Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 8 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 ^'eue National-Zeitung" Seite 3 reichlicher zugewiesen werden und die Basis der Ernährung bilden. Auch wäre eine Ausbildung der Kinder im Slöjd am Platze, als Vorbereitung für die zukünftige gewerbliche Betätigung, sowie die Pflege des Interesses für die Natur durch Gartenarbeiten und Obstkultur. Eine vorzügliche Einrichtung besitzt das Lemberger Waisenhaus in seiner Musikkapelle. Die kleinen Knirpse — zwanzig an der Zahl — blasen mit vollen Lungen in ihre Instrumente, und die Märsche, die sie unter Leitung eines Musikfeldwebels — eines ehemaligen Anstal'-Zöglings — zum besten geben, sind ganz würdig einer — Veteranen Kapelle. Die Anstalt reihtauch alljährlich 10—12 Knaben als Musik-Zöglinge bei diversen Militärkapellen ein. Das „Jüdische Volkshaus" in Czernowitz. Einen imposanten Eindruck muss auf jeden Juden, selbst wenn er schon architektonisch bedeutendere Bauten gesehen hat, das „Jüdische Volkshaus" machen. Es erhe t sich auf dem schönsten Platze der Stadt, links vom Theatergebäude und gegenüber der Handelskmmer, und dehnt sich nach zwei Frontseiten aus. Der fliegende Adler am Giebel, die vier Riesenfiguren auf der Fasade, die grossen hebräischen Lettern als Aufschrift: ein stolzes Denkmal selbstbewusster jüdischer Gemeinschaft. Es ist das Verdienst unseres Freundes, des Kultus-Präsidenten Dr. Strauch er, zu diesem Monumentalbau, der selbst der grössten jüdischen Gemeinde zur Zierde gereichen könnte, die Initiative ergriffen, seine Vollendung überwacht und hiezu die Mittel herbeigeschafft zu haben. Im Volkshause hat der Kultusvorstand seine Bureaus und Sitzungssäle; hier amtiert die jüngst gegründete Jüdische Vorschusskassa; der im Entstehen begriffenen Gemeinde-Bibliothek wurden hier Räume zugewiesen. Ein grosser Theatersaal ist für jüdische Festveranstaltungen bestimmt. Elektrisches Licht, Zentralheizung und jeder moderne Komfort haben hier Anwendung gefunden. Wenn endlich die reichen Wiener Juden daran gehen sollten, an Stelle der alten Baracken in der Seitenstettengasse ein modernes der Wiener Judengemeinde würdiges Amtshaus zu bauen, so können sie sich getrost das „Jüdische Volkshaus" zum Vorbilde nehmen. Dr. S. R. Landau. ■^3^ Präsident Dr, Alfred Stern über die Hufgaben des österreichischen Israel. Gemeindebundes. (Ein Interview von Max Schacherl.) W i e n, Ende März. Unser bekannter Berliner Mitarbeiter, Herr Max Schach er 1, hatte in den letzten Tagen, während seines Wiener Aufenthaltes, Gelegenheit, vom Präsidenten des Wiener Kultusvorstandes empfangen zu werden und dessen Ansichten über die geplante Schaffung eines öster. Gemeindebundes zu hören. Herr Schacherl war so freundlich, uns hierüber nachstehende Mitteilungen zukommen zu lassen : Schon die längste Zeit wird über die Arbeit oder Untätigkeit des „Allgemeinen Oesterr. Isr. Bundes" vieles geschrieben, was sich nicht ganz auf seine Richtigkeit prüfen Iässt. Es schien mir nun von doppeltem Interesse, aus dem Munde des Bundespräsidenten Näheres zu hören. Der Präsident Dr. Stern empfing mich sehr freundlich und zuvorkommend. Im Beisein des Bundessekretärs Krausz führt er in seiner frischen, impulsiven Art die Unterhaltung. Ich frage nach den Aufgaben des „Allg. Oesterr. Isr. Bundes", indem ich betone, dass trotz unzähliger Zeitungsartikel das breite Publikum über die Intentionen und Zwecke des Bundes noch immer nicht informiert sei. Der Präsident erwidert: „Die erste Aufgabe des Bundes besteht in der Zusammenfassung aller jüdischen Gemeinden Oesterreichs zu einer Organisation. Ich würde es für sehr wünschenswert halten, dass sich einer solchen Vereinigung auch alle galizi sehen Gemeinden anschliessen. Es wäre sowohl für Galizien, als auch für die gesamte Judenheit, insbesondere aber für die galizische Judenschaft sehr bedauerlich, wenn es nicht gelingen sollte, die Vertreter der galizischen Gemeinden für die Errichtung dieser offiziellen Korporation zu gewinnen". — Am 4. Mai soll ja abermals eine Beratung stattfinden. Wird sich bis dahin die Lage zugunsten Ihrer Pläne geändert haben? „Eine Klärung ist jedenfalls nicht früher zu erwarten, als bis zu dem Tage, wo die Vertreter sämtlicher Gemeinden Oesterreichs sich hier werden zusammenfinden. Ein innerer Grund für den Widerstand seitens eines Teiles der galizischen Judenschaft ist nicht auffindbar. Es fällt der Bundesleitung nicht im Traume ein, irgendwelche religiöse Anschauungen, Gebräuche, Sitten, seien sie welcher Art immer, antasten oder vergewaltigen zu wollen". Nun verweise ich den Präsidenten auf die orthodoxe Opposition in Galizien, die ihre ablehnende Haltung damit motiviert, als sie befürchtet, in der aus den heterogensten Elementen zusammengesetzten Kommission ohne namhafte Vertretung ihrer Interessen zu bleiben. Das veranlasst den Präsidenten zu folgender Bemerkung: „Die Motivierung der Orthodoxen ist meines Erachtens nicht stichhältig. Wie sehr wir auf r'ie speziellen Wünsche der Orthodoxen Rücksicht nehmen, beweist der Umstand, dass in dem Komite, welchem die Beratung des Organisationsstatutes obliegt, auch Vertreter der strenggläubigen Richtung gewählt, oder in Aussicht genommen wurden. Es wurde vereinbart, dass dem Komite seitens der Kultusvorstände von Lemberg und Krakau Vertreter der streng orthodoxen Richtung namhaft gemacht werden sollen, und es kann gar kein Zweifel bestehen, dass gerade auf die Wünsche dieser Delegierten bei Beratung des Statutes Rücksicht genommen werden wird. Aber mein Verlangen an die Gemeindevorstehung von Krakau und Lemberg, ein Verlangen übrigens, das wiederholt gestellt und urgiert wurde,