Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 10 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. GEORGES CLEMENCEAU:*) Gideon im Grabe. Die Krakauer Tuchhallen (Sukiennice**) denken noch an den reichen Gideon, den Sohn des Manasse, der auf dem Gebiete der Schnittwaren geglänzt hat und durch Gottes Gnade in ein besseres Jenseits beschieden wurde. Denn nicht bloss durch sein Glück wurde Gideon weit bekannt. Man hielt ihn auch allgemein für einen „Charakter"; dieser Mann hatte vom Himmel ein Füllhorn von Eigenschaften erhalten — von guten und schlechten — die sich in merkwürdiger Weise das Gleichgewicht hielten und die ihn aus dem Pöbel hervorhoben. Gideon wrar von angenehmem, jovialem Exterieur, mit entsprechendem Embonpoint und einem rosig weissen Gesicht, aus dem zwei grosse blaue, milde Augen herausleuchteten und seinen Worten, ob sie nun beim Gebet oder beim Geschäft gesprochen wurden, einen edeln Anstrich gaben. Als frommer Jude trug er natürlich einen langen Kaftan, unter dem die wollenen Schaufäden verdeckt waren. Zwischen dem graumelierten Haupthaar und dem langen, seidenen Bart, der noch nie von einem Schermesser berührt worden war, hingen zwei längliche Stirnlöckchen herab, jene kabbalistischen Wahrzeichen, welche nach dem Befehle Jehowas an den Schläfen seiner Getreuen herumbaumeln müssen. Wenn sich Gideon mit seinem Cylinder von tadelloser Schwärze unter dem Gewölbe der Tuchhallen zeigte, da trat eine feierliche Stille ein und alle Anwesenden richteten ihre Blicke auf seinen sauberen langen Rock, der je nach der Jahreszeit aus Tuch oder Seide war. Doch glaubet nicht, dass diese Achtung so ganz plötzlich entstanden ist, Sie war das Produkt langwieriger und stets glücklicher Unternehmungen. Gideon pflegte an jede Kombination erst nach mühsamen Spekulationen zu schreiten, nachdem er alle Chancen, die günstigen und ungünstigen, auf die Wagschale gelegt hatte. Manasse hatte ein nicht allzugrosses Kapital im Handel mit alten Kleidern erworben. Und es ist bekannt, dass die „alten Kleider" der polnischen Juden zu einer Zeit noch neu sind, wenn sie die übrige Bevölkerung nicht tragen kann. Bei einem solchen Geschäfte lässt sich allerdings nicht viel verdienen. Gideon entschloss sich daher nach dem Tode seines Vaters, dessen Geschäft zu verkaufen und sich in einem sehr bescheidenen Laden der Tuchhallen zu etablieren. *) Der gegenwärtige französische Minister-Präsident hat jüngst eine Novellen-Sammlung veröffentlicht, der wir obige an feiner Beobachtung der polnischen Juden reiche Skizze entnehmen. In der Nr. 51 des Jhrg. 1907 dieses Blattes hatten unsere Leser bereits Gelegenheit, eine Studie Clemenceaus über „Die Juden" zu lesen. Antn. d. Red. **) Ein großes, inmitten des Ringplatzes sich erhebendes Gebäude, welches im 13. Jahrhunderte erbaut, 1879 restauriert, in seinem Stockwerke für das polnische Nationalmuseum bestimmt ist, während im Parterre eine Reihe von Geschäften an zwei Frontseiten und kleinere Läden in der Passage sich befinden. Anm. d. Red. Dort schenkte man ihm anfangs sehr wenig Aufmerksamkeit. Ein Laden in diesem Gebäude gleicht einem einfachen Kasten mit drei Fächern. Die Türen zu beiden Seiten sind als Auslage bestimmt. Der Eigentümer pflegt in der Mitte auf einem Fauteuil den Platz einzunehmen und jeden der Vorübergehenden durch einen Sturm von Argumenten zum Kaufe einzuladen. Gideon, der nunmehr die schwarze Höhle mit dem Haufen Fetzen hinter sich hatte, glaubte hier in einem königlichen Palast zu sein. Er breitete vor den Passanten seine grellen Seidenwaren aus und zog dieselben damit an. Die andern pflegten die Passanten zu belästigen. Seine bescheidene Ausstellung wurde vom Publikum aufgesucht. Hier wird es am billigsten sein glaubten die Leute — und fielen hinein. Damit war seine Zukunft gemacht. Zwanzig Jahre später galt Gideon als reich, er hatte Weib und Kind und hauste noch in seinem kleinen Laden unter den geräuschvollen Arkaden, die er nicht verlassen wollte. Er selbst zeigte sich hier sehr selten, denn er war bereits mit seinen grossen Transaktionen, die er in der Stille schlafloser N ächte erdachte, beschäftigt. Rachel und ihre zwei Söhne Daniel und athan waren seine Repräsentanten in den Tuchhallen. Er selbst erschien nur für kurze Zeit, um sich zu informieren. Er pflegte dann an den Markttagen mit den Bauern zu feilschen. Das Verhalten Gideons erregt die Bewunderung aller. Wie sollte man ihn denn nicht loben, ihn, der den Schulen, Bethäusern, Spitälern seine Spenden zukommen I/ess. Gideon war eine Doppelnatur, wie wir alle. Bei seinen Geschäften liess sich seine geldgierige Natur keinen Groschen abhandeln. „Ich arbeite ja nicht für mich!" pflegte er zu sagen — „sondern für die Armen." Dies war auch richtig. Man schämte sich also mit dem Wohltäter allzusehr zu feilschen. Man ging gewöhnlich auf seinen guten Humor und auf seine schönen Worte ein; schliesslich war man ja nicht betrogen, denn Gideon war als Sieger im harten Kampfe ums Dasein gern geneigt,„dem Besiegten die brüderliche Hand zu reichen. Ähnlich, wie jene amerikanischen Milliardäre, deren ungeheure Reichtümer auf den Ruinen ihrer Umgebung entstanden sind und die jeden Passanten mit der Frage belästigen, welchen menschenfreundlichen Gebrauch sie von ihrem Gelde machen sollen. Carnegie, dieser dumme Menschenfresser, der die Leute an den Strassenecken aufhält, erhielt einmal, wie ich weiss, auf die Frage, was er mit seinem Gelde machen soll, die Antwort: Denjenigen zurückgeben, denen Du es genommen hast. Gideon betrachtete allerdings die Frage nicht von diesem Gesichtspunkte. Es fiel ihm nicht ein, jemand um einen Rat zu bitten, sei es beim Geldverdienen oder Geldausgeben. Neben dem Handel gab es für ihn nur noch ein Leitmotiv: die Religion. Die Poesie des Judentums beherrschte ihn mit einem Feuereifer. Seine guten Taten waren nur die gewöhliche Konsequenz dieser Weltanschauung. Sein Hauptziel war die Verwirklichung des Gesetzes.