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Neue Nationalzeitung · 1909-04-09 · Heft 8 (9.4.1909) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 8 (9.4.1909)
Date
1909-04-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 8 hat Anlass zu Konflikten gegeben. Denn nicht nur, dass die gewünschte Motivierung nicht erfolgte, erklärte plötzlich ein Teil der galizisch:n Herren, nicht mittun zu wollen. Gleichzeitig stellten sich auch die galizischen Orthodoxen in Opposition". Indem wir von den zunäcl.stliegenden Aufgaben sprechen, lenke ich die Unterhaltung auf das wirtschaftliche Elend in Oalizien. Ich verweise auf jene unwidersprochenen Berichte, die von einer geradezu ersch reckenden Notlage des galizischen Judenproletariates zu er zählen wissen. Ich füge hinzu, dass meines Erachtens der Bund hier einsetzen müsste, und dass er mit der Inangriffnahme oder durch eine Mitbeteiligung an dem Hilfswerke für Galizien seine Existenznotwendigkeit beweisen könnte. Im Zusammenhange dan.it stelle ich die Frage, ob es nicht die Opposition der erwähnten gdiziscnen Vorstände sei, die es bewirke, dass der Bund bisher zur galizischen Judenfrage nicht Stellung nahm? Der Präsident ist geneigt, diese Frage als die derzeit wichtigste anzusehen. Er sagt: In Sachen der notwendigen Hilfsaktion für Galizien findet heute eine Sitzung der „Israelitischen Allianz" zu Wien statt. Allerdings ist von dieser Seite keine ausreichende Hilfe zu erwarten. Die Ursache liegt darin, dass die Mittel der „Allianz" für das galizische Hilfswerk nicht ganz beansprucht werden dürfen, da ja tiaurigerweise noch immer mit Pogroms gereci.net werden n uss. Und wenn Sie mich fragen, ob die Opposition der galizischen Herren es i;it sich brachte, dass der Bund bisher keine Stellung nahm, so erwidere ich darauf, dass der Beitritt der galizischen Juden, bezw. ihrer Vertreter, uns gewiss Gelegenheit gegeben hätte, der Sache näher zu treten. Denn bei der Zusammenkunft aller Delegierten hätten uns ja die Vertreter Galiziens jene Wünsche bekanntgeben können, die einen Vorteil für das von ihnen vertretene Volk bedeuten. Aber wir werden nicht verfehlen,im geeigneten Augenblicke diesem Plane näherzutreten, dem wir ja schon jetzt unsere vollste Aufmerksamkeit zuwenden". Der Präsident gibt mir im weiterem Verlaufe unserer Unterredung einige sehr interessante Beispiele, die die Zweckmässigkeit, ja sogar die Notwendigkeit des Bundes demonstrieren sollen. Er erinnert an das Zusammenwirken aller niedeiösterreichischen Gemeinden in der Schächtfrage. Nur eine gesetzlich anerkannte Korporation könne als nützlicher Faktor angesehen werden. „Wir können ungestraft beleidigt, boykottiert und verfolgt werden, ohne uns wehten zu können. Dem Einzelnen fehlt die Legitimation, der Gesamtheit fehlt der rechtliche Faktor". Und so verheisst mir der Präsident, dass wenn der Bund sich erst in voller Tätigkeit befinde, für die Juden Oesterreichs eine wirksame Rechtsschutzstelle vorhanden wäre. Allerdings sei, um dieses zu erreichen, eine vollständige Einigung notwendig. Fmmilfi und fiesinnungsgenossen! Verlangt in allen Gast- und Kaifeehäusern die „neue Dational-Zeitung". Dr. RÜBEN BIERER: Die Gründung der „Kadimah", (Erinnerungen eines Ehrenburschen*). Als ich im Jahre 187Q die L.emberger Feuerlinie, in welcher der „Schomer Israel", der erste galizische jüdiszh-politische Verein, sich befand, in Folge mannigfacher Anfeindungen verließ, führte mich mein Weg nach Wien. Hier wehte es mich eisigkalt an. Es gab keinen Kämpfer für die heilige Sache unseres Volkes. Freitag abends herrschte Finsternis in den Wohnungen unserer Wiener Brüder im Gegensatze zu Lemberg, wo aus der ärmsten jüdischen Wohnung das Sabbatlicht ausstrahlt und ganze Stadtteile illuminiert erscheinen. Was mich aber sehr hart traf, war die Verallgemeinerung des „Sontachs". Mein unruhiges Judenblut Iiess mich nicht lange in hinbrütender Isolirung verbleiben. Drei Namen waren mir dazumal bekannt: Chaim David Lippe, der Literat und Buchhändler; Perez Smolensky resp. Peter, der glänzende Hebraist und Herausgeber des „Haschachar", und ach der dritte — Simon Szanto, der Vorkämpfer der rührigsten Assimilation und Redakteur der „Neuzeit", ein gefürchteter journalistischer Demagog, der seine Brodherren, die Wiener Kultusvorsteher und Prediger, niederrang und sich einen schönen Gehalt sub titulo „Religionsinspektor" sic'ierte. Diesen Mann besuchte icti nur einmal; sein Wüten gegen das jüdische Judentum und die Beseitigung des Hebräischen aus dem Religionsunterrichte an allen Volksschulen ließe.i mir geraten erscheinen, ihn nicht mehr als ein geeignetes Organ für die nationale Sache zu betrachten. Anders mit meinen zwei anderen Bekannten, welche mir hilfreich zur Seite standen. Obwohl Ch. D. Lippe mir vorhielt, daß in Wien, dem Erzsitze der Assimilation, der Gedanken, zionistische und schomeristische Vereine zu gründen, nicht zu realisieren wäre, versuchte ich es doch mit Rabbiner Spitzer s. A., welcher wieder seine Bedenken halte, mich als „Polen" zu unterstützen. Indes wirkte Smolensky vorbereitend für die Idee der Kolonisation Palästinas; ohne von den Wiener Kreisen beachtet zu werden. Unter anderem richtete derselbe ein zehn Bogen starkes Memorandum an den Wiener Kultusvorstand über die Kolonisation des heiligen Landes, welches bis heute noch in den Archiven ohne Aussicht auf ein Auferstehen ruht. Die Assimilation führte das Wort gegen ein jüdischbewusstes, nationalgekräftigtes Judentum. Bald aber kamen die grausamsten Ereignisse in Russland und Rumänien meinen Plänen zu Hilfe. Die schrecklichen Massacres stellten tausende Familien vor die Frage: Wohin? — Das Blut der Gemordeten schrie aus den Gräbern: ein ergreifender Appell an unsere Brüder. Da erschien eine Aufforderung an das jüdische Volk zur „Selbsthilfe" von Dr. Leo Pinsker: zur Gründung einer Heimstätte auf unserm uralten Boden! Die Wiener *) Wir freuen uns, obigen Aufsatz des Seniors der jüdischnationalen Bewegung in Oeslerreich zu veröffentlichen, in dem wichtiges historisches Material enthalten ist. Bei dieser Gelegenheit möchten wir die seltsame Tatsache konstatieren, daß die zionistischen Parteiblätter in Köln, Wien und Lemberg anlässlich des siebzigsten Geburtstages von Dr. Bierer daran ganz vergessen haben, daß er der Gründer der „Kadimah" und des ersten Palästina-Kolonisations-Vereines in Oesterreich gewesen ist. Anm. d. Redaktion.

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