Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 8 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2.___ ,,Neue National-Zeitung" Nr 8 direktor begegnet selbst bei Oesinnungsgenossen schweren Bedenken. Auch zionistische Geldgeber wollen von ihren Anteilen Dividenden haben. Die jüdischen Findelkinder von Bobrek. Die Massentaufen von Bobrek sind von der Tagesordnung verschwunden. Die religiösen und zionistischen Kreise der galizischen Judenschaft haben sich nie sonderlich darüber aufgeregt. Es sind ja doch nur Findlinge . . . Zwei Polen „mosaischer Konfession" haben zwar ganz schüchtern im Landtage das Thema berührt. Aber der Landesausschuss hat sie verstanden; sie sprachen ja nur zum Fenster hinaus. So ist über die Sache Gras gewachsen. Ich benützte meinen Aufenthalt in Lemberg, um mit dem Landes-Ausschuss-Beisitzer und Chef des Sanitäts-Wesens Dr. B e r n a d z i k o w s k i, darüber zu sprechen. Sein Vorgänger, Sekowski, hat seinerzeit in der unseren Lesern bekannten Zuschrift vom 22. Oktober 1901, dem Kultus-Vorstand in Chrzanow erwidert, dass ihm die jüdischen Findlinge nur dann ausgefolgt werden, wenn er sich verpflichte, dieselben bis zum zum zehnten Lebensjahr kostenlos zu verpflegen. „Der Landesausschuss zahlt der Fürstin 14 K pro Monat und Kopf, warum weigert er sich jedoch, dem Kultusvorstande die Alimentation von denselben Kindern zu ersetzen?" Mit dieser Frage, die ich an Herrn Dr. Bernadzikowski richtete, wollte ich den Kernpunkt treffen. Es bedurfte keiner langen Auseinandersetzungen, um mich zu überzeugen, dass Herr Dr. B. mit mir übereinstimmt. Als Arzt und Mann des Fortschrittes, hat dieser Führer der Polnischen Volkspartei eine andere Ansicht gar nicht vertreten können. Er erwähnte, dass ihm der obige Fall aus der Rede des Krakauer Abgeordneten Dr. Landau bekannt sei und meinte, dass die der Frau Fürstin Oginska gezahlte monatliche Alimentation per 14 K per Kopf vom Lande auch an eine jüdische Waisenanstalt in Chrzanow gezahlt werden würde, wenn nur eine solche Anstalt einmal fertig wird. Die wichtigste Voraussetzung sei eben, meinte Herr Dr. B. wiederholt, dass eine solche Anstalt bereits fertig sei, dann werden ihr auch die jüdischen Kinder übergeben und die bisherigen Zahlungen an sie geleistet werden. Die Juden von Chrzanow schämen sich. An die Errichtung einer solchen Anstalt in Chrzanow ist leider nicht zu denken. Es ist Niemand da, der dazu Geld geben würde. Als ich meinen sensationellen Artikel über die Verhältnisse in Bobrek veröffentlichte, hätte man annehmen sollen, dass ein Schrei der Entrüstung die gesamte jüdische Presse in Galizien durchbrausen wird. Weit gefehlt. Die assimilatorische und zionistische Geschäftspresse hat den Fall mit einigen Sätzen registriert. Sie haben ja beide keine Zeit, sich mit solchen Lappalien, wie den Massentaufen jüdischer Findelkinder, abzugeben. Ihnen ist viel wichtiger das Geldsammeln: einerseits für die Goldmannschulen und das theologische Institut in Lemberg, die das Judentum zu entnationalisieren haben, anderseits für die diversen Fonds, die in Köln zusammenfliessen. Die kompetenten Behörden in Chrzanow, das Rabbinat und der Kultusvorstand, tun nichts, denn sie — schämen sich. Eine jüdische Waisenanstalt