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Neue Nationalzeitung · 1909-05-07 · Heft 10 (7.5.1909) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 10 (7.5.1909)
Date
1909-05-07
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Se\te 8 „Neue Nation ^1-Zeitung" Nr. 10 dem Vorsteher des assimilatorischen Goldmann-Vereines, ein Dorn im Auge und sie lassen kein Mittel unversucht, um den Verein und dessen Mitglieder moralisch und materiell zu vernichten. So klagte der Inhaber eines Cheder und zugleich Mitglied des Goldmann-Vereines namens Stup das Mitglied des Unterstützungsvereines Mund wegen Ehrenbeleidigung. Vor der Verhandlung söhnten sich die beiden Herren aus und erschienen nicht zur Tagsatzung. Dem Herrn Melzer reichte jedoch diese Ausöhnung nicht aus und er Hess den Stup zu sich vorladen, um dennoch in die Verhandlung einzugehen. Auf dessen Bemerkung, dass er sich doch mit seinem Gegner ausgesöhnt hat, antwortete der Herr Richter: „Es macht nichts, es wird ein neuer Termin anberaumt." Der Richter Melzer ruiniert einen Unschuldigen. Ein zweiter Fall, der viel gemeiner und niederträcht;ger war, weil eine ganze Familie dadurch in Elend und Not getrieben wurde, ist der folgende: Der Musikalienhändler in Zaleszczyki, Wolf Schächter, Mitglied des Unterstützungsvereines, klagte das Bahnärar auf Ersatz einer ihm abhanden gekommenen Kiste mit Musikinstrumenten. Das Bahnärar glaubte, dass hier ein Betrug vorliege und erstattete eine Strafanzeige. Melzer, wieder einnmal froh, einen politischen Gegner in seine Netze hineinbekommen zu haben, Hess den Mann verhaften und behandelte ihn wie den ärgsten Verbrecher. Er hielt ihn durch 3 /, Mon ate in Untersuchungshaft, verweigerte ihm seine Zelle beim grössten Frost beheizen zu lassen und erreichte auch, was er erreichen wollte. Er richtete den Mann zugrunde. Allerdings stellte sich heraus, dass die BetrugsbeschuldiKiing ungerechtfertigt war und das Bahnärar musste auch den vollen Schaden gut machen, aber Schächter selbst war dem geschäftlichen Ruin ausgesetzt. Der Richter Melzer treibt einen Greis zum Selbstmord. Der dritte Fall den Herr Melzer auf seinen Gewissen hat, ist so grauenerregend und barbarisch, dass einem das Blut vor Empörung und Entrüstung in Wallung gerät. Was er hier begangen, ist ein gewöhnlicher Mord an einem wehrlosen, fünf undsiebzigjä hrigen Greise. Der Fall trug sich folgendermassen zu: Am 15. April 1909 kam der Kolomeaer Porzellanhändler Rosenblatt zur Einhebung einer Schuld von 145 K vom Zaleszczykier Klempner Luser Apfelbaum. Apfebaum bat den Porzellanhändler, ihm einige Zeit noch die Schuld zu stunden. Die Eintreiber des Bürgermeisters Blutreich, die sattsam bekannten Korruptionisten Haffner und Alter Hirsch, beredeten jedoch den Mann, zum Dr. Blutreich hinzugehen. Auf dessen Zureden machte der Mann eine Fluchtverdachtsanzeige, die von Hirsch gefertigt und von Blutreich bestätigt war. Diese Anzeige war gegen Apfelbaum, dessen Frau und seinen Schwiegervater, den fünfundsiebzigjährigen Kürschnermeister Mordche Scheitel gerichtet. Die beiden ersteren waren beschuldigt, bereits geflüchtet zu sein, der letztere ihnen bei der Flucht geholfen zu haben. Diese Angaben waren zwar falsch, aber ihren Zweck haben sie doch erreicht. Apfelbaum, der von dieser Anzeige durch eine vertraute Person erfahren hat, ergriff mit seiner Frau die Flucht, weil er das Schicksal seines Gesinnungsgenossen Schächter fürchtete, der alte Mordche Scheitel wurde verhaftet und in Untersuchungshaft gesteckt. Bei seiner Einvernahme fragte ihn der Herr Strafrichter Melzer, ob er vielleicht nach Palästina gehen möchte. Der alte, frommgläubige Mann, dem das Sterben auf geweihtem palästinischen Boden eine lang gehegte Sehnsucht war, antwortete bejahend. Auf Grund dieser Aussage wurde der Greis zurückbehalten (wegen Fluchtverdacht! Anm. d. Red.). Tags darauf liess sich der alte, gebrochene Mann vor den Richter Melzer bringen und fragte ihn, weshalb er eigentlich zurückgehalten werde, da er doch als Hauseigentümer und leidlich vermögender Mann mit Hab und Gut für seine Person einstehe. Darauf antwortete Herr Melzer: „Ich werde Sie solange eingesperrt halten, bis Sie mir sagen, wo sich Ihr Schwiegersohn