Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 8 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NEUE MKiONßL-ZBCÜNG reraüsgbber: Drs.R.uäNDisu XI. 3HHRGHNG. WIEN, 9. APRIL 1909. Nr. 8. Von Krakau bis Czernowitz. Vor zwanzig Jahren. Am 1. Mai werden es zwanzig Jahre, seitdem ich, ein junger Student, die Krakauer Universität verliess, um in Wien meine Studien fortzusetzen. In der alten Jagellonenstadt und Galizien überhaupt herrschten auf jüdischem Gebiete recht unerquickliche Verhältnisse. Das jüdische Gemeindeleben lag in Händen einer Koterie, die nur an die Befriedigung persönlicher Ambitionen dachte. Die jüdische studierende Jugend war dem eigenen Volke entfremdet; die jüdischen Volksmassen waren in politischer Beziehung apatisch und wirtschaftlich hilflos. Die Pflichten des Besitzes waren den besitzenden jüdischen Klassen noch ziemlich fremd; so fehlte denn jede grosszügige Wohltätigkeit und jede soziale Opferwilligkeit. Es waren trostlose Zustände. Es dämmert. In den verstrichenen zwei Dezennien hat sich in Oalizien manches geändert, einiges gebessert. Die assimilatorische Strömung in der studierenden Jugend hat stark nachgelassen; nur ein kleines Häuflein hält das alte Schlagwort vom Polentum „mosaischer Konfession" noch aufrecht. Ihm steht allerdings eine starke Phalanx der älteren Intelligenz zur Seite, die, zumeist als Advokaten, Aerzte und Beamte in kleineren Städten, aus Gründen materiellen Wohlergehens und gesellschaftlicher Beziehungen die patriotische Geige spielen muss. Der jüdische Kaufmannsstand, von jeher aufererzogen im Geiste deutscher Kultur, beginnt jüdischnational zu empfinden. Er ist aber politisch eingeschüchtert. .Mit Ausnahme der Städte Krakau und Lemberg, die eigene Magistrate haben, muss er gegen die Willkür der administrativen und Steuerbehörden ankämpfen. Das jüdische Massen-Proletariat ist noch unorganisiert. Der zionistischen Partei fehlt es an organisatorischen Talenten; den Sozialdemokraten stehen die Massen misstrauisch gegenüber. Die „Poale- Zionisten" und „Jüdische Sozialisten" zählen nur eine kleine Schar jugendlicher Angestellten. Aber in allen Kreisen gewinnt die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer eigenen jüdischen Politik und jüdischer Selbsthilfe die Oberhand. Nur fehlen in politischer Beziehung die richtigen Individualitäten und in wirtschaftlicher Beziehung die eigene Initiative. Die reichen Juden, die zugleich Führer der Gemeinden sind, leiden an einem krankhaften Ehrgeiz, aber es fällt ihnen nicht ein, im Interesse der jüdischen Bevölkerung irgendwelche Opfer zu bringen. Sie warten auf Hilfe von Aussen: von Wien, Berlin und Paris. Jüdische Politiker, von deren Auftreten man sich Umwälzungen versprach, betreiben, wie die Führer der „Unabhängigen Juden" in Krakau, die engherzigste Lokalpolitik. Billige Kohlen und billige Wohnungen, das ist die Quintessenz ihres politischen Programms, als dessen Endziel die Assekuranz der Mandate erscheint. Die zionistische Landesbank. Die zionistische Partei hat den Zenit der Begeisterung überschritten. Der Mittelstand und die Intelligenz stehen ihr noch immer passiv gegenüber. Die Massen verlangen praktische Tätigkeit. Eine zionistische Landesbank, richtiger eine Landesbank für Zionisten, wird nun geschaffen, um das Prestige der Führer zu heben. In demselben Zug, mit dem ich von Krakau nach Lemberg fuhr, befand sich auch Herr Lucian B r u n n e r. Der ehemalige Kronawetter-Demokrat, der jetzt die Wiener zionistische Jugend souteniert, um sie als demokratische Staffage zu benützen, ist nach Lemberg geeilt, um die formelle Bankgründung zu proklamieren. „K r e d i t-U n i o n" soll die neue Bank heissen. 140.000 K sind bereits gezeichnet und ein grosser Re-Escompte bei Wiener Banken soll ihr gesichert sein. Ob die Bank auch prosperieren wird, darüber sind die Ansichten geteilt. Es fehlt ihr noch ein tüchtiger Fachmann. Rabbiner Dr. Brau de als Bank-