Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 10 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 10 „Neue National-Zeitung" Seite 5 massgebenden Stellen niemals angezweifelt worden ist. Jn fast allen zivilisierten Staaten bekleiden Juden die höchsten Chargen in Armee und Marine. In Deutschland, dem Lande der allgemeinen Wehrpflicht, sind sie mit ihren christlichen Kameraden nicht gleichberechtigt, sind sie Bürger zweiter Klasse. Welch beschämendes, niederdrückendes Gefühl muss die Juden beherrschen, die zu allen Lasten des Staates beitragen, auch die Blutsteuer entri.hten, ohne dass ihnen die verfassungsmässig gewährleisteten Rechte zuteil werden. Ob die jüngsten Erklärungen des Kriegsministers im Reichstag, welche einen Geist des Entgegenkommens zu atmen schienen, eine neue Aera einzuleiten bestimmt sind, bleibt abzuwarten. Mindestens von derselben Wichtigkeit aber, wie die Frage der Beförderung der Juden, ist die Frage ihrer Behandlung in der Armee. Klagen über Zurücksetzung und schlechte Behandlung jüdischer Soldaten lediglich wegen ihrer Konfession bezw. ihrer Abstammung sind schon wiederholt in der Presse wie im Parlament der Kritik unterworfen worden. Dem Fall Bloch aber kommt eine exzeptionelle Bedeutung zu, weil er, wie kein anderer vorher, die Situation in geradezu unheimlicher Weise beleuchtet". Gegen obiges Urteil haben sowohl die Anklagebehörde als auch der so äusserst milde bestrafte Angeklagte Berufung eingelegt. Die Verhandlung wird in drei oder vier Wochen stattfinden. Uebrigens hat auch der Gefreite Soister, dessen Aussage im ersten Prozess den Angeklagten belastete, gegen seine wegen angeblicher Unglaubwürdigkeit erfolgte Nichtvereidigung Protest eingelegt und neue Zeugen zum Beweise der Wahrheit seiner Behauptungen angeboten. per jüdische Gemeindetag. (Eine Gesamtorganisation der Juden in Oesterreich.) W i e n, 5. Mai. Ungefähr 100 Personen hatten sich gestern im Sitzungssäle des Kultusvorstandes versammelt, um der Einladung des Bundes folgend, a i der Beratung eines Gesetzentwurfes zur Schaffung einer Zwangsorganisation sämtlicher österre ichischen Kultusgemeinden teilzunehmen. Unter den Anwesenden befanden sich: Aus Wien das Präsidium der Kultusgeme.nde (Dr. Stern und Dr. Gustav K o Im) sowie die Kultusvorsteher Dr. Leop. Kohn, Dr. Spitzer und Schramek; vom Rabbinate die Herren Obeirabbiner Dr. Oüdemann, Rabbiner Dr Schmie dl, Dr. Rosenmann, Dr. Feuchtwang, Dr. Mandl; schliesslich von der Schiffschul die Heiren Rabbiner Fürst, Bernhard Hof baue r und Wolf Pappenheim. Von auswärts fanden sich u. A. ein: Dr. F i a 11 a (Brünn), Dr. Sonnenschein und Dr. Wolff (Troppau), Dr. Reach (Gaya), Dr. Schanzer (Pilsen), Dr. Schneeweiss (Linz), Dr. Körner (Göding), Abel es (Mistelbach), Dr. Lamberg(Friedek-Mistek), Dr. Grün e r (Neunkirchen) u. A. Ueberdies erschienen die Mitglieder des Jüdischen Klubs, sowie zu Beginn der Versammlung Abg. Hofrat K u r a n d a. Aus Galizien fand sich kein einziger Gemeindevertreter ein. Man hatte den Eindruck, dass hier ein demonstrativer Boykott seitens der galizischen Kultusgemeinden vorliege. Galizien war auch das Gespenst, welches während der Beratungen des ersten Tages im Saa'e herumspukte; den Judengemeinden Galiziens, ihrer Eigenart und ihrem passiven Verhalten war auch ein grosser, ja der erregteste Teil der Debatte gewidmet. Erster Beratungstag. Dr. Alfred Stern eröffnet als Präsident des Bundes die Sitzun^} indem er die Versammlung begrüsst und den Zweck des Bundestages unter Hinweis auf die geschichtliche Entwicklung der Judenorganisation in Oester/eich darlegt. In formeller Beziehung betont er, dass nur Vertreter der Kultusgemeinden, die selbst Kultusvorsteher sind, weiters Rabbiner und Reichsratsabgeordnete das Wort ergreifen dürfen, ein Standpunkt, von dem im Lau e der Ver ammlung wiederholt abgewiechen wurde. Weiters wmtie über den Antrag des Vorsitzenden der Beschluss gefasst, an den Friedenskaiser ein Huldi^'iingstelegramm abzusenden. Der Kultusvorstand von Krakau lehnt ab. Es wurde dann, nachdem die Herren Dr. Fialla und Dr. Schanzer mit der Vertretung des Präsidenten betraut wurden, mit der Vorlesung des Einlaufes begonnen. In demselben befanden sich einige Entschuldigungsschreiben nicht erschienener Delegierter, eine Eingabe des Kantorenvereines mit dem Ersuchen um Zulassung seiner Mitglieder zur Teilnahme an den Arbeiten der Landesverbände, sowie schliesslich eine demonstrative Absage des Kultusvorstandes von Krakau, dessen Begründung das Erstaunen der Versammlung hervorrief. In diesem Schreiben stellt sich der Krakauer Kultusvorstand auf den Standpunkt, dass er allerdings geneigt wäre, sich an den Arbeiten eines Gemeindebundes zu beteiligen, dass er es aber ablehne, einer Zwangsorganisation beizutreten, weil dieselbe von der Regierung nicht genehmigt werden würde und überdies die orthodoxe Strömung im Lande die in Aussic' t genommene Zwangsorganisation wegen der befürchteten Einflussnahme auf religiöse und rituelle Fragen perhorresziere. Der Krakauer Kultusvorstad war der einzige in Galizien, der überhaupt auf die Einladung reagierte. Die meisten anderen, u. zw. 227 galizische Kultusgemeinden haben über Bet eiben eines gewissen Sehreiber aus Drohobyez ge:en diese geplante Organisation Proteste ausgefertigt, die morgen von Herrn Schreiber ans Kultusministerium überreicht weiden sollen. Auf diese Proteste kommen wir noch später zu sprechen. Die Generaldebatte. Referent Dr. Sonnenschein leitet die Generaldebatte sehr kurz ein und meint, es handle sich h-ute nicht mehr um das Prinzip, sondern um die Form der Organisation Bernhard Hofbauer (Vertreter der freien orthodoxen Vereinigung) spricht sich gegen die Organisation, die nichts anderes als eine Konsistorialverfassung sei, ais. Er meint, uer heutige Tag sei von historischei Bedeutung, weil die Kultusgemeinden bisher alle einig gewesen sind, während sie jetzt in eine Zwangslage gebracht werden. Steiner (Kolin) verlangt als heisser Tscheche aus praktischen Erwägungen für Böhmen 2 selbständige Landesverbände, resp. einen Verband mit zwei Sektionen. Abgeordneter Stand erklärt im Namen der galizischen Zionisten, dass sich dieselben bedingungslos einer Organisation anschliessen werden, wenn auch von derselben derzeit nicht alle Postulate de