für Findelkinder könnte die Reputation der ganzen Kille schädigen — meinen sie. Die loyale Stellung, die der Landesausschuss jetzt einnehmen will, führt also zu keinem Erfolg Die Judenschaft von Chrzanow mag in ihrer Mitte keine Waisenanstalt dulden; lieber mögen alljährlich einige Dutzende jüdischer Kinder getauft werden. Die jüdischen Waisenhäuser in Lemberg und Czernowitz. Ich habe meine letzte Reise speziell dazu benützt, um die jüdischen Waisenanstalten in Lemberg und Czernowitz zu besichtigen, mit dem Endzweck, zu untersuchen, wie sich diese Anstalten der Aufnahme jüdischer Findelkinder gegenüber verhalten, Krakau hat keine jüdische Waisenanstalt in grösserem Stil. Hier besteht blos ein Waisenverein, der durch private Sammlungen einiger opferwilligen Frauen die Mittel zusammenbringt, um eine kleine Schar von Waisenkindern (ehelicher Geburt) zu erziehen. Ganz anders in Lemberg und Czernowitz. Hier finden wir grosse Gebäude, deren Bestimmung als Waisenhäuser durch bedeutende Stiftungen gesichert ist und die, ersteres 86, letzteres 55 Waisen erziehen. Die Einrichtung ist bei beiden Anstalten musterhaft. Die grossen, luftigen, sauber gehaltenen Schlaf- und Speiseräume entsprechen den rigorosesten Anforderungen der modernen Hygiene; es gibt Badezimmer, Isolierzimmer für Kranke, ein Bethaus u. s. w. Die Erhaltung der Anstalten geschieht aus den Revenuen der Stiftungen, doch leisten die Kultusvorstände auch Jahresbeiträge. Die Leitung liegt in den Händen sehr strammer Direktoren, welche wie Herr T e i t e 1 - bäum in Lemberg und Herr Feuerwerk in Czernowitz, als gebildete Pädagogen sich der Wichtigkeit ihrer Aufgaben vollends bewusst sind. Was nun die Waisenkinder selbst betrifft, so war in Lemberg keine Gelegenheit, in das Statut der Waisenanstalt Einblick zu nehmen. Der Direktor versicherte mir jedoch, dass seine Anstalt auch Findelkinder, wenn sie nach Lemberg zuständig sind, aufnimmt. Er zeigte mir sogar einige Kinder, deren Eltern unbekannt, die sogar in keinem Matrikelbuche eingetragen sind. Genauer konnte ich diesen Umstand in Czernowitz erheben. Im Statut der Waisenhausstiftung steht darüber gar nichts; da heisst es blos, dass Waisenkinder aufgenommen werden. Hingegen enthält der Stiftsbrief der Heinrich und Josefine Wagner'schen Stiftung, von deren Vermögen (650 000 K) das Waisenhaus zum grössten Teil erhalten wird, betreffs der Findelkinder eine genaue Bestimmung. Im Artikel IX heisst es: „Elternlosen Waisen sind Findlinge, ferner solche uneheliche Kinder gleichzuhalten, deren Mutter nicht mehr am Leben ist, vorausgesetzt, dass der uneheliche Vater für die Erhaltung des Kindes nicht aufkommen kann oder unbekannt ist." Verfasser dieses Stiftsbriefes waren der verstorbene Bürgermeister Dr. R e i s s und Abgeordneter Dr. Straucher; sie haben damit ihre wahrhaft volkstümliche Gesinnung bewiesen. Dem Kultusvorstande von Chrzanow empfehlen wir diesen Stiftsbrief zur Lektüre. Allerdings wäre in beiden Waisenhäusern so manches zu reformieren. Vorerst die Verpflegung. Ich halte es nicht für rationell, dass die Kinder täglich Fleisch zum Mittag bekommen, dafür aber beispielsweise in Czernowitz zur Jause nur trockenes Brot essen. Milch, Gemüse, Obst sollte den Kindern