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Neue Nationalzeitung · 1909-03-26 · Heft 7 (26.3.1909) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 7 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 7 An demselben Tage war der Wojewode eines jähen Todes gestorben und der öaon blieb von der Züchtigung verschont. * * * Das ist die Geschichte des Liebesgartens Josua Heirnans und der beiden alten, unbenannten Grabhügel. Allmählich versank so die einst frünliche, betriebsame und glückliche Stadt in Vergessenheit und Elend. Sie verlor ihr Freihandelsprivilegium und damit ihre Beziehungen zur übrigen Welt. Ihre Menschen jedoch, lebensscheu geworden und glücklich lebten im Glauben und gaben sich ganz dem orthodoxen, stets kampfbereiten Geist hin, der von fanatischen Talmudisten ausging Wahrend jenes Niederganges lebte in der Stadt ein unscheinbarer Jüngling, der seine frühe Weisheit in sich verschloss und den die Leute gering achteten. Er ist nachher als ein wunderbarer und unsagbar milder iMann geliebt und angebetet und unter dem Namen Balschem berühmt geworden. Er war von kindlicher Gemütsart und die Kinder waren es auch, die ihn liebten und verstanden. Mit ihnen zog er an sonnigen Tagen singend durch die stillen Gassen, am Liebesgarten vorbei, hinaus in blühende Einsamkeiten, und wo er einen Halm sah, einen Strauch oder eine Blume, da neigte er sich ehrfürchtig und war frohen und glücklichen Herzens. SCHOLEM ALEICHEM: Ein jüdischer Gassenhauer. Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawc! Ist Ihnen diese Melodie bekannt? — Sie kennen Sie sicher. Man hört sie überall. Bei uns aber mehr wie bei Ihnen. Sie ist ein Motiv der Zeit, ein Saisongesang. Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! Lebt nicht in dieser Melodie der Geist unserer Zeit? Sagt sie nicht alles, was bei uns vorgeht? Drücken die Worte dieses Liedes nicht die ganze Leere, Trostlosigkeit und den Unmut unseres inhaltlosen Lebens aus? Wenn sie das Lied zum erstenmale hören, scheint es Ihnen, dass sie es schon irgendwo gehört haben. Dies kommt nicht nur bei Liedern vor; oft hat man beim Anblick eines Menschen die gleiche Empfindung. Wenn Sie sich auf der Gasse befinden, oder im Eisenbahnzuge fahren und einen Menschen treffen, so fragen Sie sich oft: Wo habe ich diesen Menschen schon gesehen? Genau so verhält es sich mit einem Gedanken oder einem Einfall. Wenn Sie ihn zum erstenmale vernehmen, so bohrt in Ihrem Gehirne die Fiage herum: „Wo habe ich ihn schon gefunden?" Zum erstenmale hörte ich die Melodie, als ich jüngst von einer weiten Reise nachhause zurückkehrte. Ich hatte die Welt bereist. Die Aerzte verordneten mir das Reisen. Ich weiss Sie lächeln darüber. Sie denken wohl, der Mensch muss nervös, muss überspannt sein. Ich aber sage: „Ein Mensch, der sich selbst flieht, welcher begreift, dass er vor sich flüchten muss — ist nicht überspannt." Ich musste vor mir selbst fliehen. Es war vor drei Jahren nach den „Oktobertagen". Sie sehen wohl ein, dass ich vor mir flüchten musste. Ich konnte es nicht länger aushalten — ich ging vor mir durch. Dann kam ich nachhause zurück und fand meine Heimatstadt, mein Haus, meine Frau und genau wie ich sie verlassen, genau so, nur ein neues Lied fand ich, eine sonderbare Melodie: Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! Ich hatte mich noch nicht recht von der Reise erholt, noch nicht den Staub von den Füssen geschüttelt, noch nicht recht Weib und Kinder angesehen (ich habe eine Frau und zwei Kinder); da sagt mir meine Frau: „Mein Lieber! Kleide Dich um, wir wollen heut' ins Tivoli." „Was werden wir denn dort machen?" „Wir werden die neue Sängerin hören. Sie singt Chawe!" Und Frau und Tochter beginnen plötzlich: Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! „Falsch," sagt mein Sohn und singt dieselbe Melodie mit seiner Baritonstimme: Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! Mein Sohn hat eine hellklingende, glockenreine Baritonstimme bekommen, den Bart hat er sich ä la Mierzwinski wachsen lassen und sich wie eine Braut herausgeputzt. Er sieht komisch aus. Eine grosse Veränderung ist mit ihm vorsichgegangen. Als ich die Reise angetreten, Hess ich ihn in der rechten Arbeit im rechten „Kampf" zurück. Nie hörte ich damals aus seinem Munde das Wort „Ich" Er