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Neue Nationalzeitung · 1909-04-23 · Heft 9 (23.4.1909) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 9 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 9 Die Sache war ungeheuer schwierig, sie war auch undankbar. Dr. Elbogen ging aber mit einem Feuereifer und einem unglaublichen Fanatismus daran. Als er mir im Februar v. J. von seiner Aktion für Hilsner erzälte, da meinte er: „In einer Woche wird ganz Europa davon sprechen. Die letzte Köchin wird dadurch aufgerüttelt werden." Diese Prophezeiung ist nicht eingetroffen. Die Massenversammlung, die am 18. März v. J. in den Sofiensälen stattfand, war sehr gut besucht; das Gnadengesuch selbst mit den tausenden Unterschriften wurde abgewiesen. Hilsner schmachtet im Gefängnis und wird es jetzt nach dem Tode seines unerschrockenen Verteidigers schwerlich noch lebend verlassen: die eccles/a m/litans wacht darüber, dass ihr das Opfer nicht entschlüpfe. Oskar Marmorek war dagegen nur als Künstler eine Individualität, nicht aber als Politiker. Er stellte sein Wissen und seine Agitationskraft in den Dienst seines ganzen Volkes, aber er folgte blind den Wünschen und Anordnungen Dr. Herzls. Gemeinsam mit Professor Kellner, Heinrich Steiner und Dr. Kahn bildete er nach dem ersten Kongress um Dr. Herzl einen engen Stab, der, bar aller selbständigen Ideen und jedes politischen Instinktes, durch seine unbedingte Unterwürfigkeit und schrankenlose Lobhudelei gegenüber der Parteileitung jeder sonstigen Kritik von anderer Seite den Stempel der Auflehnung oder gar des „Verrates" aufdrückte. Als dann Dr. Herzl starb, war Marmorek nicht in der Lage, die Parteiführung zu übernehmen. Er war immer ein gehorsamer Soldat, stand daher in hoher Gunst, aber selbst ihm, dem „Kronprinzen", wurde kein Einblick in die Werkstätte der Herzl'schen Diplomatie gestattet. Er verstand zu gehorchen, aber er leinte nicht zu führen. So war es mit allen, die Dr. Herzl in sein enges Aktions-Komite aufnahm, und darum war der Wiener Zionismus mit seinem Tode zu Ende. Marmorek suchte sich einen neuen Wirkungskreis, und er gelangte — auf Grund eines Kompromisses — in den Kultusvorstand. Er war hier sehr fleissig als Fachmann; als Repräsentant der nationalen oder zionistischen Idee vermochte er nicht zur Geltung zu gelangen. Anlässlich der Taussig'schen Pogrom-Anleihe verhielt er sich ganz passiv; er wurde deshalb von den zionistischen Studenten und deren Führern heftig befehdet. Er revanchierte sich und nannte diese Herren öffentlich „Ehrabschneider". Ein "merkwürdiges Verhängnis wollte es, dass er, der gegen andere äusserst unduldsam war, die Unduldsamkeit eigener Parteigenossen empfindlich zu spüren bekam. Sie hat sehr viel dazu beigetragen, ihn aus dem psychischen Gleichgewicht zu bringen und sein gewaltsames Ende vorzubereiten. Statt Krokodilsthränen zu vergiessen, hätte die offizielle und sich offiziell gebärdende zionistische Presse besser getan, offen und ehrlich ihr Urteil über alle die Angriffe, die der Verstorbene in den letzten Jahren von zionistischer Seite zu erdulden hatte, auszusprechen. Damit hätte sie dem Andenken des Verstorbenen den besten Dienst erwiesen. L. Dr. M. FRIEDLÄNDER (Wien): Eine kanze für Simon Szdnfö. Audiatur et altera pars.*) In den „Erinnerungen eines Ehrenburschen" von Dr. Rüben Bierer in der letzten Nummer der „Neuen National-Zeitung" lese ich über Simon Szäntö folgendes Verdikt: „Simon Szäntö, der Vorkämpfer der rührigsten Assimilation und Redakteur der „Neuzeit", ein ge f ürch te t e r j o u r n a I i s t i c h e i D e m a g o g, der seine Brodherren, die Wiener Kultusvorsteher und Prediger, niederrang und sich einen schönen Gehalt sub titulo Religionsinspektor sicherte . . ." Es geht nicht an, aus dem Titel eines Siebzigjährigen die Berechtigung herzuleiten, einen so tief gelehrten und verdienstvollen Schriftsteller (nicht Journalisten) wie Simon Szäntö war, im Grabe verunglimpfen zu dürfen, zumal wenn man ihn nur ein einzigesmal, wie der Verfasser selbst zugibt, flüchtig gesehen. Wer Szäntös wissenschaftliche Leistungen kennt, wer die „Neuzeit", als sie noch von ihm redigiert wurde, auch nur oberflächlich gelesen, weiss, dass er nicht nur kein gefürchteter „journalistischer Demagoge", sondern ein tief ernster und überzeugungstreuer Jude, wenn auch nur Fortschrittsjude, gewesen, der die besten Männer seiner Zeit, Rabbiner wie gebildete Laien, um sein Blatt geschart und im Verein mit den damaligen Führern der Wiener Gemeinde: Werth ei mer, Kuranda, Kompert, J eil i n e k, Ludwig August Fr an kl u. A. die ja auch ihre Verdienste hatten, die Sache des gemässigten und zeitgemässen Fortschrittes mit imponierender Würde vertrat; so wie die heutigen Führer der Wiener Gemeinde mit der dermaligen, freilich anders gearteten herrschenden Strömung gehen, oder vielmehr sich gehen lassen. Es klingt wie eine Verdächtigung, von einem Simon Szäntö zu behaupten, „dass er die Wiener Kultusvorsteher" — will sagen: einen Wertheimer, einen Kuranda, einen Kompert, mit denen er intimen Verkehr pflegte — „niederrang und sich einen schönen Gehalt sub titulo ,Religionsinspektor' sicherte." Wer so spricht, der verrät, dass es ihm nicht vergönnt war, einen Blick in das innere Getriebe des damaligen Kultusvorstandes zu werfen. Und was war das für eine „Sinecure", die sich Szäntö sub titulo „Religionsinspektor" am Schlüsse seines rastlos tätigen Lebens errungen hat! Eine schwere Arbeit, die dem im Dienste des Judentums früh gealterten braven Manne aufgebürdet wurde. Kränklich und asthmatisch keuchte er von Schule zu Schule, Treppe auf Treppe ab und musste allein alles das und noch weit mehr leisten, was heute, ich weiss nicht wie viele und ungleich besser besoldete „Religionsinspektoren" zusammen, ich weiss nicht wie, beso:- gen. Und welches war sein „schöner Gehalt"? Wie ich mich noch recht erinnere, überstieg er nicht den Jahresgehalt von achhundert Gulden! Eine recht arrrselige Entlohnung, die für seine so gründlichen, anregenden und fruchtbaren Referate allein viel zu *) Dem Prinzipe unseres Blattes treu, wollen wir keinen Anstand nehmen, einem Freunde des verstorbenen Simon Szäntö unsere Spalten zu einer Widerlegung zu eröffnen. Vielleicht schöpft der gelehrte Verfasser, der die Geschichte der Wiener Judengemeinde in den letzten fünfzig Jahren wie kaum jemand kennt, daraus die Anregung, die heutige Generation mit dieser Geschichte bekannt zu machen. Die Redaktion.

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