Red. Heile eigentlich der Bund ins Leben gerufen, für welches und durch welches alles gemacht werden sollte, ergriff man die Flucht, bevor man noch zur Beratung schritt. Ein Drohobyczer Männlein, namens Schreiber, der nicht einmal ein Galizianer, sondern ein geborener Ungar ist, und der zugunsten seiner Person nichts weiter geltend machen kann, als dass er ein Abkömmling von Stamme derer von Pressburg ist, brauchte nur zu erseneinen und einige Schock wie Brombeeren billiger Proteste aus dem Gewände hervorzuholen — und die Flucht in Camera caritatis war fertig. Hat man aber schon so verhängnisvolle Fehler begangen, dann darf nicht, wofern man die Mission in sich verspürt, sich an die Spitze einer so bedeutsamen, Kampfesmut und Kampfesfrische erfordernden Organisation zu stellen, so Knall und Fall die Flinte ins Korn werfen und sich nicht bei der fragwürdigen Ausrede beruhigen, die Proteste seien nicht echt und man könne leicht ebensoviele Antiproteste aufbringen. Ja, warum hatte man denn nicht vorher solche Massenkundgebungen aus Galizien zu guns'en des Wiener Gemeindetags herbeigeschaft und auf diese gestützt den Kampf gegen die widerstrebenden Elemente aufgenommen? Es mag ja sein, und sicherlich kommt es nicht immer vor, dass bei uns von dem Gemeindesiegel der idealste Gebrauch gemacht wird; aber gegenüber einer solch einmütigen Absentierung und Absage sämtlicher galizischer Gemeinden ist dies, gelinde gesprochen, eine recht faule Ausrede Noch wro möglich fauler die Phrase, die den Rückzug deckeu sollte: „Wir machens allein; die Galizianer werden schon nachkommen". Nein, sie werden nicht nachkommen. Ganz im Gegenteil: sie erwarten vielmehr zuversichtlich, dass die denkträge und lebensmüde Wiener Judenschaft ihnen nachkommen werde. Galizien und nichts als Galizien! Das ist die Losung sämtlicher jüdischer Hilfsvereine und diese