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Neue Nationalzeitung · 1909-05-07 · Heft 10 (7.5.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 10 (7.5.1909)
Date
1909-05-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 „Neue National-Zeitung" Seite 3 sprechen, ausserstande sind. Zu dem Eindrucke der körperlichen Unzulänglichkeit kommt noch die psychische Depression infolge der fortwährenden Beschimpfungen und Verhöhnungen ihrer Konfession. Und nicht zum geringsten Teile ist es auch der Zwang, mit dem bisherigen streng rituellen Leben zu brechen, der dem jüdischen Militärpflichtigen den Dienst zur Qual zu machen geeignet ist. Letzterer Umstand hat vor 30 Jahren die Militärverwaltung veranlasst, für die aus Bosnien und der Herzegowina ausgehobene moslemitische Mannschaft die weitgehendste Rücksichtsnahme auf ihre religiösen Bedürfnisse walten zu lassen. Ihre religiösen Speisevorschriften führten zur Einrichtung eigener gesonderter Küchen und Speiselokale und ihrem religiösen Bedürfnisse wurde durch die Institution ständiger aktiver Militärgeistlicher Rechnung getragen. Es ist nicht einzusehen, warum den orthodoxen jüdischen Soldaten gegenüber von diesem Billigkeitsstandpunkte Abstand genommen wird. Wie in diesem Belange muss die Militärverwaltung, an deren höchster Stelle ein billig und gerecht denkender Mann sich gegenwärtig befindet, daran denken, Bürgschaften zu stellen, dass nur zum Dienste Taugliche zu diesem herangezogen werden und aus den die Eignung beurteilenden Kommission alle voreingenommenen Elemente ausgeschieden werden. Und noch ein Weiteres wäre vorzusorgen .-Der als Soldat dienende Jude müsste gegen die beim Militär gang und gäbe gewordene Beschimpfung und Verhöhnung seiner Konfession und Nationalität seitens seiner Kameraden geschützt und jede Vergehung gegen die diesbezüglich zu erlassenden Verordnungen ebenso geahndet werden, wie die abfälligen Aeusserungen gegen Konfession und Nationalität anderer österreichischer Staatsbürger. Die jüdischen Staatsbürger Oesterreichs haben gar viele Blutzeugen dafür gestellt, dass sie dieses als ihr Vaterland ansehen, man gebe ihnen auch „all' Ursach' es zu lieben." Interpellation betreffend den Uod des Zugsführers riathan ITefdi und die Verurteilung des infanferisfen Wolf Samef. Der Fall Nesch wurde von der polnischen Presse verschwiegen. Das wäre wohl kein Wunder; es handelte sich ja doch um einen Juden. Aber selbst die jüdische, die zionistische Presse, das jüdische „Tagblatt/ der „Wschod", haben dem armen Nesch nicht eine Träne nachgeweint, nicht eine Zeile gewidmet. Der Jüdische Klub hat über diesen traurigen Fall, der für die gesammte österreichische Judenschaft, wie die Schlussausführungen des sehr gut in die Verhältnisse eingeweihten Verfassers des Leitartikels beweisen, von ausserordentlicher Wichtigkeit ist, ganz geschwiegen. Müssen denn die Herren immer darauf warten, bis ihnen von aussenstehender Seite eine fertige Interpellation zugesteckt wird? So war es denn dem sozialdem. Abgeordneten Dr. Di am and allein vorbehalten, in einer eminent jüdischen Volkssache, in einer für das jüdische Proletariat vitalsten Frage eine Interpellation zu überreichen. Wenn die Herren im Jüdischen Klub Nathan Nesch. ein wenig .Selbsterkenntnis hätten, müssten sie sich folgende frage stellen: „Wozu braucht uns denn eigentlich die jüdische Bevölkerung, wenn Breiter und Diamand deren Interessen aufmerksamer und mutiger zu wahren bestrebt sind?" .... Die Interpellation Diamand's beschäftigt sich nicht blos mit dem verstorbenen Zugsführer Nathan Nesch, sondern auch mit dem wegen angeblicher Simulation zu sieben Monaten Kerker verurteilten Wolf S a m e t. Sie lautet: „Nathan Nesch wurde für den 7. März 1. J. zum Dienst einberufen, zwei Tage darauf erkrankte Nesch und wurde dem Militärspital in Lemberg übergeben. Josef Nesch, wohnhaft Lemberg, ulica Nowa Nr. 17, wurde von der Krankheit des Sohnes benachrichtigt, der Familie aber jeder Verkehr mit dem Kranken untersagt. Der Chef der Abteilung für Nervenkranke, Regimentsarzt Dr. Chajes, erklärte der Schwester des Nesch: „Wir kennen solche jüdische Simulante n." Nach 17 Tagen wurde der kranke Nesch der f amilie auf deren Verlangen übergeben, nachdem dessen Vater einen unbeschriebenen Papierbogen unterschrieben und eine Krone als Stempelgebühr zuhanden des Dr. Chajes eilegt hatte. Was mit Nathan Nesch in der kurzen Zeit nach seiner Einrückung geschehen ist, konnte nicht ermittelt werden; er hatte sich aber derart verändert, dass sein Vater, als der Sohn ihm übergeben wurde, ihn nicht erkennen konnte und schmerzbewegt ausrief: „Das ist nicht mein Sohn!". Nathan Nesch war wahnsinnig geworden. Nachdem Nesch im Hause seiner Familie eine Woche bewusstlos gelegen war, verschied er.

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