befindet." Der alte Mann war durch diese Antwort so aufgebracht, dass er in seine Zeile zurückkehrte und sich dort am Fenster erhängte..... So endete das Leben eines ehrlichen, braven Mannes, der Zeit seines Lebens niemals irgend etwas mit den Gericnten zu tun hatte. Und dies alles, weil Apfelbaum einflussreiches Ausschussmitglied des Unterstützungsvereines war und namentlich unter den Handwerkern bedeutenden Einfluss hatte. Ueber diese Tat des Herrn Melzer war der Gerichtsvorsteher von Zaleszczyki aufs äusserste empört und er soll auch den Haftbefehl gegen den Greis nicht gefertigt haben. Dies tat der Herr Atelzer auf eigene Verantwortung! „Patriotische" Gauner dürfen davonlaufen. Es erübrigt noch einiges zu sagen, wie Herr Melzer sich gegenüber den Mitgliedern seines Vereines benimmt. Das Mitglied des Goldmann-Vereines Flächner, kehrte vor einiger Zeit aus Amerika zurück und etablierte sich als Kaufmann. Nach einem Jahre war er-bankerott. Di e Gläubiger, die in dem Manne einen Betrüger sa^en, machten Fluchtverdachtsanzeigen {und baten um dessen Inn ftnahme. Herr Melzer aber erklärte: „Bedaure lebhaft, dieses nicht tun zu können." Und der Mann flüchte te tatsächlich. Ein auderer Fall. Das Mitglied des Goldmann ' Vereines Mechel Krämer war daran, einen betrügerische<s\ Bankerott zu machen. Auch hier baten die Gläubiger um Verhaftung, was aber Herr Melzer ablehnte, um ihm auf diese Weise zur Flucht zu verhelfen. Un nun erlauben sich die Gefeitigten an Seine Exzellenz die Anfrage: 1. Sind Seiner Exzellenz diese Vorfälle bekannt? 2. Ist seine Exzellenz geneigt, gegen Herrn Slrafrichter Melzer die Untersuchung wegen seines geradezu verbrecherischen Vorgehens einzuleiten? 3. Was gedenken Euer Exzellenz zu unternehmen, um die Justiz vor dieser Depravierung und dem Hineinzerren politischer Hetzereien in die Rechtspflege zu schützen?" Herr Samuel Melzer hat seinen Beruf verfehlt. Er hätte Henker werden sollen. Das Fiasko der galizischen Itandes» konferenz. Von Moses Horowitz (Delegierter von Zaleszczyki.) Hat diese Landeskonferenz die Delegierten befriedigt, hat sie die zionistische Idee in Oalizien um einen Schritt weiter gebracht? Nein! Aus dem Berichte des Parteisekretärs, welcher Bericht einem Nekrologe der scheidenden Parteileitung ähnelte, war zu entnehmen, dass von einer bisherigen Tätigkeit im zionistischen oder politischen Sinne keine Rede sein kann. Der Grund? „Wegen mangelnder materieller Mittel". Wie konnte die Landeskonferenz befriedigen, wenn über das Thema Organisation und Agitation gar nicht beraten wurde. Die Organisation, also die Seele einer jeden Partei, ist den Herren in Lemberg Nebensache. Statt eine einheitliche Organisation anzustreben, die sowohl für die materiellen Mittel als auch für Volksaufklärung zu sorgen hätte, überlassen die Lemberger Herren die Organisation dem Zufalle. Die Parteileitung lässt sich so für den Bericht der nächsten Konferenz ein Hintertürchen, um ihre Unbeholfenheit beschönigen zu können : „Wir hatten keine materielle Unterstützung von der Provinz " Um dem Zionismus näher zu kommen, ist in erster Linie notwendig, das nationale Oefühl und das Selbstbewusstsein im jüdischen Volke zu heben und zu stärken. Um dieses Ziel zu erreichen und aus der zionistischen Bewegung eine wahrhafte Volksbewegung zu machen, muss man die Massen des jüdischen Volkes gewinnen, sowohl den kleinen Mann wie auch den jüdischen Arbeiter. Die Volksmasse ist nicht assimiliert, wie zum grössten Teile die jüdische Intelligenz, die Masse schämt sich ihres Judentums und ihrer Sprache nicht, denn sie ist national gesinnt. Dieser muss blos erklärt werden, dass ihr Schicksal lediglich in ihren eigenen Händen liegt, ihr muss klar gelegt werden, dass das Ideal der jüdischen Freiheit nur auf Grund der gesamten Volkskraft erlangt werden kann. Will man das Volk gewinnen, dann muss in dessen Sprache, d. i. J i d d i s c h, zu ihm gesprochen werden; soll die zionistische Idee gedeihen, so muss sie im Herzen des Volkes fussen Soll sie eine wahre Volksbewegung werden, dann muss ihr der Bourgeois-Charakter entzogen, dann muss das polnisch assimilierte Zionistentum eliminiert werden.

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