Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 8 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 8 Osten. „Kadimah" soll aber auch nach anderer Richtung hinweisen, auf den Fortschrittsgedanken, der dieser Verbindung zu Grunde liegt; aus der Versenkung des akademisch-jüd. Elementes sollte nunmehr eine freie, sich und ihre Nation ehrende und verfechtende, ahnenstolze Verbindung zum allerersten Male erstehen. Der Jubel über diesen so wohlklingenden Namen blieb in meinem Gedächtnis haften. Dass wir dazumal einen Gerstensaft auf sein Wohl leerten, darf nicht erst vermerkt werden. Lange konnte der Held des Tages nicht unter uns bleiben; der Bedauernswerte schloss in den besten schaffensreichen Jahren wenige Monate darauf sein teures Leben. Allein sein Wahtwort bleibt und ziert eine Anzahl Vereine mit gleicher Tendenz selbst in den Vereinigten Staaten von Amerika. Wer beschreibt den Eindruck unserer ersten Proklamation an die jüdisch-akademische Jugend, die am schwarzen Brette der Wiener Aula angeheftet wurde. Das Jahr 1882 barg wohl schon gar vielen Unrat in Hörer- und Professorenkreisen; dennoch folgten unsere akademischen Jungen ihrem verzogenen assimilatorischen Herzensdrange in die Landsbnrschenschaften, deren Abzeichen sie mit Stolz trugen, deren Lied sie sangen. Und doch geschah das Merkwürdige! Die kleine Schar von über einem Minjan Hochschüler schritt unter dem Spotte der christlichen Akademiker unerschrocken voran. Meine „Kadimah", die erste Blüte jüdisch-nationalen Geistes, versetzte, ohne zu schlagen, manchen derben Faustschlag, besonders den Assimalationspriestern. Der Zionismus, welcher sein Hauptaugenmerk auf die Kolonisation unseres Ahnenlandes und Erlösung aus dem Golus (jener, welche erlöst sein wollen) richtete, brachte der Judenheit — als Secundogenitur gleichsam — den echtjüdischen Nationalismus, als dessen Bannerträger das akademische Jungisrael sich manifestirte. Allen jüdischen Verbindungen dieses Bekenntnisses, ob ferne ob nahe, meinen Altburschen, Schalomgruß! Dr. MAYER EBNER (Czernowitz.) Zionismus und hcmdespofifik, (Anlässlich der zionistischen Landeskonferenz in Lemberg.) Zionismus oder Landespolitik? Wer so die Frage stellt, der übersieht eine Grundwahrheit des Zionismus, der eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina für jene Juden anstrebt, die ir den Ländern des Exils nicht bleiben können oder nicht bleiben wollen. Für diese Juden ist der Zionismus Hoffnung nnd Erlösung. Für jene Juden aber die hier bleiben können oder wollen, wird er nur einen idealen Wert haben; das zionistische Jerusalem wird für sie, nach dem Worte eines deutschen Professors, das heilige Rom der jüdischen Kirche sein, das Symbol der geistigen Einheit des über die Welt zerstreuten, die Sprache der Welt sprechenden und doch nicht in der Welt zerfliessenden Judentums. Mehr wird der erfolgreiche Zionismus der überwältigenden Mehrheit, die in der Diaspora bleiben wird, nicht zu sagen haben. Und dieses Diasporajudentum? Wird es in dieser schönen, ach wie fernen Zeit, keine Sorgen mehr haben? Wird sich Hass in Liebe, Elend in Ueberfluss, Zurücksetzung in Wohlberechtigung gewandelt haben? Gewiss nicht. Es war bereits einmal, was heute die Sehnsucht unserer Träume ist. In Palästina blühte ein jüdisches Gemeinwesen. Aber dreimal soviel Juden lebten in Bayblon, Aegypten, Griechenland, Italien, kurzum auf der ganzen damaligen terra cognita. Und die Juden jedes Landes hatten ihre Sorgen und ihre Schmerzen, und kluge Landespolitiker mussten alles aufbieten, um sich mit den römischen Procuratoren auf guten Fuss zu stellen, oder im römischen Senat eine den Juden günstige Stimmung zu schaffen. Unzählige Erlässe an Magistrat und Volk griechischer Städte wurden erwirkt, damit die Juden der Diaspora in der freien Religionsübung nicht gestört, an Feiertagen nicht zu Gericht geladen, in ihrem Erwerbe nicht geschädigt und in ihren etwaigen politischen Rechten nicht geschmälert werden. Und wenn griechischer Pöbel gegen das jüdische Viertel zog, dann hat sich die Selbstwehr gesammelt und hat die Angreifer mit blutigen Köpfen zurückgeworfen. Das alles war friedliche oder kriegerische Landespolitik, die mit dem jüdischen Gemeinwesen in Palästina nichts zu schaffen hatte. Denn auch die Juden in den Exilländern leben und haben Recht und Pflicht, alles vorzukehren, damit dieses Leben erträglich sei. Die Erreichung des zionistischen Ideals liegt in absehbarer, aber weiter Ferne. Bestenfalls wird aber der Palästina-Zionismus nur eine Teillösung der Judenfrage, nur eine Linderung der Judennot sein. Alle Kräfte nur auf den Palästina-Zionismus concentriren und auf jede realpolitische Betätigung in den östlichen Ländern Europas mit überlegenem Lächeln herabsehen, das hiesse mit unseren Volksgenossen ein gewagtes Spiel treiben, das hiesse die Gegenwart einer immerhin ungewissen Zukunft opfern, das hiesse der Not dtr Lebenden gegenüber das Herz verschliessen, und über eine unsicheres Glück der noch nicht Geborenen vor Rührung überströmen. Nein, so kann und darf man den Ziomsmus nicht verstehen. Alle Juden der Welt sind seit mehr als 2000 Jahren niemals auf einem Fleck concentrirt gewesen, die Zerstreuung über die Erde i*t von den Propheten geweissagt worden, sie ist im Judentum seit Jahrtausenden geradezu triebhaft, und mit dieser Volkseigenschaft muss man rechnen. Man darf nicht über das Ideal unseres Volkes an die Realitäten des täglichen Lebens vergessen. Fast überall, wo Juden in grösseren Massen wohnen, haben sie drängende Forderungen an den Staat: als Individuen und als Volk, roch immer sind die Juden in Russland und Rumänien politisch und vielfach auch privatrechtlich entrechtet, zeitweise sogar vogelfrei. In Oesterreich ist das gleiche Recht noch immer der erste Programmpunkt der jüdisch-nationalen Partei und in Deutschland brennt die traditionelle Verachtung alles jüdischen heiss in unserem Herzen, r och immer siechen Millionen Ostjuden im leiblichen und geistigen Elend dahin und noch immer geschieht blutwenig oder gar nichts, um den Luftexistenzeneiner jüdischen Spezialität - nährende und ehrende Arbeit zu geben, noch immer geschieht nichts, um das Bettel- und Wohlthätigkeitswesen einzudämmen und die Lust an productiver Arbeit eventuell durch Aushungerung zu erzwingen. Da zerbrechen sich die Herrn * ationalpolitiker die Köpfe, wie man ein nationales Programm zimmere und sie verfallen in den Fehler, das jüdische Volk nach der Schablone der andern Nationen zu behandeln, wobei sie immer vergessen, dass das jüdische Volk eine . ation sui generis ist. Das Sprachenprogramm