sagte nur, „wir gehen", „wir wollen", „wir sind", „wir werden". Und heute! Welche Umwandlung, man hört nicht mehr „wir", sondern „ich". „Ich gehe", „ich werde „ich bin", „ich will". „Was ist dein geschehen?" fragte ich ihn und erhalte die kurze Antwort: „Die Welt — die bin ich." „Nun und was bist Du?" wende ich mich zu meiner Tochter. Sie ist in die Höhe geschossen, geputzt und sieht blühend aus. Ich betrachte sie mit inniger Freude. Doch gibt sie keine Antwort und wendet sich zur Mutter mit bittender Geberde: „Mama, wir werden zu spät kommen." „Was ist mit unseren Kindern geschehen?", frage ich meine Frau auf dem Wege in das „Tivoli-Theater". „Sie sind doch sehr brav," antwortete meine Frau, „was findest Du denn an ihnen auszusetzen?" ,-,Nichts," sage ich, „nichts," aber ich möchte gerne erfahren, wohin „die Arbeit", „der Kampf", die hohen Ideale verschwunden sind." „Ach! Ideale!" sagt meine Frau; „der Mensch will leben, leben! . . . Sputen wir uns, die Vorstellung hat wahrscheinlich begonnen." Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! Wir laufen, wir fliegen, um ins Tivoli zu gelangen. Ist es Traum oder Wahrheit? Das lheater ist voll. Tausende Bekannte, alle zufrieden, lustig, geputzt, als ob's ein Fest, eine Hochzeitsfeier gäbe; einer begrüsst den andern mit einem süssen Lächeln auf den Lippen, mit jenem süssen Lächeln, das falsch, gezwungen und konventionell ist. Ich betrachte die zufriedenen, lebhaften, heiteren Gesichter und ich traue meinen Augen nicht — ist dies alles ein Traum? Sind das dieselben Menschen, die mit mir zusammen jene schrecklichen Oktoberpogrome durchgemacht haben, die in Kellern, Ställen und auf Dachböden ängstlich zusammengekauert den Atem anhielten? Haben sie sich nicht in Angst und Qual vor denjenigen geduckt, die über ihren Häuptern die schweren eisernen Stäbe schwangen. Cha-cha! — Haben sie dies schon vergessen? Haben sie denn keine Erinnerungen? Und die Frauen? Die Damen? Wenn sie erst die Damen sehen würden! Diese Toiletten! Diese Parfüms! Und alle sind sie dekolletiert, halbnackt, und alles lebt, lacht, tollt, rauscht, ist in steter Bewegung, alles nach einm Takt, nach einer neuen, sondei baren und brünstigen Melod.e! Still! — Da erscheint sie, auf welche so viele Augen schauen, der so viele Herzen entgegenschlagen. Alles verstummt, alles Leben konzentriert sich auf die Bühne, wo eine Sängerin, wie man sie überall in jedem Gartenpavillon sehen kann, erscheint. Doch nein! Das ist keine gewöhnliche Sängerin, keine gewöhnliche Tänzerin — das ist eine Hexe, die die ganze Stadt mit all ihren Bewohnern bezaubert hat. Bezaubert mit Hilfe einer Melodie, eines neuen Liedes. Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! So begann die Hexe zu singen, und das ganze Publikum fiel mit ein, Alle: Damen, Herren, Studenten, Mädchen, Kinder und Greise — alle sangen mit. Die Sängerin aber, die Hexe, peitschte das Publikum auf, nicht so sehr mit ihrem Gesang, als durch das Tanzen, nicht so sehr durch das Tanzen als durch die Bewegungen und das Augenzwinkern. Jeder Blick, jede Bewegung ruft Begeisterung, Ekstase hervor. Alles singt, lacht und freut sich. Ich aber betrachte diese Menschen und denke: „Herr des Himmels, träume ich? . . . Das ist ihnen von der ganzen Arbeit geblieben? . . . Das der Erfolg der Revolution — „Chawe"? .. . Ich betrachte meine Frau, meine Kinder; ich erkenne sie nicht mehr. Ich komme nachhause, ich will fragen, um Erklärung bitten, doch da singt mir schon als Antwort entgegen: Cnawe! Beim Friseur: Chawe! Ich nehme einen Wagen, da pfeift der Kutscher am Bock: Chawe! Weg! rufe ich und schLge den Kutscher auf die Schultern; er wendet Sich verdutzt zu mir und schaut mich wie einen Verrückten an. Aufgeregt eile ich nachhause. Ich läute und das Stubenmädchen öffnet die Tür, indem sie singt: Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! Ich halte mir die Ohren zu, ich renne ins Vorhaus, doch da schallt mir dieselbe Melodie entgegen. „Das ist unerträglich," sage ich zu meiner Frau und fasse mich an den Kopf. Sie schaut mich mitleidig an und sagt: „Du bist noch nicht vollständig gesund. Komm mit mir zu einem Arzt." Dann aber iingt sie: „Chawe,oj-oj, oj-oj Chawe!" Wieder Chawe! „Gut," sage ich, „komm zum Arzt!"

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